Die Partyfreuden mit den Amnesia Girls in der gleichnamigen Großraumdisco, dem schicksten Treffpunkt der Nachtschwärmer auf der Urlaubsinsel Ibiza, waren diesmal ziemlich getrübt. Alljährlich tankt der freiheitliche Parteichef Heinz-Christian Strache auf den Balearen Kondition für seinen Dauerwahlkampf. Im Schnitt fast elf Sonnenstunden täglich. Da kehrt man fit und braun gebrannt zurück. In diesem Jahr verhagelten allerdings zwei Ereignisse in der Heimat die mediterrane Sommerfrische: der Parteiausschluss des Tiroler FPÖ-Ultras Werner Königshofer und die – noch nicht rechtskräftige – Verurteilung des Kärntner Kampfgefährten Uwe Scheuch wegen eines Korruptionsdeliktes.

Als er in den Urlaubsflieger kletterte, hatte seine Partei in den meisten Umfragen die Nase vorn, und der Anspruch, demnächst in Österreich die Regierungsgeschäfte übernehmen zu wollen, war nicht mehr aus der Luft gegriffen. Die gesamte Parteistrategie war auf dieses Ziel ausgerichtet. Zurückgekehrt, landete der FPÖ-Obmann mitten in einem Zweifrontenkrieg, der die rosigen Aussichten auf einen freiheitlichen Triumph bei den nächsten Nationalratswahlen beträchtlich infrage stellt.

Kaum hatte das Landesgericht Klagenfurt seinen Schuldspruch gegen Uwe Scheuch in der mittlerweile sprichwörtlich gewordenen part of the game-Affäre gefällt (der freiheitliche Landeschef hatte in einem mitgeschnittenen Telefonat versichert, es sei doch selbstverständlich, dass die fette Parteispende eines russischen Oligarchen mit der Verleihung der österreichischen Staatsbürgerschaft belohnt werde), begann die freiheitliche Funktionärsschicht geschlossen gegen den »Schauprozess«, die »Gesinnungsjustiz« und das »Schandurteil« Amok zu laufen. Bis heute trieft giftgrüner Schaum aus nahezu jeder Wortmeldung. Zu Beginn der Woche verschickte die Unschuld aus dem Kärntner Oberland eine Postwurfsendung an alle Haushalte seines Bundeslandes, in der Uwe Scheuch die Erinnerung an die Nachstellungen, denen das verstorbene Idol Jörg Haider ausgesetzt war, heraufbeschwört und gegen die »linke Jagdgesellschaft« in den Medien (der Begriff ist ein Haider-Evergreen) zetert. Ausgerechnet mit einem Zitat von Bertolt Brecht gelobt er, bis zum Endsieg durchzuhalten: »Wer nicht kämpft, hat schon verloren.«

Mit einem verschämten Rückzug des freiheitlichen Parteiadeligen auf den familiären Gutshof in Mühldorf wäre den Kanzlerambitionen des Parteiobmannes besser gedient gewesen. Die andauernden Rechtfertigungstiraden drohen hingegen Gelegenheitswähler der FPÖ, die den Rechtsstaat nicht automatisch als protostalinistisches Inquisitionstribunal ansehen, eher zu verschrecken – einige entscheidende Wählerprozente könnten dadurch am Wahlabend fehlen. Vor eineinhalb Jahren noch, als Strache und Scheuch die Wiedervereinigung ihrer gespaltenen Gesinnungsgemeinschaft feierten, schien der Weg zum Erfolg für die blauen Kohorten geebnet. Nun entpuppen sich die Kärntner Kameraden als Klotz am Bein des leichtfüßigen Discoprinzen aus Wien. Zumindest bis zum Berufungstermin vor dem Oberlandesgericht in Graz muss er nun diese Last mitschleppen.

Potenziell ruinöser für den Traum vom Bundeskanzleramt ist allerdings die an sich nur wenig bedeutsame Affäre um den Rauswurf des Tiroler Verbalextremisten Königshofer. Denn sie beschwört neuerlich das Gespenst der Parteispaltung herauf.

Der einschlägig vorbelastete Nationalratsabgeordnete aus Wattens (Mitglied der schlagenden Burschenschaft Brixia und ehemals Parteigänger in Norbert Burgers Neonazi-Truppe NDP) ist bekannt dafür, regelmäßig im Internet fundamentalistische Spruchweisheiten zu verbreiten. Nach dem Massaker von Norwegen war er neuerlich verhaltensauffällig geworden und prompt von der FPÖ-Feuerwehr aus der Partei ausgeschlossen worden.

Doch der Jurist und Historiker ist fest im nationalen Lager verankert. Die Burschenschafter-Riege, das Rückgrat der neu formierten Freiheitlichen, machte Druck auf ihr Sprachrohr, den Dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf, der umgehend die Entscheidung infrage stellte: Er meldete innerparteilichen Diskussionsbedarf an, da er etliche »Ausschlüsse wegen Gefahr in Verzug« kenne, die später wieder zurückgenommen worden seien. Am Wort seien nun Parteivorstand und Parteigericht.

An der nationalen Front der FPÖ gärt es: Der Stimmenfänger Strache droht dem Einfluss der Partei-Fundis zu entgleiten. Ein rechter Recke sagt, was viele von altem Schrot und Korn denken: »Um Parteichef zu werden, hat Strache uns und die Burschenschafter gebraucht. Auch um ein paar Prozent bei den Wahlen dazuzugewinnen«, meint Rudolf Melcher, ehemals Landtagsabgeordneter in Tirol und bis vor Kurzem Mitglied im Bundesparteivorstand: »Aber jetzt, wo es darum geht, in die Regierung zu kommen, wollen sie uns loswerden. Das war in der FPÖ schon immer so. Aber es braucht beide Lager in der Partei.« Das dürfte Strache bei den Amnesia Girls auf Ibiza vergessen haben.