Am Morgen danach fragte ihn die Reporterin des Lokalradios erwartungsfroh: »Und – wie haben Sie geschlafen?« Rolf Fringer lächelte zurück: »Wie immer – mit geschlossenen Augen.« Jetzt, zehn Wochen nach seiner fristlosen Entlassung, ist er noch immer fröhlich. Ganz Tourist in Ferienlaune, sitzt er in Shorts und Polohemd auf der Restaurant-Terrasse und schaut hinaus auf den blauen Vierwaldstättersee. Seine Haare sind bubenhaft stachlig; die einzigen Falten im Gesicht scheinen vom zu häufigen In-die-Sonne-Blinzeln zu stammen. »Mich haut so leicht nichts aus den Socken«, sagt der meistgekündigte Fußballtrainer der Schweiz und legt einen Fuß übers nackte Knie. »Darum hab ich auch keine an.«

Seine Entlassung vom FC Luzern anfangs Mai war seine fünfte in zehn Jahren. Dazu kommen unklare Trennungen und vorzeitige Vertragsauflösungen. Ob er auch beim VfB in Stuttgart gescheitert ist, bleibt Ansichtssache. Er selbst schlägt den Ausdruck »recht erfolgreich gewesen« vor. Ohne große Hoffnung freilich. Denn inzwischen wisse er nur allzu gut: Die Medien schreiben, was sie wollen, und dies meist nicht zu seinen Gunsten. »Die Deutschen sind wenigstens vor dem Spiel euphorisch, auch wenn’s nachher Haue gibt. Die Schweizer aber sehen schon vor dem Spiel nur schwarz.«

Ihn ficht’s nicht an. »Ich weiß, was ich kann.« Auch seine Entlassungen nimmt er nicht persönlich. Die gehörten heute zum Fußballgeschäft. Und überhaupt: »Mein Leben ist halt eine Berg- und Talbahn.« Talsohlen nutzt er, um endlich mit den Kindern in die Ferien zu fahren, Englisch und Golfspielen zu lernen. Und seinen größten Luxus zu leben: »Einfach sein und sich freuen.« Jetzt zum Beispiel darüber, dass er hier, in Stansstad, wohnen darf: »Gibt es einen schöneren Ort?«

Tatsächlich. Beim Schiffsteg wedeln sachte die Palmen, im Hafen schlagen leise die Falle gegen die Masten der Segelschiffe. Und dort, seine Hand weist auf ein gelbes, dreistöckiges Mietshaus im Dorfkern, haust er selbst seit zwei Jahren. Im obersten Stock – mit Seesicht! Eine so schöne Aussicht hat er in seinem bewegten Trainerleben noch nie gehabt. Geschweige denn in seiner Jugend im zürcherischen Adliswil. »Ich bin in einfachen Verhältnissen aufgewachsen.« Und in nicht immer leichten.

Der Vater war ein Österreicher, der nach der Scheidung in seine Heimat zurückkehrte, Rolf selbst »e chline Chaib«. Um sich zu behaupten, verlegte er sich darauf, der beste Fußballspieler der Schule zu werden und der Junge »mit dem größten Maul«. Er schaffte beides. Dieses Selbstbewusstsein, sagt er, behält man sein ganzes Leben. »Das kann mir, bis ich sterbe, niemand mehr nehmen.«

Die Arbeitslosigkeit ist eine Erfahrung, die er nicht missen möchte

Als Fußballer, das sah er bald ein, hatte er »körperlich keine großen Voraussetzungen«. Besser klappte es mit Reden. »Vom Kopf her kann ich es.« Gemeint ist: motivieren, frech sein. »Und e chli schauspielern.« Als Trainer sorgte Rolf Fringer, wohin es ihn auch verschlug, für gute Stimmung und Selbstvertrauen. Seine Unbekümmertheit steckte mutlose Mannschaften an. Seine Überzeugungskraft machte Kämpfernaturen aus temperamentlosen Schweizern und ruhigen Befehlsempfängern aus dem früheren Ostblock. Er forderte Feuer und Herzblut und die Bereitschaft, übers Limit zu gehen.

Kam es schließlich zum ersten, erlösenden Sieg, war der Bann gebrochen. 1993 führte er den krassen Außenseiter Aarau aus dem Nichts zur Schweizer Meisterschaft und ein Jahr später in den Uefa-Cup. 2008 machte er aus dem abgeschlagenen Schlusslicht Luzern, ein Bild des Jammers, den Wintermeister. Bevor Fringer kam, erinnerte sich ein Spieler, war jeder froh, wenn er den Ball nicht erhielt.

Nur bei größeren Vereinen klappte es nicht. In der Nationalmannschaft traf Rolf Fringer, mit 39 Jahren deren jüngster Trainer der Geschichte, auf ein lasches Team von Großverdienern: »Hunde und Katzen, bunt gemischt.« Bei den Zürcher Grasshoppers stieß er auf Stars, die sich vom Trainer nichts mehr sagen ließen.

Unschön waren nicht nur seine Entlassungen. Unschön war auch ihre Art und Weise. Nur drei Sätze brauchte der Präsident der Schweizer Nationalmannschaft, um Rolf Fringer nach dem 0-:-1-Debakel gegen Aserbajdschan in der WM-Qualifikation vor die Tür zu setzen. Ohne Angabe von Gründen verabschiedeten sich auch die Grasshoppers von ihm, und dies, obwohl er ihnen 1998 mit Rekordvorsprung zum fünfundzwanzigsten Meistertitel verholfen hatte.