Nach drei Tagen und zwei Nächten auf dem Wasser dümpeln wir gegen 22 Uhr vor der Oberbaumbrücke. Rubinrot versinkt die Sonne hinter den Türmen und Dächern von Kreuzberg, die Spree liegt da wie Seide, changiert zwischen Gold und Lila. Ein Reiher zieht vom Osthafen-Quai zur Landwehrkanal-Schleuse, die um diese Uhrzeit geschlossen ist, das zeigt die Ampel an.

Vollkommen ungestört treiben wir in der Fahrrinne. In Rufweite der Anlegesteg für unsere Wasserkutsche . Auf dem handgefertigten Holzkajütboot haben wir das verzweigte Seengebiet im Berliner Südosten erkundet. Jetzt sind es nur noch wenige Meter, dann geht die Fahrt in diesem schwimmenden Apartment, das uns wie in einer Raumkapsel durch die Weiten des Wasserkosmos gebracht hat, zu Ende.

Wir sind am Freitag gestartet. Während der ersten Minuten ist Reeder Rademacher noch mit an Bord und weist in die Handhabung des Bootes ein. Ein Führerschein ist nicht notwendig. Die Wasserkutsche, wie Rademacher seine Boote nennt, ist mit einem leisen, umweltfreundlichen Elektromotor ausgestattet, der aber ausreichend stark ist, um »Strecke zu machen«. Es geht die Spree stromaufwärts gen Osten, zwischen roten und grünen Begrenzungstonnen hindurch. Navigation kein Problem, hin und wieder ein anderes Sport- oder Kajütboot, ein Kohlefrachter, in Polen registriert, ein Fahrgastschiff, dessen Passagiere der Wasserkutsche zuwinken.

Nach einer Viertelstunde, vorbei am Treptower Park, liegt backbord die ehemalige Fischersiedlung Stralau mit Steinkirche und Friedhof – einer der ältesten Siedlungsorte der Umgegend, der ab dem 15. Jahrhundert mit dem »Kiez Cölln« zusammenwuchs und Berlin entlang des Wassers entstehen ließ. Kiez, das alte Wort für Fischersiedlung. Heute ist die Halbinsel Stralau eine in den neunziger Jahren entworfene Townhouse-Ödnis – mit Spreeblick, immerhin. Steuerbord trifft sich auf der zu DDR-Zeiten so titulierten »Insel der Jugend« tatsächlich die Jugend, trinkt an hübschen Seerosenbuchten Bierchen, raucht Jointchen, während drum herum alle Ruderboote des Verleihs in Betrieb sind.

Auf der Festlandseite gegenüber liegt der Zenner-Biergarten, den Wilhelm II., mit seiner Jacht vom Schloss in Mitte her kommend, noch bis in den letzten Weltkriegssommer 1918 ansteuern ließ. Und so sehr hat sich das Bild in den letzten einhundert Jahren vielleicht gar nicht verändert, gemessen am Tanzstil, den die Damen und Herren zur Salonmusik der Kapelle zelebrieren.

Nach einer halben Stunde Fahrt, auf Höhe Oberschöneweide, verändert die Spree ihren Charakter. Bei starkem Regen kann es passieren, dass im Zentrum die Kanalisation überläuft, die Spree also verschmutzt wird. Hier draußen stehen an ihrem Ufer zwar immer noch Wohnhäuser und Gewerbegebäude, das Wasser ist aber augenscheinlich sauber. Die Leute schwimmen darin. Springen vom Ufer aus hinein, hier und dort sind auch kleine Badestellen angelegt. Uns jedoch drängt es zu den Seen.

Vor der Köpenicker Altstadt mündet in die Spree die Dahme. In diese biegen wir ab und fahren am Köpenicker Schloss vorbei hin zum Langen See. Die Dahme war wie die Spree einst ein in Mäandern sich windendes Gewässer voller Untiefen – bis die Preußen im 19. Jahrhundert Flüsse begradigten, Sümpfe trockenlegten und so ein ganzes Netz von Wasserstraßen schufen. Die Schiffsbahnen verhalfen damals der Wirtschaft zum Aufschwung, Güter konnten jetzt schnell und in großen Mengen über weite Entfernungen transportiert werden. Heute zockeln wir diese Wege mit unserer Wasserkutsche entlang in Richtung Entschleunigung.