Vom Himmel aus stellt sich die Situation folgendermaßen dar: Da steht ein riesiger Bau mit dem Grundriss eines Kreuzes. Daneben steht ein kümmerliches Häuschen mit dem Grundriss eines verbeulten Kreises. Von dem großen haben in Deutschland die meisten Menschen schon einmal gehört. Es ist das CentrO in Oberhausen. Die umsatzstärkste Shoppingmall der Republik, errichtet auf den Trümmern der untergegangenen Schwerindustrie. Auf dem Gelände "Neue Mitte", wo heute neben dem Einkaufstempel ein Freizeitpark, ein Multiplexkino und ein Dutzend Restaurants untergebracht sind, wurden Anfang der neunziger Jahre die letzten Hochöfen abgerissen.

Vom kleinen, verbeulten Kreuz weiß kaum jemand. Es ist das Kirchenzentrum des CentrO. Denn in der Shoppingmall in Oberhausen findet man nicht nur Pullover, Kuchengabeln und Smartphones. Man kann auch beten oder wieder in die Kirche eintreten. Die katholische und die reformierte Kirche bieten hier gemeinsam ein kirchliches Angebot samt Seelsorge in absichtsvoller Verbindung zu einer Shoppingmall. Das ist einzigartig in Deutschland. Wenn man Österreich und die Schweiz dazunimmt, gibt es jedoch im deutschsprachigen Raum schon vier solcher Einrichtungen: Auch in Innsbruck, Linz und Zürich existieren Shoppingmalls mit integrierten Andachtsräumen. Im hessischen Sulzbach wurde ein kirchlicher "Raum der Stille" von der Leitung des Main-Taunus-Zentrums gerade abgelehnt.

Kann so etwas funktionieren? Im Kirchenzentrum in Oberhausen hat heute Pater Tertünte Dienst. Er ist ein geweihter Priester, was man ihm jedoch nicht ansieht, weil er ein kariertes Flanellhemd und Jeans trägt. Tertünte ist 45. Er hat einen kurzen, hellen Bart und eine Vorliebe für das Direkte, Zupackende. Mit Mitte 20 trat er dem Orden der Dehonianer bei. Das ist eine apostolische Gemeinschaft, die sich zum Ziel gesetzt hat, Mystik und Politik zu verbinden. Tertüntes Wirkungsgebiet liegt seither im Umfeld der "Citykirche". Dieses theologische Konzept kam in den neunziger Jahren auf. Damals konnten die großen Kirchen nicht mehr ignorieren, dass ihnen die alte Klientel weggestorben und eine neue nicht nachgewachsen war. Der Kerngedanke der Citykirche lautet: dorthin gehen, wo die Menschen sind. Das führte zu "Offenen Kirchen" in vielen deutschen Städten und zu "Gesprächscafés" in manchen Fußgängerzonen.

Vielleicht dreißig Leute kommen jeden Nachmittag ins Kirchenzentrum des CentrO. Viele warten schon, wenn um 13 Uhr eine Mitarbeiterin die Türen öffnet. Die allermeisten kommen, weil hier der Kaffee günstiger und immer auch ein selbst gebackener Diabetikerkuchen im Angebot ist. "Die Zentrumsleitung duldet es, dass wir mit Dumpingpreisen arbeiten", sagt Pater Tertünte. Das Café hat einen schönen Terrakottaboden und etwas zu viele Tischchen. Vor ein paar Jahren hat Tertünte eine Weiterbildung absolviert, in der es darum ging, wie man Menschen, die beim Einkaufen sind, auf religiöse Themen anspricht. "Ich habe maximal zehn Minuten Zeit für ein Gespräch, das ist eine Herausforderung." Die Technik heißt "Touch & Go". Sie passt perfekt in die Warenwelt: Am Anfang eines Kontakts muss ein knackiger Slogan stehen, sonst hat der Kunde kein Interesse.

Anders als im Foodcourt der Mall wird man im Kirchenzentrum nicht mit Musik beschallt. Durch die Fenster, die bis zum Boden reichen, kommt Tageslicht herein. Mit dem Café wird das Kirchenzentrum hauptsächlich finanziert. Das Kernstück der Einrichtung aber befindet sich im hinteren Teil des winkeligen Baus, direkt neben den Toiletten: der Raum der Stille. Die Tür steht immer offen. Ich gehe hinein.

Bei mir funktioniert es nicht. Ich habe alle meine Tüten unter dem Stuhl verstaut und das Handy auf stumm geschaltet. Jetzt sitze ich in diesem nüchternen Raum und zwinge mich, den Blick nicht herumrasen zu lassen. Übermäßig viel gibt es ohnehin nicht zu sehen. Auf einem Pult liegt aufgeschlagen ein Buch, das Buch, die Bibel. Außer mir ist niemand hier. Aus dem Café sind ein paar leise Stimmen zu hören. Ich versuche mich auf die Atmosphäre, die Ruhe, die Blumen zu konzentrieren. Ruhe ist etwas, wonach ich mich sehne. Jeden Tag nehme ich mir vor, ihr ein bisschen Raum zu geben. Aber ich weiß nicht, wie. Tagsüber habe ich keine Zeit. Am Ende des Tages bin ich zu müde. Hier hätte ich sie nun, aber ich kann damit nichts anfangen.

Das "dez" in Innsbruck ist das größte Einkaufszentrum in Tirol. Aber anders als im CentrO hatten die Erbauer keine architektonischen Großambitionen und mussten auch keine riesige städtische Leerestelle füllen. Das dez liegt in einem Gewerbegebiet am Stadtrand. Bevor es gebaut wurde, waren hier Wiesen. Auch heute muss man nur einmal die Ausfallstraße überqueren, scharf links abbiegen und befindet sich dann nach wenigen Schritten auf der Hauptstraße des eingemeindeten Bauerndorfes Amras. Mitsamt Misthaufen und Siegesplaketten von Viehschauen an den Stallwänden. Wenige Meter weiter steht die Pfarrkirche von Amras. Ihr spitzer Turm überragt das dez auf eine Weise, dass es vom Parkplatz her aussieht, als ob beide zueinandergehören. Das Portal der Pfarrkirche ist nicht versperrt. Aber man darf nur den Vorraum betreten. Da, wo die hell geschnitzten Bänke beginnen, verschließt ein geschmiedetes Gitter den barocken Kirchenraum. Der Andachtsraum im Shoppingzentrum liegt nicht einmal 500 Meter Luftlinie entfernt, doch in einem anderen Universum.

Das Kirchenzentrum im dez heißt "Der Brunnen". Es liegt im ersten Stock, direkt über Aldi, Wand an Wand mit der Douglas-Parfümerie. Wenn man die Mall vom Parkhaus her betritt, kommt man automatisch daran vorbei. Zuerst sieht man nicht genau, was hier überhaupt angeboten wird. Trotzdem bleiben einige Leute stehen. Aus dem Plexiglasgestell, das auf einem schmalen Tresen steht, nehmen sie bunte Kärtchen. Die Kärtchen sehen aus wie Coupons, aber sind mit Sinnsprüchen bedruckt, die man ins Portemonnaie stecken kann: "Wo kämen wir hin / wenn alle sagten / wo kämen wir hin / und niemand ginge / um einmal zu schauen / wohin man käme / wenn man ginge." Vor dem Eingang des Andachtsraums steht ein Aufsteller mitten im Weg: "Wenn es dir gut tut ... dann komm". Die Tür zum Raum der Stille steht auch hier offen.