Die Überreste des kollidierten Zuges werden abtransportiert. © STR/AFP/Getty Images

Sagt ein Sprecher im chinesischen Staatsfernsehen Sätze wie diese, weiß man, dass etwas passiert ist im Land: »Können wir in Apartments leben, die nicht einstürzen? Können wir sicher in Zügen reisen? Können wir es uns leisten, dem Volk ein grundlegendes Gefühl von Sicherheit zu geben?« Solche Fragen, frei und unzensiert! So einiges hat sich gewandelt in China, seit am 23. Juli in Wenzhou, einer Stadt südlich von Shanghai, zwei Hochgeschwindigkeitszüge kollidierten und 40 Menschen den Tod fanden.

Anfangs beteuerten die Behörden, Ursache sei ein Blitz gewesen, mittlerweile weiß man, dass es sich höchstwahrscheinlich um einen Signalfehler handelte . Technisches Versagen war das eine. Dazu kam ein schlechtes Katastrophenmanagement.

Menschengemachte Desaster, die von den Behörden verschwiegen werden, hat es in China oft gegeben. Im Jahr 2008 etwa verheimlichte die Regierung, dass Milchpulver verseucht war – man wollte den Auftakt der Olympischen Spiele nicht stören. Die Folgen waren fatal: 300.000 Menschen erkrankten, sechs Kleinkinder starben. Lebensmittelskandale, Bauskandale, Umweltskandale, all das haben die Chinesen oft erlebt. Selten aber hat es einen Aufschrei gegeben wie jetzt nach dem Zugunglück von Wenzhou. Das liegt wohl weniger an dem Skandal selbst. Vielmehr hat sich die chinesische Öffentlichkeit verändert.

Das Hochgeschwindigkeitsnetz war der Stolz der Regierung, 2012 wird China mehr Hochgeschwindigkeitsstrecken haben als der Rest der Welt zusammen. Die prestigeträchtige Peking–Shanghai-Strecke wurde innerhalb von zweieinhalb Jahren gebaut, der Hälfte der anberaumten Zeit, sollte sie doch pünktlich zum Partei-Jubiläum am 1. Juli eröffnet werden. Der Zugführer, der als Erster diese Strecke bedienen sollte, absolvierte sein Sicherheitstraining in nur einer Woche, deutsche Experten empfehlen eine Schulung von zwei bis drei Monaten.

Nach dem Unglück hatte es das Eisenbahnministerium eilig, die sechs entgleisten Waggons in eigens ausgehobenen Gruben zu begraben. Es hagelte Proteste. Auf einer Pressekonferenz erklärte Wang Yongping, Sprecher des Eisenbahnministeriums, man habe die Waggons nicht etwa verschwinden lassen, sondern retten wollen. Als Journalisten die Köpfe schüttelten, rief er verzweifelt: »Egal, ob Sie es glauben oder nicht – ich glaube es!« und wurde damit zu einem der meistverspotteten Männer im Internet.

Anfangs bezifferte man die Zahl der Todesopfer auf 35, das Ministerium erklärte die Suche nach Opfern schnell für abgeschlossen. Die Polizei suchte trotzdem weiter und fand 21 Stunden nach dem Unglück ein lebendes zweijähriges Kind – seine Eltern waren tödlich verunglückt. In Chinas Internet-Blogs schäumte es. Ein Schreiber vertrat die These, die Behörden begrenzten bei Unglücken die Todeszahl prinzipiell auf 35, weil dies den meisten Lesern als gerade noch akzeptable Zahl erschiene – er versuchte dies anhand unzähliger Beispiele zu untermauern. Die Nachricht verbreitete sich in Windeseile, so sehr, dass die Regierung sich schließlich gezwungen sah, zu dementieren.

Die Behörden wirkten zunehmend wie Getriebene. Selbst der Besuch von Premierminister Wen Jiabao Tage später am Unglücksort vermochte die Menschen nicht zu besänftigen. Öffentlichkeitswirksam ließ die Regierung einige lokale Beamte des zuständigen Verkehrsbüros feuern. Doch selbst Staatszeitungen konnten nicht umhin, darauf hinzuweisen, dass der Nachfolger des geschassten Bürochefs ausgerechnet ein Beamter war, der schon einmal entlassen wurde, und zwar nach einem Zugunglück von 2008, das 70 Menschenleben gefordert hatte.

 Journalisten protestieren mit hoher Kunstfertigkeit

Das Propagandaministerium gab in seinen allwöchentlichen Anweisungen an die Medien eindeutig vor, wie mit dem Unglück umzugehen sei: »Kein Journalist soll unabhängige Interviews führen. Schreiben Sie keine Reportagen, die mit der Entwicklung von Hochgeschwindigkeitszügen zu tun haben. Untersuchen Sie nicht die Gründe für den Unfall, verwenden Sie standardmäßig die Informationen der Behörden. Reflektieren oder kommentieren Sie nicht. Fragen Sie nicht, führen Sie nichts weiter aus, assoziieren Sie nicht! «

Diesmal aber hielten sich nur wenige daran. Die Journalisten protestieren auf ihre Weise – und mit all der Kunstfertigkeit, die Schreibende sich in einer Kultur jahrtausendealter Zensur angeeignet haben. Viele Zeitungen ließen einfach eine weiße Stelle frei. Die »Chinesische Wirtschaftszeitung« ging noch einen Schritt weiter. Sie druckte in Anspielung an Pinocchio unter dem weißen Loch den Satz: »Lügen lassen deine Nase wachsen.« Andere äußerten ihre Kritik verrätselter: Die »Pekinger Nachrichten« etwa brachten auf ihrer ersten Seite einen Artikel über den Bruch einer wertvollen Tonschale aus der Songdynastie im Pekinger Palastmuseum. Es war nicht so sehr das Thema des Textes, es waren vielmehr der Ton und das begleitende Bild, die die wirkliche Botschaft vermittelten: Die Schale war in sechs Stücke zerbrochen, sechs Zugteile waren in Wenzhou entgleist. Der Artikel kritisierte das Palastmuseum scharf. Der Unfall sei technischem Versagen geschuldet, im Anschluss habe das Palastmuseum versucht, den Vorfall zu vertuschen.

Unzählige Reporter veröffentlichten jene Artikel, die in letzter Sekunde der Zensur zum Opfer gefallen waren, auf ihren Blogs. Auch in China hat das Internet die Öffentlichkeit radikal verändert – wie auch anders in einem Land, in dem 485 Millionen Menschen das Internet benutzen und 195 Millionen Microblogs lesen, bei denen kurze, SMS-artige Nachrichten eingestellt werden können. Zwar herrscht in China Zensur, zwar sind Websites wie Facebook und Twitter gesperrt, doch haben sich eine Reihe chinesischer Klone entwickelt – betrieben von findigen Unternehmern, die bereit sind, sich mit der Regierung zu arrangieren. Besonders beliebt ist Sina Weibo, ein Twitter-Klon. Auch diese Webseiten werden zensiert – und doch verbreiten sich Nachrichten und Skandale mittlerweile in Windeseile im ganzen Land. 2010 veröffentlichte die einflussreiche Zeitung » Südliches Wochenende« einen Leitartikel mit dem Titel: »Aufmerksamkeit ist eine Stärke und beobachtend kann man China verändern«.

Und immer mehr Chinesen tun genau das: Sie beobachten. Und weil sie wissen, dass sie den offiziellen Medien nicht trauen können, verlassen sie sich mehr und mehr auf Microblogs. Selbst die Partei drängt nun ihre Abteilungen, Microblogs zu bedienen, um den Kampf um die Öffentlichkeit nicht zu verlieren. Sie beobachtet Volkes Stimme so aufmerksam, weil sie fürchtet, dass die aufgestaute Wut sich gewaltsam entlädt. Denn anders als Demokratien kann China Kritik nicht innerhalb des Systems kanalisieren.

Die Verunsicherung sitzt tief. Als Volksunruhen im Frühjahr dieses Jahres die arabischen Staaten erfassten und es auch in China Aufrufe zu einer chinesischen Variante der Jasminrevolution gab, da folgten nur wenige. Die chinesische Führung wirkte sicher, doch offensichtlich fühlte sie sich nicht so. Nicht zuletzt, weil die Preise stetig steigen und die Inflation schon 1989 einer der Hauptauslöser für die Studentenproteste war. Die Führung ließ mehr als Hundert Aktivisten und Bürgerrechtler verhaften.

Gut möglich, dass aus dem Wissen um die Nervosität der Führung auch das Wissen um die eigene Stärke der Blog-Bürger erwächst. Viel entscheidender aber ist, dass der Grundkonsens, auf den sich große Teile der Gesellschaft einließen, angesichts verschiedener Skandale infrage zu stehen scheint. Er lautete: Solange das Leben bergauf geht, vertrauen wir auf die Partei.

Was die Menschen am Desaster von Wenzhou besonders verunsichert, ist, dass das Unglück in einem so mobilen Land wie China, wo praktisch jeder dauernd auf den Beinen ist, jeden treffen könnte. Oder, wie eine ältere Dame aus Chengdu sagt: »Essen, Kleidung, ein Dach über dem Kopf und Transport, das muss funktionieren.« Und immer öfter tut es das nicht. Mal fallen neu gebaute Hochhäuser in sich zusammen, dann explodieren Melonen auf dem Feld, und schließlich leuchtet das Fleisch nachts im Supermarkt. China ist in sagenhaftem Tempo aufgestiegen, manchmal war es dabei, wie bei den Hochgeschwindigkeitszügen, einfach zu schnell.

Das alles bedeutet nicht, dass nun die Revolution ins Haus stehen würde. So unzufrieden die Chinesen bisweilen mit ihrer Führung sind, es gibt keine alternative Institution zur Partei. Sie hält das Volk weiter mit dem Versprechen des Aufstiegs zusammen. Zudem hat es jene Partei, die ihr Volk in der Kulturrevolution in ein zehnjähriges Chaos stürzte, verstanden, ihm in einer argumentativen Kehrschleife zu verkaufen, dass nur sie es vor dem Chaos bewahren könne. Und doch scheinen sich die Machtverhältnisse zwischen Volk und Regierung zu verändern. Die Führung wird sich auf eine kritischere Öffentlichkeit einstellen müssen. Denn längst beobachtet nicht mehr nur der große Bruder. Das Volk schaut zurück.