Ernteverluste Vier Cent für fünf Früchte

Warum die Mangos von Bauer Melesse im Hungerland Äthiopien vergammeln.

Melesses ganzer Stolz vergammelt am Baum. Ab und zu fällt er dumpf plumpsend zu Boden, und fressen die Kühe ihn nicht auf, wird es in ein paar Tagen anfangen zu stinken. Melesses Stolz sind die Früchte seiner 30 Mangobäume. Im Südosten Äthiopiens droht 4,5 Millionen Menschen der Hunger, in Melesses Dorf in der Region Benishangul-Gumuz im Westen des Landes gibt es Mangos im Überfluss. Und wie ihm geht es auch anderen: Manchmal 30, mitunter sogar 70 Prozent aller Früchte verrotten nach der Ernte.

»Jesus liebt mich, deshalb habe ich so viele und so süße Mangos«, sagt Melesse. Die reifen haben junge Helfer gerade von seinen Bäumen geschüttelt und zu großen Haufen aufgetürmt. Ein Unternehmer aus der zwei Tagereisen entfernten Hauptstadt Addis Abeba will sie mit seinem Lastwagen abholen. Einen Birr, umgerechnet rund vier Cent, zahlt der Mann für fünf Früchte. In Addis Abeba kostet ein Glas Mangosaft dann zehn bis 25 Birr.

Anzeige

Aber der Händler lässt auf sich warten. »Vielleicht hat er jemanden gefunden, der noch billiger verkauft als ich. Dann sehen die guten Mangos bald so aus«, sagt Melesse und hebt eine Handvoll faseriger, brauner Kerne auf, die in seinem Garten liegen. Sonne, Regen und Fliegen verwandeln die festen Früchte in wenigen Tagen in eine stinkende Pampe. »Ich verliere sieben von zehn Mangos«, schätzt der 83-jährige Bauer. Wenn der Gestank der vergammelnden Früchte unerträglich wird, übergießen die Dorfbewohner die Haufen mit teurem Benzin und verbrennen, was niemand haben will.

Melesse tut das nicht. Vor 30 Jahren wurde der Bauer unter dem kommunistischen Diktator Mengistu Haile Mariam aus dem kargen Norden in den fruchtbaren Westen des Landes zwangsumgesiedelt, weil der Boden in seiner Heimat nicht genug hergab, um ihn und seine Familie zu ernähren. »Damals gab es oft Hunger, und jetzt soll ich das, was der Herr uns schenkt, verbrennen? Das kann doch nicht sein«, sagt er. Man hat ihm erzählt, dass in anderen Teilen Äthiopiens wieder Millionen Menschen auf Lebensmittel-Hilfslieferungen aus dem Ausland angewiesen sind. Täglich betet Melesse, dass der Herr ihnen ein paar Mangos schenkt.

Damit soll es nicht genug sein: Der Bauer findet, dass das Dorf eine eigene Mangosaft-Fabrik brauche. Dann müsse nichts vergammeln, »und die ganze Welt wird erfahren, wie süß unsere Mangos sind«, sagt er. Aber reicht das wirklich? In der Handelskammer im zehn Kilometer von Melesses Mangobäumen entfernten Provinz-Hauptort Asosa heißt es, dass eine Fabrik alleine nichts bringe, weil es an ausgebildeten Arbeitskräften mangele. Also brauche es Ausbildung und Training. Und selbst das wäre nicht genug, meint die regionale staatliche Investitionsagentur: »Eine Fabrik mit gut ausgebildeten Leuten? Die Mangosaison dauert doch höchstens drei Monate«, sagt dort ein junger Mann. »Was wir brauchen, ist ein Großinvestor, der einen Damm baut, das Land bewässert und andere Früchte wie Orangen und Avocados anbaut. Dann könnte die Saftfabrik das ganze Jahr laufen, der Investor wird reich, und bei uns vergammeln keine Mangos mehr.«

Mitslal Kifleyesus meint, man müsse den Mangobauern vor allem ihren Stolz zurückgeben. Ihre Firma Ecopia will zusammen mit örtlichen Bauern-Kooperativen in Asosa eine Manufaktur zur Mangoverarbeitung bauen. »Von Asosa sind es 660 Kilometer bis Addis Abeba und 1500 Kilometer bis zum Hafen in Dschibuti, auf teilweise katastrophalen Straßen. Nur wenn wir die Produkte vor Ort veredeln, lohnt sich der Transport«, sagt die ehemalige Unternehmensberaterin.

Doch von Veredelung haben die Mangobauern noch nie etwas gehört. Einkochen, Entsaften, Trocknen? Fehlanzeige. »Wir wissen nicht, was man mit den Mangos machen kann. Das muss uns doch erst mal jemand zeigen«, sagt Bauer Melesse. Zur nächsten Saison soll das geschehen, »dann sind wir mit einer neuen Manufaktur vor Ort«, verspricht Mitslal Kifleyesus, die in der mangofreien Zeit unter anderem Hibiskus und Okraschoten verarbeiten möchte.

Bis es so weit ist, wird die 14-jährige Zinet weiterhin jeden Samstag mit einer Kiepe voller Mangos zum Markt in Asosa marschieren. Fast 100 Früchte schüttelt sie am Abend von den acht Bäumen ihres Vaters, macht sich dann im Morgengrauen auf den zweistündigen Marsch nach Asosa. Dort steht sie unter dem Grasdach eines Marktstandes, verkauft ein paar Mangos für sehr wenig Geld. »Was wir bis vier Uhr nachmittags nicht losgeworden sind, verschenken wir. Wenn es keiner haben will, schmeißen wir es weg. So müssen wir nichts wieder zurückschleppen«, sagt Zinet.

Melesse geht nicht mehr zum Markt. Er verschenkt seine Mangos lieber gleich an die Kirchgänger im Ort. Manche tun ihm den Gefallen und nehmen ein paar mit.

 
Leser-Kommentare
  1. '»Wir wissen nicht, was man mit den Mangos machen kann. Das muss uns doch erst mal jemand zeigen«, sagt Bauer Melesse.'

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • evel
    • 15.08.2011 um 19:01 Uhr

    ich muss natürlich zugestehen, dass ich nicht weiß, was für einem Beruf Sie nachgehen, aber ich wage stark zu bezweifeln, dass Sie ohne Ausbildung durch bereits gebildetet Eltern, Schule und Betrieb odr Universität in der Lage wären ihn auszuüben.
    Mit scheint es zumindest eine beachtliche Leistung zu sein dass die Bauern dort erkannt haben, dass sie mit Anleitung einiges hinzulernen könnten und auch den Willen dazu haben.

    • evel
    • 15.08.2011 um 19:01 Uhr

    ich muss natürlich zugestehen, dass ich nicht weiß, was für einem Beruf Sie nachgehen, aber ich wage stark zu bezweifeln, dass Sie ohne Ausbildung durch bereits gebildetet Eltern, Schule und Betrieb odr Universität in der Lage wären ihn auszuüben.
    Mit scheint es zumindest eine beachtliche Leistung zu sein dass die Bauern dort erkannt haben, dass sie mit Anleitung einiges hinzulernen könnten und auch den Willen dazu haben.

    • evel
    • 15.08.2011 um 19:01 Uhr

    ich muss natürlich zugestehen, dass ich nicht weiß, was für einem Beruf Sie nachgehen, aber ich wage stark zu bezweifeln, dass Sie ohne Ausbildung durch bereits gebildetet Eltern, Schule und Betrieb odr Universität in der Lage wären ihn auszuüben.
    Mit scheint es zumindest eine beachtliche Leistung zu sein dass die Bauern dort erkannt haben, dass sie mit Anleitung einiges hinzulernen könnten und auch den Willen dazu haben.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Marmelade, Saft, einkochen, süß oder sauer einlegen, Kuchen backen, Schnaps brennen u.s.w. Das gehört zum kleinen Einmaleins auf dem Bauernhof. Ein Haushalt in Äthiopien, der was auf sich hält, braut sein eigenes Bier. Und mit Mangos weiß er nichts anzufangen? Aber selbst wenn er es wüßte, wäre immer noch keine Straße da, über die man Produkte in größerem Stil transportieren könnte.

    Marmelade, Saft, einkochen, süß oder sauer einlegen, Kuchen backen, Schnaps brennen u.s.w. Das gehört zum kleinen Einmaleins auf dem Bauernhof. Ein Haushalt in Äthiopien, der was auf sich hält, braut sein eigenes Bier. Und mit Mangos weiß er nichts anzufangen? Aber selbst wenn er es wüßte, wäre immer noch keine Straße da, über die man Produkte in größerem Stil transportieren könnte.

  2. ein Grund warum Äthiopien Äthiopien bleibt.

  3. Das Problem mit den sog. ´´high value products´´ ist der Markt. Wer hat Herrn Melesse geraten, verderbliche Produkte so weit entfernt vom Markt anzubauen? Auch eine Mangosaftfabrik würde das Vermarktungsproblem nicht wirklich lösen, sondern nach Kostenerhöhung höchstens verlagern solange es keinen Markt für den Saft gibt. Unverkäufliche Mangos können auch das Hungerproblem in Äthiopien nicht bewältigen. Gefragt ist eine Rückbesinnung auf die Thünenschen Kreise, altmodisch zwar, aber immer wieder überzeugend (wikipedia.org/wiki/Thünensche_Ringe).

    Eine Leser-Empfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    anzubauen? Wer wohl? Natuerlich betreibt er seine Land-wirtschaft dort, wo er Land hat. Aber dem Mann kann geholfen
    werden. Die Entwicklungshilfe hat Programme fuer solche
    Leute. Bevor der vielgeschmaehte Grossinvestor kommt, laesst
    sich viel tun. Wenn dort ein Staudamm gebaut werden kann,
    sollte man es tun ohne auf die Unkenrufer einiger Widerstaendler zu hoeren.

    anzubauen? Wer wohl? Natuerlich betreibt er seine Land-wirtschaft dort, wo er Land hat. Aber dem Mann kann geholfen
    werden. Die Entwicklungshilfe hat Programme fuer solche
    Leute. Bevor der vielgeschmaehte Grossinvestor kommt, laesst
    sich viel tun. Wenn dort ein Staudamm gebaut werden kann,
    sollte man es tun ohne auf die Unkenrufer einiger Widerstaendler zu hoeren.

  4. Marmelade, Saft, einkochen, süß oder sauer einlegen, Kuchen backen, Schnaps brennen u.s.w. Das gehört zum kleinen Einmaleins auf dem Bauernhof. Ein Haushalt in Äthiopien, der was auf sich hält, braut sein eigenes Bier. Und mit Mangos weiß er nichts anzufangen? Aber selbst wenn er es wüßte, wäre immer noch keine Straße da, über die man Produkte in größerem Stil transportieren könnte.

    Antwort auf "Sehr geehrter Sheitan,"
  5. warum baut man nicht einfach ein paar Tunneltrockner oder zeigt diesen Leuten wie es geht? Das ist Low-Tech und mittlerweil weit verbreitet, oder nicht. Eine Plane, ein Lüfter aus einem alten Computer, ein paar Bretter, etwas Maschendraht, etwas schwarze Farbe, ein paar Holzstäbe von alten Besen, einige Schrauben oder Nägel oder Draht - das reicht schon um jeden Tag z.B. 500 kg an Mangos zu trocknen, oder jede andere Frucht. Mit den Schalenresten könnte er Schaben oder Grillen füttern, und mit denen z.B. Hühner mästen. Aber er liest natürlich nicht die Kommentare auf zeit.de...

    Eine Leser-Empfehlung
  6. anzubauen? Wer wohl? Natuerlich betreibt er seine Land-wirtschaft dort, wo er Land hat. Aber dem Mann kann geholfen
    werden. Die Entwicklungshilfe hat Programme fuer solche
    Leute. Bevor der vielgeschmaehte Grossinvestor kommt, laesst
    sich viel tun. Wenn dort ein Staudamm gebaut werden kann,
    sollte man es tun ohne auf die Unkenrufer einiger Widerstaendler zu hoeren.

  7. Ähnlich wie Duchamp ist mir beim Lesen des Artikels auch die Idee gekommen, dass Trocknen wahrscheinlich das Beste wäre, mit weniger Kosten und Aufwand als die Produktion von Saft verbunden. Jenseits dessen gibt es aber ein anderes Problem: kürzlich erzählte jemand, der lange im Süden Afrikas gereist ist, dass Mangos dort üblicherweise nicht gegessen werden. Es ist also auch ein "Image"-Problem bzw. ein Problem, dass die Menschen wahrscheinlich viel zu wenig darüber wissen, wie gesund, jenseits des Problems des Hungers, Mangos sind.

    UND: die frischen Mangos werden die Hungernden nicht erreichen, dh. nur in Kühltansportern. Bei getrockneten Mangos wäre das schon eher möglich.

    Dies zeigt auch Folgendes: alle Länder (weltweit) müssten sich zunächst um eine sichere Nahrungsmittel-Versorgung für die eigene Bevölkerung bemühen. Dazu gehört auch die Analyse, welche Lebensmittel (und welche Arten) angepasst und robust genug sind, auch Klimaextreme zu überstehen. Und wenn dann noch Potenzial da ist, dann kann man für den Export produzieren. Das würde vieles verändern, auch Strukturen, die noch auf die Kolonialzeit zurückgehen, nämlich primär für den Bedarf der Reichen zu produzieren, Kakao, Kaffee ... und heute auch: Biotreibstoff

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    aber nicht so oft von den Einheimischen. Wahrscheinlich hat
    der Bauer die Baeume gar nicht gepflanzt, es gibt viele
    wilde Mangos. Wenn er Obstbauer sein will, muss er einen
    Baumbestand anlegen, der ihm moeglichst das ganze Jahr ueber
    Ernte bringt. Das ist in Afrika moeglich aber es wird noch
    viel Zeit brauchen, das zu organisieren. Haben Sie schon
    beobachtet, dass die gesamte Landarbeit ueblicherweise von
    Frauen verrichtet wird? Und die bringen dann auch die Produkte zum weit entfernten Markt.

    aber nicht so oft von den Einheimischen. Wahrscheinlich hat
    der Bauer die Baeume gar nicht gepflanzt, es gibt viele
    wilde Mangos. Wenn er Obstbauer sein will, muss er einen
    Baumbestand anlegen, der ihm moeglichst das ganze Jahr ueber
    Ernte bringt. Das ist in Afrika moeglich aber es wird noch
    viel Zeit brauchen, das zu organisieren. Haben Sie schon
    beobachtet, dass die gesamte Landarbeit ueblicherweise von
    Frauen verrichtet wird? Und die bringen dann auch die Produkte zum weit entfernten Markt.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service