Es geht der Schweiz gut, sehr gut sogar. Alle beneiden sie um ihre wirtschaftliche Lage. Doch komisch: Das Land wird fast trübsinnig darob. Wer momentan die öffentliche Debatte über den Franken verfolgt, befürchtet jedenfalls Übles. Die Schweiz erscheint im Würgegriff der internationalen Devisenmärkte, ihre Exportindustrie und ihre Tourismusbetriebe werden von der teuren Währung an den Rand des Abgrunds gedrängt. Und so häufen sich die politischen Vorschläge, um das Problem unter Kontrolle zu kriegen. Die SP ruft nach Spekulationsverboten und Negativzinsen, SVP und FDP wollen ein Revitalisierungsprogramm und weniger Staat, die CVP möchte eine vorübergehende Anbindung des Frankens an den Euro sowie einen Preisüberwacher mit mehr Macht.

All diese Ideen verbindet, dass sie nichts, wenig oder zu spät etwas nützen würden. Den staatlichen Organen in Bern geht es wie ihren mächtigeren Pendants in Washington, Brüssel, Berlin oder Tokyo: Ihr Einfluss in dieser Krise ist bescheiden. Fast jeder Entscheid wird rasch und brutal überrollt von einer gesichtslosen Macht – den Märkten. So erging es auch dem Maßnahmenpaket, das die Nationalbank vergangene Woche ankündigte und von dem man sich erhoffte, es werde den Franken endlich nach unten drücken.

Die Ohnmacht verunsichert. Sodass die positiven Fakten, obwohl vorherrschend, in der öffentlichen Debatte kaum noch Erwähnung finden. Zum Beispiel: Ein währungsbedingter Einbruch bei den Exporten und beim Tourismus blieb bislang aus. Oder: Obwohl der Franken innerhalb eines Jahres gegenüber Euro und Dollar um ein Fünftel teurer geworden ist, herrscht auf dem Arbeitsmarkt eher Personalmangel als Überfluss. Oder: Für Schweizer Firmen ergeben sich in der aktuellen Situation so günstige Kauf- und Expansionsgelegenheiten wie seit Jahren nicht mehr. Und vor allem: Der Franken ist so stark, weil seine Volkswirtschaft so sensationell gut dasteht. Man könnte diese Jahre auch als Ära der großen Chance für die Schweiz sehen.

Natürlich hat dies einen Preis, die Schweiz erreicht laut zahlreichen Experten demnächst eine echte Schmerzgrenze. Der hohe Franken verteuert die Produktion, sodass exportabhängige Unternehmen immer verzweifelter nach Einsparungen suchen müssen. Mittlerweile besteht die ernsthafte Gefahr, dass einzelne Firmen mit zu dünnem Polster verschwinden, und vor allem, dass viele Firmen Arbeitsplätze ins Ausland verlagern. Man soll sich also nichts vormachen: Viele Menschen werden ihre Stelle verlieren.

Aber die Schweiz hat dies schon mehrfach durchgemacht – und überlebt. Beispielsweise zwang die letzte dramatische Franken-Hausse im Jahr 1995 die Exportindustrie zu ähnlich schmerzhaften Anpassungen. Die Arbeitslosenrate stieg auf über 4,5 Prozent, eine Rezession setzte ein, die Industrie meldete fast wöchentlich Auslagerungen, am Ende zogen Traditionsfirmen wie Calida und Bally ihre Produktion fast ganz aus der Schweiz ab. Zugleich rollte eine Fusionswelle übers Land – mit der im März 1996 angekündigten Verschmelzung von Ciba-Geigy und Sandoz zu Novartis als spektakulärstem Fall. Am Ende stand die Schweiz noch stärker als Anbieter von hoch spezialisierten Produkten, Anlagen und Services im Weltmarkt. Und die Zeit der Franken-Hausse wird im Rückblick eben auch zum Bild einer Fitnesskur, nach der sich das Land viel konkurrenzfähiger weiterentwickelte als damals erwartet.

Die Kernfrage lautet deshalb jetzt: Wird der Franken im Jahr 2011 tatsächlich zum fundamentalen Problem, oder muss das Land einfach durch eine weitere Rosskur – Augen zu und durch? Offenbar glauben dies doch die meisten Akteure. Denn wer immer kurzfristige Maßnahmen wie Spekulationsverbote, Negativzinsen oder eine Anbindung des Frankens an den Euro fordert, vertraut darauf, dass der Währungsdruck in absehbarer Zeit wieder abnimmt. Ins selbe Raster gehört die Idee, die Währungskosten vorübergehend mit Gratismehrarbeit des Personals abzufedern. Denn auch damit werden lediglich Auslagerungen verschoben und Strukturen bewahrt, bis sich die Märkte wieder beruhigt haben, bis also der Franken nicht mehr als Flucht- und Schattenwährung für verängstigte Anleger herhalten muss.

Staatlichen Instanzen bleibt in dieser Abwehrschlacht wenig zu tun. Immerhin signalisierte die Schweizerische Nationalbank in der vergangenen Woche, dass jetzt der Punkt erreicht sei, wo sie ihre Macht zur Milderung ausspielen wolle. Tatsächlich hat die Notenbank die Mittel, Gegendruck aufzubauen – insbesondere durch eine massive Ausweitung der Liquidität im Bankensystem. Nur birgt dies die Gefahr, dass die Schweiz am Ende in einen Inflationsstrudel gerät.  

Aber hier böten sich wiederum Chancen für die Politik. Dass sich die tieferen Kurse von Euro und Dollar bislang so wenig in niedrigeren Preisen auf dem Schweizer Markt niederschlugen, liegt nämlich an den gesetzlichen Rahmenbedingungen. So mag die Drohung von Wirtschaftsminister Johann Schneider-Ammann, mit kartellrechtlichen Maßnahmen gegen Preisabsprachen vorzugehen, zwar auch nichts helfen gegen die Macht des Devisenhandels, und die Wirkungen wären ohnehin erst mittelfristig spürbar. Aber immerhin könnten sie helfen, der Nationalbank den Rücken frei zu halten. Damit sich diese in aller Ruhe der Stabilitätspolitik widmen kann.