Händler an der New York Stock Exchange © Stan Honda/AFP/Getty Images

DIE ZEIT: Herr Helbing, Sie schrieben schon im März 2008, das Finanzsystem sei nicht mehr kontrollierbar. Jetzt brechen die Börsen wieder ein. Haben wir nichts gelernt aus der Finanzkrise ?

Dirk Helbing: Nicht viel. Und es wird immer schlimmer. Wir wissen nicht, wie die USA mit ihren Schulden zurechtkommen, wie sich Japan von der Atom-Katastrophe erholt , wie sich die Vorgänge in Arabien auf die Weltwirtschaft auswirken, was mit dem Euro passiert – und es ist nicht sicher, dass China stabil bleibt, die dortige extreme Schere zwischen Arm und Reich ist gefährlich. Nein, von einer Stabilität sind wir weit entfernt.

ZEIT: Weiter denn je?

Helbing: Es gibt Forscher, die sagen, dass die Komplexität und die Intransparenz des Systems extrem zugenommen haben und dass es dadurch noch instabiler geworden ist. Jedenfalls ist das Wirtschaftssystem so komplex, dass es zu diesen Kaskadeneffekten kommt, dass also Finanzwerte in Sekunden zerstört werden können. Wir hier an der ETH Zürich beschäftigen uns mit der Frage, wie man das Finanzsystem vor solch fatalen Ereignissen schützen kann. Das geschieht unter anderem im Rahmen des FuturICT-Flagships , eines 10-Jahres-Projekts (siehe Kasten), das sich mit den Schwierigkeiten beschäftigt, vor die hochkomplexe Systeme uns Menschen stellen. Hier arbeiten Soziologen, Ökonomen, Physiker, Computerwissenschaftler und noch viele andere mit. Es gibt fundamentale Wissenslücken zu schließen.

ZEIT: Herr Preis, das heißt doch, dass die Menschheit mit den Finanzmärkten ein System geschaffen hat, das sie nicht beherrschen kann.

Tobias Preis: Ja, vielleicht, aber das war natürlich nicht die Absicht. Finanzmärkte sollen Angebot und Nachfrage zusammenbringen. Einem Anbieter geben sie die Möglichkeit, sein Geld gewinnbringend anzulegen. Einem Nachfrager ermöglichen sie die Finanzierung von Investitionen. Damit dienen die Finanzmärkte auch als Ideenbörse, an denen neue und alte Ansätze im Wettbewerb zueinander stehen – um letztlich Werte für die Gesellschaft zu schaffen. Aber leider gibt es unerwünschte Nebenwirkungen.

ZEIT: Wann kippte das System?

Preis: Das ist nicht einfach zu sagen. Was wir wissen, ist, dass der Mangel an Transparenz, der zunehmende Grad an Vernetzung und die Spielregeln des Marktes dazu beigetragen haben. Man hat die systemischen Risiken nicht durchschaut, man meinte, sie würden verschwinden, indem man sie auf möglichst viele Schultern verteilt.

ZEIT: Sie behaupten jetzt, Sie könnten helfen.

Preis: Ja. Wir fragten uns, warum das System irgendwann kippt. Wir haben dazu den üblichen Forschungsansatz aus der Ökonomie umgedreht. Herkömmlicherweise entwickelt man Modelle mit einem Satz von sinnvoll erscheinenden Annahmen, die man mit empirischen Daten aus der realen Welt kalibriert. Wir aber haben eine sehr große Menge dieser empirischen Finanzmarkt-Daten gesammelt und, von diesen ausgehend, die Gesetzmäßigkeiten extrahiert – um neue, verbesserte Modelle zu entwickeln, die keine vereinfachenden Annahmen benötigen. Ich werde Ihnen ein konkretes Beispiel geben: Zusammen mit meinem Kollegen H. Eugene Stanley von der Boston University stellte ich die Frage, wie eine Finanzblase entsteht. Wann kommt die Gier, wann setzt der Herdentrieb ein? Und wir haben sehr erstaunliche Dinge gefunden. Das Volumen in einem Markt steigt zunächst sehr langsam an, aber am Ende eines Trends beobachtet man einen sehr rapiden Anstieg. Das Besondere ist jedoch, in welcher Form das Volumen ansteigt. Ausgehend von diesem gewaltigen Datensatz, der 2,6 Milliarden Börsentransaktionen beinhaltet, waren wir in der Lage, eine Gesetzmäßigkeit dafür zu finden, ein sogenanntes Potenzgesetz.