Demenz Das Versprechen
Als sie jung waren, schworen sie sich lebenslange Treue. Jetzt ist Ria dement – und Edwin hält ihren Verfall nicht mehr aus. Die Geschichte einer Liebe, von Krankheit zerfressen, erzählt von der Enkelin.
Als ihm klar wird, dass es keinen Ausweg mehr gibt, trinkt er sich Mut an. Zwei Gläser Wein. Oder waren es drei? Edwin wankt, als er aus seinem Fernsehsessel aufsteht und durch die Wohnstube in den Flur geht. Ein paar Minuten verharrt er unschlüssig vor der kleinen Kommode, auf der das Telefon steht. Tue ich das Richtige, fragt er sich und blickt zum Schlafzimmer am Ende des Flures. Hinter der Tür schläft sie. Die Frau, mit der er die schönsten Jahre seines Lebens verbracht hat. Seine Ria. Sein Mädchen. Seit 39 Jahren lebt er mit ihr zusammen in dieser Wohnung in Hannover. Edwin weiß: Wenn er jetzt das Telefon in die Hand nimmt, wird sich ihrer beider Leben für immer verändern. Er greift zum Hörer.
Es ist halb neun am Abend, als mein Handy klingelt. Ich sitze gerade in der S-Bahn in Berlin, auf dem Weg nach Hause.
»Nadine, hier ist Opa«, sagt er.
Er ruft nie so spät an. Es muss etwas passiert sein.
»Ich schaff das nicht mehr«, sagt er. »Also: mit Ria, mit deiner Oma.«
Im Waggon spielt ein Straßenmusikant Gitarre, daneben lärmt eine Gruppe Touristen. Dazwischen, ganz leise, die Stimme des Großvaters. Sie zittert.
»Wir finden ein Heim«, sage ich. »Es ist besser so.«
Doch er hat schon aufgelegt. Ich, seine Enkelin, soll nicht hören, wie seine Stimme bricht. Soll ihn mit seinen 89 Jahren nicht weinend erleben. Einen Moment lang habe er noch in der Dunkelheit gestanden, wird er mir später erzählen. Dann geht er ins Schlafzimmer, schließt die Ziehharmonikatür, zieht Hemd und Hose aus und seinen hellblauen Schlafanzug an. Er legt sich neben Ria, atmet den Duft ein aus ihrer Seife und seinem Aftershave. Ein Gemisch aus ihr und ihm.
Er wird sie verlieren. Zum zweiten Mal in seinem Leben. Diesmal endgültig.
Mit über 80 Jahren werden meine Großeltern sich trennen. Zwei Menschen, die ich nur als Einheit kenne. Sie gaben mir all das, wonach ich mich als Scheidungskind sehnte. Eine heile Welt, die es, da war ich mir sicher, immer geben würde. Jetzt zerbricht sie. An der Demenz meiner Oma.
Ich weiß, meine Großeltern sind nicht die Einzigen, die Abschied voneinander nehmen müssen, weil eine Krankheit sie dazu zwingt. Ich weiß, dass die Zahl der Demenzerkrankungen steigt. Doch zum ersten Mal ist es nicht das Schicksal entfernter Bekannter, von dem ich höre. Es ist nicht nur eine Zahl. Es sind meine Großeltern. Ich bin gezwungen, mich mit ihrem Schicksal auseinanderzusetzen. Mit einem Schicksal, das uns Generation für Generation entgegenkommt, das irgendwann jeden von uns treffen kann: Liebe, die von Krankheit überrollt wird. Abschied. Und die Frage, was es bedeutet, jemanden zu lieben, der dement ist.
- Demenz: Hilfe für Kranke und Angehörige
Mit generellen Fragen, aber auch persönlichen Anliegen kann man sich an die Deutsche Alzheimer Gesellschaft wenden. Hier findet man auch Links zu Alzheimer-Gesellschaften, Selbsthilfegruppen und Beratungsstellen, die Adressen von "Gedächtnissprechstunden", Internetseiten mit Verzeichnissen von Pflegediensten, Betreuungsgruppen, Heimen und dergleichen.
Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend bietet einen "Wegweiser" an, der auch zu sog. Demenz-Wohngemeinschaften führt. Eine Adressdatenbank offeriert 4500 Angebote bei Demenz und Alzheimer.
Mit neuen Konzepten und aktuellen Diskussionen (zum Beispiel mit Betroffenen, die noch mitreden können und wollen) beschäftigt sich Demenz Support Stuttgart.- Einrichtungen und Pflege
-
Um sich allgemein über Pflegeeinrichtungen in Deutschland zu orientieren, kann man den Pflegenavigator der AOK benutzen. Hier werden Heime im Umkreis eines Postleitzahlbereiches kurz vorgestellt. Man findet die entsprechenden Links und eine Bewertung laut Medizinischem Dienst der Krankenversicherung (MDK). Darüber hinaus gibt es in fast 400 deutschen Städten sogenannte Pflegestützpunkte, die Betroffene und deren Angehörige "unabhängig und neutral beraten" wollen.
Das Haus im Park in Bremerhaven hat eine Sorge nicht: genügend Bewohner zu finden. Derzeit gibt es 29 Anmeldungen. Die Wartezeit beträgt rund drei bis fünf Monate. Familien, die auf einen Platz warten, werden betreut und "seelisch aufgefangen". Dem Haus im Park vergleichbare Einrichtungen haben sich im Deutschen Qualitätsbündnis Demenz (DQD) zusammengetan.
Zu den relativ neuen Konzepten einer Pflege von Menschen mit Demenz gehören die Pflegeoasen für die letzte Lebensphase; wichtiges Merkmal ist ein zentraler, gemeinsam zu nutzender Raum, die Oase. Hier sollen Gemeinschaft und Geborgenheit im Vordergrund stehen. Die Pflegeoasen werden bisher nicht bundesweit, sondern von einzelnen Institutionen, zum Teil innerhalb eines traditionellen Pflegeheims, angeboten. Die Philosophisch-Theologische Hochschule in Vallendar hat eine Studie dazu erstellt.
Der 22. April 1946 war ein sonniger Tag. So erzählt es mein Großvater, und er ist der Einzige, der noch davon erzählen kann. Die Luft ist mild. Der erste Frühling nach dem Krieg. Es ist der Tag, an dem Edwin heiratet. Vor einer Kirche in Hannover hat sich am frühen Nachmittag eine Festgemeinde eingefunden: die Eltern des Brautpaares, Freunde, Verwandte. Etwa 20 Gäste, die der Pastor vor den Ruinen der alten Kirche begrüßt. Eine Bombe der Alliierten war neben St. Petri eingeschlagen, fast bis auf die Grundmauern ist die Kirche niedergebrannt. Nur der alte Turm steht noch. Für die Hochzeit hat man ein paar Stühle in den Gemeindesaal gestellt.
Der Pastor weiß nicht viel über das Paar, das er gleich trauen soll. Zwei Menschen, die sich seit der Jugendzeit kennen und nach dem Krieg wieder zueinandergefunden haben. Das ist alles, was Edwin dem Pastor erzählt hat.
Was der Pastor nicht weiß: Für den Bräutigam ist es kein Freudentag. Er wird nicht die Frau heiraten, die er liebt, sondern die, der er vor sechs Jahren die Ehe versprochen hat. »Wenn ich aus dem Krieg zurückkomme, heiraten wir«, hatte er ihr vor seiner Einberufung gesagt. Es war im Winter 1940, Edwin war 19 Jahre alt, seine Freundin Irmgard 18. Sie hatten sich in der Tanzschule kennengelernt. Als Edwin ihr den Antrag machte, brauchte er etwas, worauf er sich freuen konnte. Eine Aussicht auf die Zeit nach dem Krieg. Hoffnung.
Langsam, dem Takt der Musik folgend, gehen Edwin und Irmgard zum Altar. Edwin trägt einen alten schwarzen Anzug, an den Ärmeln zu kurz und an der Hüfte zu eng. Seine Braut hat sich aus einem Luftwaffenmantel ein blaues Kostüm genäht. In ihren Händen hält sie ein paar Blumen aus dem Garten.
Als die Musik verklungen ist, lässt Edwin seinen Blick noch einmal durch die Reihen wandern. Da ist seine Mutter. Sie lächelt ihm zu, nickt. Vor allem seine Eltern haben ihn zu dieser Heirat gedrängt. »Anstandshalber, Edwin«, hat seine Mutter immer wieder gesagt. »Anstandshalber.«
Edwins Vater ist ein einfacher Eisenformer, seine Braut die Tochter eines angesehenen Geschäftsmannes. Edwin würde nicht nur sein Wort brechen, wenn er jetzt Nein sagt. Er würde seine Eltern beschämen. Konventionen verletzen.
Edwin will sich gerade wieder umdrehen, da sieht er sie. Die Frau, die diese Hochzeit so unerträglich für ihn macht. Marie, von allen nur Ria genannt. Die Frau, die er liebt.
- Datum 15.08.2011 - 18:08 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 11.8.2011 Nr. 33
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in dieser Weise über seine Nächsten zu schreiben!
Donnerwetter, welch ein Artikel! s hat eine Weile gedauert, bis ich meine Sprache wiedergefunden habe.
Und obwohl der Artikel eine regelrechte Tragödie schildert, macht er doch auch etwas Mut - Mut zu dem Recht, auch nach einem Treueschwur (den auch ich vor 32 Jahren gegeben habe und an den ich mich von Herzen gebunden fühle), sich selbst nicht aufgeben zu müssen.
Liebe Frau Ahr, vielen herzlichen Dank für Ihren Artikel!
Mit freundlichen Grüßen,
Ralf Wackermann
Ein Artikel der zum Nachdenken anregt und berührt!
Zwischenzeitlich habe ich an das Buch von Nicholas Sparks "Wie ein einziger Tag" denken müssen, weil es vom Inhalt diesem Artikel ähnelt.
Genau denselben Gedanken, hatte ich auch.
Wer diesen Artikel gut findet, sollte wirklich das o.g. Buch lesen, empfehlenswert!
Schön formulierter Artikel!
Genau denselben Gedanken, hatte ich auch.
Wer diesen Artikel gut findet, sollte wirklich das o.g. Buch lesen, empfehlenswert!
Schön formulierter Artikel!
Frau Ahr!
Hier ist in ein herausragendes Stück gelungen. Ich hoffe, das ihr Großvater zur Ruhe gekommen ist.
Genau denselben Gedanken, hatte ich auch.
Wer diesen Artikel gut findet, sollte wirklich das o.g. Buch lesen, empfehlenswert!
Schön formulierter Artikel!
Ich hatte als Pflegedienstleiter und Krankenpfleger häufig mit dementen Menschen zu tun, mit allen Herausforderungen, vor die uns diese Erkrankung stellt.
Toll geschrieben, mein Kompliment!
Eine überaus sehenswerte Dokumentation zur Thematik:
http://www.youtube.com/wa...
Ich bekomme die Entwicklung der Demenz der Mutter meiner langjährigen Freundin zum Teil hautnah mit. Auch der Vater, also ihr Ehemann, hält zu ihr und geht dabei an der Belastung so langsam zugrunde.
Noch vor 10 Jahren war sie - ich nenne sie mal Käthe - eine quirlige, energische und unternehmungslustige Frau. Dann begann urplötzlich eine Phase, in der sie ohne Grund sehr aggressiv ihrem Ehemann, der sie vergöttert, wurde. Sie beschimpfte ihn und machte ihm Vorhaltungen über ihr "schreckliches Leben". Dazu muss man sagen, dass die Familie nicht gerade unvermögend ist, und Käthe alle Freiheiten der Welt hatte.
Als sie anfing, viel Geld in Briefumschlägen an Fremde zu verschicken, dem Briefträger einige Hundert Euro Trinkgeld gab, interpretierte der Ehemann es noch als Großzügigkeit und nette Geste. Er wollte es nicht wahrhaben, dass es der Beginn von etwas war, das man wohl beginnende Orientierungslosigkeit und Demenz nennt.
Dann verlor sie die Vorstellung von Mengen und Maßen. Sie lud Gäste ein, grillte einen Puter und servierte 1 Kartoffel dazu.
Mittlerweile kann sie fast nicht mehr sprechen und hat sogar Schwierigkeiten, Essen, Kauen und Schlucken zu koordinieren. Ich bin mir nicht sicher, ob sie mich noch erkennt, obwohl sie mich immer umarmt.
Ihr Mann nennt sie weiterhin "Liebling".
Er kann auch das Haus nur verlassen, wenn die Haushaltshilfe da ist. Ihre Körperpflege behält er sich selbst vor.
Ich bewundere diesen Mann dafür.
Ihm geht es aber nicht gut.
von meiner eigenen Mutter. Es ist sehr schwer, mit einem demenzkranken Menschen zu leben, vor allem dann, wenn dieser sich so verändert.
Meine Mutter lebt inzwischen im Heim - es ging nicht mehr anders, und sie wird dort gut versorgt und ist glücklich, soweit man das sagen kann.
Der Vater Ihrer Freundin sollte sich wirklich überlegen, mit seiner Frau gemeinsam in ein Heim zu ziehen; allein ist eine Versorgung nicht zu schaffen.
von meiner eigenen Mutter. Es ist sehr schwer, mit einem demenzkranken Menschen zu leben, vor allem dann, wenn dieser sich so verändert.
Meine Mutter lebt inzwischen im Heim - es ging nicht mehr anders, und sie wird dort gut versorgt und ist glücklich, soweit man das sagen kann.
Der Vater Ihrer Freundin sollte sich wirklich überlegen, mit seiner Frau gemeinsam in ein Heim zu ziehen; allein ist eine Versorgung nicht zu schaffen.
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