Kindergarten Vorlesen reicht nicht

Planlosigkeit bestimmt die Arbeit in vielen Kindergärten. Gerade für die Sprachförderung der Jüngsten fehlen gute Konzepte.

Die Sprache ist der Schlüssel. Der Schlüssel zu guten schulischen Leistungen, zu Integration und besseren beruflichen Chancen. Nie wieder wird so viel Sprache in so kurzer Zeit erlernt wie in der frühen Kindheit – gerade deshalb ist die gezielte Sprachförderung eine zentrale Aufgabe der Kindertagesstätten. 400 Millionen Euro will die Bundesregierung bis zum Jahr 2014 dafür bereitstellen. Mit der Initiative »Offensive Frühe Chancen« sollen vor allem in sozialen Brennpunkten Kitas darin unterstützt werden, die Themen Sprache und Integration zu Schwerpunkten auszubauen. Schon jetzt gibt es »Leuchtturm-Einrichtungen«, in denen hervorragende Arbeit geleistet wird. Aber wie sieht es in der »normalen« Kindertagesstätte aus?

Kein Kindergarten will mehr nur betreuen und aufbewahren; es gilt längst als selbstverständlich, die Kita als Bildungsort zu verstehen. Und doch können diesen Anspruch nur wenige Einrichtungen wirklich erfüllen. Während Lehrkräfte für die Vor- und Nachbereitung des Unterrichts Arbeitszeit angerechnet bekommen, wird vom Personal einer Kita verlangt, die Planungen in Anwesenheit der Kinder nebenbei zu tätigen. Diese Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit führt in vielen Kitas zu einer merkwürdigen Scheinpädagogisierung. Statt kritisch zu erkunden, was unter den gegebenen Umständen an Förderung tatsächlich möglich ist, wird so getan, als ob in einer »modernen« Einrichtung Bildung sozusagen von selbst stattfände. Schlichte Planlosigkeit kommt im Gewand wohlklingender Konzept-Namen daher. Vom Situationsansatz ist da die Rede, von Freinet- und Reggio-Pädagogik, da wird das Fehlen von Angeboten mit dem Hinweis gerechtfertigt, man gehe »vom Kinde aus« und wolle den Kindern keine Themen »überstülpen«.

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Dabei sind es aufwendige Konzepte, die sich hinter den Begriffen Freinet- und Reggio-Pädagogik verbergen. Elise und Célestin Freinet gingen in ihrem um 1920 entwickelten Konzept vom Kind und seinen Interessen aus. Die Reggio-Pädagogik macht das Kind mit seiner Entdeckerfreude und seinem Wissensdrang zum Auslöser pädagogischer Arbeit. Beide Ansätze erfordern den hoch konzentrierten Einsatz von Erzieherinnen (Männer sind in diesem Beruf immer noch eher selten), abrufbares Wissen, Kreativität und Einfühlungsvermögen. Keineswegs ist damit gemeint, dass die Erzieherin in der Erwartung, den Kindern werde schon etwas einfallen, völlig unvorbereitet zur Arbeit kommt.

Im Vertrauen darauf, dass die Kinder dank ihrer Neugier und ihrem Wissendrang sich quasi selbst fördern, wenn sie nur die notwendige Freiheit und etwas Material vorfinden, hat sich die Mehrheit der Kindertagesstätten inzwischen für das Prinzip »Offene Kita« entschieden. Das bedeutet, dass sich die Kinder zwischen verschiedenen Gruppenräumen, in denen jeweils eine andere Aktionsmöglichkeit besteht, frei bewegen können: In einem Raum befinden sich Baumaterialien oder Puppen, in einem anderen Instrumente zum Wiegen und Messen, im nächsten Rhythmus- und Musikinstrumente, und wer turnen oder toben will, kann den Gymnastikraum nutzen. Die Tätigkeit der Erzieherinnen beschränkt sich weitgehend darauf, die Kinder im Auge zu behalten, Streit zu schlichten und ansprechbar zu sein. Mit gezielter Sprachförderung hat das wenig zu tun.

Eine Kindertagesstätte, die die Sprachförderung mehr oder weniger dem Zufall überlässt und sich ansonsten darauf beruft, dass ja auch vorgelesen und gemeinsam gesungen wird, kann die Erwartungen an eine programmatische Arbeit, eine gezielte Sprach- und Intelligenzförderung, möglichst dokumentiert und überprüfbar, nicht erfüllen.

Tatsache ist, dass viele Kitas trotz der wohlklingenden pädagogischen Konzepte in Wirklichkeit nicht viel mehr sind als das, was die geächtete »Bewahranstalt« auch war: ein Ort zum Kinderhüten.

Selbstverständlich brauchen die Kinder auch eine Phase des freien Spiels. Wenn aber die gelenkte Zeit nur noch aus einem kurzen Stuhlkreis am Morgen oder einem gemeinsamen Lied besteht, während sich die Kinder die meiste Zeit an ihrem jeweiligen Lieblingsplatz im Gruppenraum x aufhalten dürfen, bleibt die Sprachförderung auf der Strecke.

Leser-Kommentare
    • Todoy
    • 12.08.2011 um 6:41 Uhr

    Was eine Kartoffel ist, weiß er bereits aus Erfahrung. Und die Bennenung der Fahrradteile dürfte Emilia eher langweilen. Dabei muß bei all dem verbalen Desinteresse der Erzieherin sie noch darauf achten, dass der Fremsprachenunterricht nicht zu kurz kommt.

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    hauptsache, die kleinen können kyoto-protokoll buchstabieren.
    mehr dazu unter:
    http://www.sueddeutsche.d...

    hauptsache, die kleinen können kyoto-protokoll buchstabieren.
    mehr dazu unter:
    http://www.sueddeutsche.d...

  1. hauptsache, die kleinen können kyoto-protokoll buchstabieren.
    mehr dazu unter:
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    Antwort auf "Erfahrungswelt"
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    Das erlebt man doch immer wieder: Faßt das nicht an! mach' dich nicht schmutzig! paßt auf! renn' nicht! Zieh' die Jacke an! Zieh die Jacke aus! Sei vorsichtig! Geh da nicht lang! Geh' da lang! Komm' jetzt! Geh' weiter! Bleib stehen!

    Ich denke häufig ist es eher diese Übervorsicht und Ängstlichkeit der Eltern: Auf den BAum klettern? Schon an der Kletterspinne kraxeln doch 50% der Eltern ihrem Kind hinterher, um es "zu schützen". Am Flüßchen spielen? Wie groß kann der Spaß sein, wenn man ständig ermahnt wird, sich nicht naßzumachen, die guten Schuhe im Schlamm...und wenn es gar reinfällt, das Kind?
    "Mein Kind fällt immer so schnell hin...Felix, Du sollst doch nicht rennen"

    Das erlebt man doch immer wieder: Faßt das nicht an! mach' dich nicht schmutzig! paßt auf! renn' nicht! Zieh' die Jacke an! Zieh die Jacke aus! Sei vorsichtig! Geh da nicht lang! Geh' da lang! Komm' jetzt! Geh' weiter! Bleib stehen!

    Ich denke häufig ist es eher diese Übervorsicht und Ängstlichkeit der Eltern: Auf den BAum klettern? Schon an der Kletterspinne kraxeln doch 50% der Eltern ihrem Kind hinterher, um es "zu schützen". Am Flüßchen spielen? Wie groß kann der Spaß sein, wenn man ständig ermahnt wird, sich nicht naßzumachen, die guten Schuhe im Schlamm...und wenn es gar reinfällt, das Kind?
    "Mein Kind fällt immer so schnell hin...Felix, Du sollst doch nicht rennen"

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