"Regulierung ist nicht der Königsweg"
Helbing: Eigentlich wissen das auch die Ökonomen schon seit Längerem, jedenfalls einige der Nobelpreisträger. Aber den Studenten wird meist noch das eindimensionale Weltbild beigebracht, dasjenige des Homo oeconomicus, des perfekten Rationalisten. Das hat ebenfalls mit Herdentrieb zu tun.
ZEIT: Herr Preis, angenommen, Sie wären König der Welt. Welches wären Ihre ersten Maßnahmen zur Stabilisierung der Finanzmärkte?
Preis: Es sind koordinierte Maßnahmen notwendig, um die Fehlentwicklungen an den Finanzmärkten in den Griff zu bekommen, etwa die ungenügende Berücksichtigung der Risiken in den verwendeten Modellen. Da wurde aus der Finanzkrise nicht viel gelernt. Ein Beispiel ist der Diversifikationseffekt, der eigentlich helfen soll, Risiken zu reduzieren. Wenn man also Aktienfonds optimal zusammenstellt – so der Glaube –, sollte dies das Verlustrisiko reduzieren. Dabei nimmt man allerdings an, dass die historischen Abhängigkeiten der Aktienkurse in der Zukunft konstant bleiben. Es können aber auch blitzschnell alle Aktien nach unten gezogen werden. Das nennt man den »Zusammenbruch der Abhängigkeiten«. Man sieht das beim Platzen von Blasen an den Finanzmärkten. Dies ist in keinem Risikomodell berücksichtigt, und folglich sind die Risikopuffer der Finanzinstitutionen in Krisen zu gering. Ich würde das sofort ändern. Im Gesamten braucht es aber wahrscheinlich eine neue Finanzarchitektur. Angesichts der immer wiederkehrenden Finanzkrisen muss man die Grundannahmen auf den Prüfstand stellen und Alternativen anschauen. Die sollte man vorher aber testen.
ZEIT: Warum hat man nicht früher intensiv in diesem Bereich geforscht?
Helbing: Das frage ich mich auch. Man hat Milliarden in die Elementarteilchenforschung investiert, in Fusionsforschung, Nanotechnologie, Gentechnik. Das ist alles schön – aber den sozioökonomischen Bereich hat man vergessen. Insbesondere weiß man über globale systemische Risiken viel zu wenig. Diese Wissenslücken müssen dringend geschlossen werden.
ZEIT: Im Interesse der Menschheit?
Helbing: Auf jeden Fall. Wichtig scheint mir aber, dass man Marktteilnehmer nicht zur Kooperation zwingt. Sie müssen selber einsehen, dass diese sich langfristig auszahlt. Regulierung ist nicht der Königsweg, es ist nur eine Randbedingung. Wie soll man etwa in Zeiten des high-frequency trading überhaupt rechtzeitig reagieren können? Gerade in komplexen Systemen ist es so, dass die Selbstorganisation stärker ist als externe Steuerungsversuche; aber nicht die Selbstorganisation nach Smith. Man kann indes Regeln identifizieren, die eine Selbstorganisation unterstützen, welche nicht nur dem Einzelnen, sondern auch dem Gesamtsystem, also unserer Gesellschaft, nutzt.
ZEIT: Sind Basel III oder das Swiss Finish, welche die Eigenmittelquote erhöhen wollen, für Sie nur Symptombekämpfung?
Preis: Man versucht, an einem anfälligen System herumzudoktern, zu dem es möglicherweise bessere Alternativen gäbe. Natürlich ist es nicht schlecht, das Eigenkapital zu erhöhen. Aber man müsste viel weiter gehen. Denn wir müssen endlich begreifen, dass wir vor existenziellen Fragen stehen: Wie kann man zum Beispiel den Wohlstand in Europa retten? Die EU generiert ein Bruttosozialprodukt von über 16 Billionen Dollar und ist damit die größte Volkswirtschaft der Welt. Aber das System besteht aus einem Staatenverbund mit sehr unterschiedlicher Leistungsfähigkeit. Wie rettet man dieses hochkomplexe System, das nicht einmal eine gemeinsame Fiskalpolitik kennt, in die Zukunft? Wir lösen es jetzt mit Transferleistungen. Das scheint mir aber noch nicht sehr durchdacht zu sein.
ZEIT: Müssen wir die Volkswirtschaften wieder an die Realwirtschaft anbinden? Also zum Beispiel mit einem Hilfsmittel wie dem Goldstandard?
Helbing: Ich denke nicht, dass dem kranken System mit abgelaufenen Medikamenten geholfen wäre. Es muss neu erfunden werden. Man muss die Stärken der einzelnen Länder fördern. Zu viel Homogenität tut Europa nicht gut. Anders wird es nicht möglich sein, dass alle Länder überleben.
ZEIT: Das war doch jetzt zum Abschluss ein schönes Plädoyer für eine Verschweizerung Europas, Herr Helbing.
Helbing: Sehen Sie das, wie Sie wollen.
- Datum 15.08.2011 - 18:15 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 11.8.2011 Nr. 33
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Sicher ein interessantes Interview. Ich sehe aber nichts, was über all das hinausgeht, was die Kommentatoren in diesem Forum bereits ausgebreitet haben.
Zum Beispiel:
"Tobias Preis: Die Expansion der Geldmenge entsteht durch die zunehmende Menge der im Umlauf befindlichen Kredite, für deren Zinsen die Aufnahme weiterer Kredite notwendig wird. Dies macht Wirtschaftswachstum zwingend notwendig. [.....]Die Nationalbanken, vor allem die amerikanische, versuchen seither, jedes Problem mit niedrigen Leitzinsen und hohen Geldmengen zu lösen. Das hat eine riesige Liquiditätsblase geschaffen, die nach Anlagemöglichkeiten sucht – und sie etwa in Immobilien, Rohstoffen oder Nahrungsmitteln gefunden hat. Mit teilweise schlimmen Folgen."
Das wurde hier immer und immer wieder ähnlich geschrieben.
Nur: Für die Politik scheinen sowohl Herr Preis als auch alle mitdenkenden Normalbürger irrelevant zu sein.
Ich stimme ihnen zu, dass sehr viel wiederkehrt was hier im Forum oft diskutiert wurde.
Letztendlich ist es doch nur frustierend zu sehen das solche Denkweisen immer noch keinen Einfluß auf die reale Welt haben bzw. auf die Politik.
Daher auch Motivation zur Frustration. Ich hoffe das sich die Stimmung gegen Euro-Bonds weiter ausbreitet in D. Man kann der Politik nicht wieder die einfache Lösung überlassen um dem wahren Problem aus dem Weg zu gehen. Da wir fast das einzige Euroland sind das noch höchste Bonität genießt ist für die deutschen Bürger die Zeit gekommen , der Amerikaner würde sagen, unseren "last stand" zu machen.
Die Lösung der Euro-Bonds ist die schlechte Lösung um das wahre Problem der Finanzmarktreform so lange aufzuschieben bis alle Länder zu schwach sind um sich dem Diktat des Geldes zu wiedersetzen.
Ich stimme ihnen zu, dass sehr viel wiederkehrt was hier im Forum oft diskutiert wurde.
Letztendlich ist es doch nur frustierend zu sehen das solche Denkweisen immer noch keinen Einfluß auf die reale Welt haben bzw. auf die Politik.
Daher auch Motivation zur Frustration. Ich hoffe das sich die Stimmung gegen Euro-Bonds weiter ausbreitet in D. Man kann der Politik nicht wieder die einfache Lösung überlassen um dem wahren Problem aus dem Weg zu gehen. Da wir fast das einzige Euroland sind das noch höchste Bonität genießt ist für die deutschen Bürger die Zeit gekommen , der Amerikaner würde sagen, unseren "last stand" zu machen.
Die Lösung der Euro-Bonds ist die schlechte Lösung um das wahre Problem der Finanzmarktreform so lange aufzuschieben bis alle Länder zu schwach sind um sich dem Diktat des Geldes zu wiedersetzen.
Ein guter Artikel, nur wieder viel zu idealistisch.
Zitat Anfang, Herr Preis:
"Es sind koordinierte Maßnahmen notwendig, um die Fehlentwicklungen an den Finanzmärkten in den Griff zu bekommen, etwa die ungenügende Berücksichtigung der Risiken in den verwendeten Modellen. Da wurde aus der Finanzkrise nicht viel gelernt."
Zitat Ende
Ja wie soll sich denn da etwas ändern, wenn wir nur unfähige Politiker haben ?
Dazu sollten di Autoren mal Stellung beziehen, Kritik zum bestehenden System äußern.
Nicht nur im sozioökonomischen Bereich wird nicht geforscht; ebenso ist es im philosophisch relgiösem. Die Alchemie wurde zur Chemie, die Astrologie zur Astronomie nur bei den Begriffen Glauben oder Ökonomie bleibt man tabu befangen im Stillstand.
Dabei hängt das doch so eng zusammen, Geld, der Wert des Geldes ist doch der einzig reele Glauben, der Rest Mythos und Phantasie - ein Geistessprung ist notwendig ähnlich wie zur Zeit der Renaissance.
Es ist löblich, dass sich die Wissenschaft - zumal interdisziplinär - mit dem Thema beschäftigt.
In diesem Interview finde ich aber vor allem eher allgemeine Aussagen und Feststellungen, auf die man als aufmerksamer Betrachter des Geschehens mit etwas "Hausverstand" ohne weiteres kommen sollte.
Klare Empfehlungen vermisse ich aber. Der Interviewer hat es mit seiner "Königs-Frage" ja versucht, aber ohne Erfolg.
"Irgendwann wird man vielleicht nicht mehr darum herumkommen, den Reset-Knopf zu drücken."
Ja, auch diese Aussage ist nicht wirklich überraschend. Aber gut 2 Jahre nach der ersten weithin wahrnehmbaren Detonation (es ist ja außerdem auch nicht so, dass diese für alle überraschend kam) sollte es doch so langsam mal möglich sein, etwas konkreter zu formulieren, was "reset" in diesem Kontext bedeutet!
Nein! Viel zu viel Pragmatismus.
Jeder der etwas anderes versucht als an den Symptomen herum zu doktern wird gleich als weltfremder Idealist verschrieen.
Fakt ist: Geht es so weiter, brauchen wir uns in 100 jahren überhaupt keine Gedanken mehr machen. Das war`s dann nämlich.
aber dazu braucht man kluge Spieler und die haben wir zur Zeit nicht. Poliitker und complex adaptive systems, da kann man nur schmunzeln. Das ist ungefaehr so als wollten sie ihrem Vierbeiner eine Programiersprache beibringen..
Zu dem Interview und den darin angerissenen Vorschlaegen kann ich nur ausdruecklich gratulieren. Schade ist nur das der gute alte Adam Smith immer noch als Vorbild durch die Gehirne der "Eliten" schwirrt, von wegen free markets und die unsichtbare Hand wird's schon regeln
Solche Beitraege wuerde ich gerne oefters lesen.
Beim lesen des Artikels war ich froh,dass ich nach meinem ETH-Abschluss,nicht doktoriert habe.So viele Allgemeinplätze und Banalitäten können genauso gut im "Bild" oder "Kronenzeitung" stehen.
Ein Bekannter von mir (ETH-Doktor im Physik)arbeitet an der "Front",das heisst:An der Credit Suisse im Bereich Forex-exchange.Er sagte zu mir ein Mal:"Früher oder später taugen alle Finanzmodelle gar und gar nichts,die kannste in die Pfeife rauchen"
Der Autor ist unverkennbar als Ökonom zu identifizieren: Viel Schall und Rauch ummnebelnd irgendwas, jedenfalls aber nicht Himmelsglut. Hoffentlich zahlt ihm niemand seine "Forschungen".
Wenn etwas schief läuft, muss bei uns sofort ein "neues System" her. Aber der Artikel hat dennoch recht, wie die Verwirrung und Hilflosigkeit unserer Großkopfeten bestätigt. Nicht allein, dass sie nie einen festen "Plan B" hatten, wie Schäuble behauptete. Wie die "Zeit" neulich berichtete, diskutierten sie auf dem letzten Brüsseler Gipfel nicht weniger als 32 verschiedene Wege, wie man weiterwurschteln könnte. Diese offensichtliche Ratlosigkeit ist es, welche die Märkte am meisten beunruhigt.
Wenn etwas schief läuft, muss bei uns sofort ein "neues System" her. Aber der Artikel hat dennoch recht, wie die Verwirrung und Hilflosigkeit unserer Großkopfeten bestätigt. Nicht allein, dass sie nie einen festen "Plan B" hatten, wie Schäuble behauptete. Wie die "Zeit" neulich berichtete, diskutierten sie auf dem letzten Brüsseler Gipfel nicht weniger als 32 verschiedene Wege, wie man weiterwurschteln könnte. Diese offensichtliche Ratlosigkeit ist es, welche die Märkte am meisten beunruhigt.
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