Ob er wirklich der richtige Mann in schwierigen Zeiten ist? Seit Montag ist Peter Terium, Holländer, 47 Jahre alt, ein knochentrockener, sachlicher Zahlenmensch, der designierte Nachfolger des mitunter polternden RWE-Chefs und Atomkraftbefürworters Jürgen Großmann – also der Manager, der Deutschlands zweitgrößten Energieversorger in eine wieder lichtere Zukunft führen soll. Terium, bislang Boss der niederländischen RWE-Tochter Essent, verantwortet dort unter anderem den Bau eines neuen, riesigen Kohlemeilers und möchte ein zweites Kernkraftwerk errichten. "Echte Innovation", sagt er im Hinblick auf Fragen der Umwelt und der Nachhaltigkeit, "ist Fortschritt in kleinen Schritten."

Nur – kleine Schritte helfen Deutschlands Energieunternehmen nicht mehr. Kaum einmal in der deutschen Wirtschaftsgeschichte mussten sich einst mächtige Konzerne einem so schnellen und so radikalen Wandel unterziehen. Fast verzweifelt suchen RWE und E.on – letzteres ist das größte europäische Energieversorgungsunternehmen – nach einem neuen Geschäftsmodell. Das alte hieß Kernkraft und Kohle aus Großkraftwerken, garniert mit Gas und ein klein wenig erneuerbaren Energien. Das neue ist noch nicht gefunden. Nur eines ist jetzt schon klar: Es wird Rendite, Umsatz und Arbeitsplätze kosten.

Wie viel, deuteten beide Konzerne bereits an. Der RWE-Vorstand verkündete am Wochenbeginn, dass das Nettoergebnis im ersten Halbjahr 2011 um knapp 40 Prozent eingebrochen ist und dass weitere Unternehmensteile verkauft werden müssen. Konkurrent Eon plant, weltweit bis zu 11.000 Stellen abzubauen, einen Großteil davon in Deutschland. Im zweiten Quartal verzeichnete der Konzern erstmals in der Unternehmensgeschichte einen Verlust. 

Sowohl in der E.on-Zentrale in Düsseldorf wie im RWE-Turm in Essen wird all das auf die frühsommerliche Energiewende der Bundesregierung geschoben. Richtig ist, dass den Konzernen die Cashcow Atomkraft abhanden kommt. RWE hat fünf Kernkraftwerke, E.on ist bei elf der 17 deutschen Atommeiler engagiert und erzeugte mit ihnen weit über 40 Prozent des vom Unternehmen gelieferten Stroms. Schätzungen besagen, dass der Atomausstieg das Essener Unternehmen nun insgesamt knapp sechs, das in Düsseldorf fast neun Milliarden Euro kosten wird.

Allerdings scheint es, als werde die Atomwende auch genutzt, um lange versäumte und nun umso notwendigere schmerzhafte Schnitte zu rechtfertigen. Schon im Juli sagte E.on-Chef Johannes Teyssen, unter schwierigen Umständen ließen sich "Entscheidungen nach innen und außen durchsetzen, die man in Schönwetterperioden nie rechtfertigen könnte". Dabei geht es auch um Korrekturen der Unternehmenspolitik von Teyssens Vorgängern. Bei E.on und auch bei RWE habe es "gravierende Managementfehler" gegeben, die jetzt ausgebessert werden müssten, formuliert es wenig schmeichelhaft Uwe Leprich, Energieexperte an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Saarbrücken.

Zusammen haben E.on und RWE seit 2005 vor Steuern schwarze Zahlen in Höhe von rund 90 Milliarden Euro geschrieben. Auf den Wandel auf dem Energiemarkt reagierten die Unternehmen allerdings nur unzureichend, der Ausbau erneuerbarer Energien wurde kaum vorangetrieben. E.on machte sich noch in der ersten Hälfte des vergangenen Jahrzehnts auf, zum voll integrierten und mit Kohle und Kernkraft in allen Winkeln Europas aktiven Energiekonzern aufzusteigen; RWE versuchte, etwa im Wassermarkt energiefremde zusätzliche Renditebringer zu erwerben. Diese milliardenschweren Abenteuer im Ausland fanden überwiegend einschlechtes Ende. RWE musste sein Wassergeschäft wieder verkaufen, E.on hohe Abschreibungen auf seine Zukäufe in Italien, Spanien und Frankreich vornehmen, die teilweise 40 Prozent an Wert verloren. Ein weiterer Nebeneffekt der teuren Einkaufstouren: E.ons Verschuldung liegt heute bei etwa 38 Milliarden, die von RWE bei rund 29 Milliarden Euro.

Sowohl E.on als auch RWE müssen schrumpfen

Bei E.on kommt hinzu, dass es auch beim bisherigen Renditebringer Ruhrgas nicht mehr rund läuft. Als die Konzerntochter 2003 erworben wurde, galt sie noch als "Leuchtturmunternehmen", das dem Konzern eine sichere und profitable Rohstoffversorgung garantiert, heute schreibt sie geschätzt eine Milliarde Euro Verlust im Jahr – etwas, was es in der Branche zuvor noch nie gegeben hatte. Grund der Misere: Langfristige Verträge binden die Gasbezugspreise des Unternehmens an den Ölpreis. Dadurch muss E.on Ruhrgas weit mehr zahlen, als zu den aktuellen Marktpreisen nötig wäre. Vom russischen Lieferanten Gasprom hat E.on erfolglos Preisnachlässe gefordert, jetzt zogen die Düsseldorfer vor ein internationales Schiedsgericht.

Aber selbst wenn sie dort obsiegen würden, könnte das nur kurzfristig Entlastung schaffen. Sowohl E.on als auch RWE bleibe nichts anderes übrig als zu schrumpfen, meint Energieexperte Leprich, – "ihre starke Stellung am Markt werden die Konzerne auf lange Sicht nicht behalten können". E.ons Schrumpfkur hat dabei längst begonnen. Seit 2008 wurde die Mitarbeiterzahl bereits um über 4000 reduziert; die Hälfte der Stellen fiel dabei in Deutschland weg. Nun wird spekuliert, dass die Standorte E.on Ruhrgas in Essen, E.on Energie in München und E.on Kraftwerke in Hannover aufgelöst oder verkleinert werden.

Bei RWE sieht es nicht viel anders aus. Man sei an einem Punkt angekommen, "von dem aus es in jede Richtung abwärts geht", klagte RWE-Chef Jürgen Großmann bereits bei der Vorstellung der Bilanz 2010 im Februar. Sein Rezept damals war, bis 2013 drei Milliarden Euro weniger zu investieren und Unternehmensteile im Wert von acht Milliarden Euro zu verkaufen. Inzwischen sollen aus den Verkäufen sogar elf Milliarden Euro erlöst werden, und im Gespräch sind dabei nicht nur drei Tochterfirmen für den Vertrieb von Strom und Gas, die immerhin ein Sechstel des inländischen Vertriebsgeschäfts ausmachen, sondern auch die erfolgreiche Öl- und Gasförderfirma RWE Dea.

Allerdings ist eine Schrumpfkur allein noch keine strategische Neuorientierung. Die würde die Unternehmen an einer Energieversorgungsstruktur ausrichten, die künftig dezentraler organisiert ist und zunehmend auf erneuerbare Energien setzt – bei allerdings geringeren Renditen und einem härteren Wettbewerb. Auf diesem Wege müssten die Konzerne "endlich agieren", meint Marc Tüngler, Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapiere. Dass bei RWE Jürgen Großmann noch bis zum kommenden Juli im Amt bleibt, bevor er seinem designierten Nachfolger Terium Platz macht, hält der Aktionärsschützer für einen Fehler: "Das lähmt die Neuausrichtung."

Freilich ist längst nicht ausgemacht, ob der Holländer wirklich für einen klaren Schnitt mit der Vergangenheit stehen würde. Terium, der vor seiner Zeit als Essent-Chef zunächst Chefcontroller in Essen war und dann die Energiehandelstochter RWE Trading leitete, habe jedenfalls "kein grünes Herz", sagt Kim Schoppink von der Greenpeace-Dependance in den Niederlanden: "Für ihn zählt nur, was sich rechnet."

Möglicherweise wird Terium deshalb auch Großmann zunächst dabei unterstützen, den russischen Gasprom-Konzern als finanzstarken Partner zu gewinnen. Dann gilt es, die nordrhein-westfälischen Kommunen auf seine Seite zu bringen, die anstelle des Niederländers lieber den Deutschlandchef Rolf Martin Schmitz gesehen hätten und etwa ein Fünftel der Anteile am Konzern halten. Dass der Rhein Erft-Kreis oder Städte wie Dortmund und Essen die Wende zu erneuerbaren Energien forcieren, ist eher fraglich. Sie wissen, dass ihre Säckel nur voller werden, wenn es RWE gut geht, und dass der Konzern nach wie vor knapp 60 Prozent seines Stroms mit Braun- und Steinkohle erzeugt. Terium wird daran vorerst wohl nicht sehr viel ändern. Wenn es sich denn rechnet.

Anmerkung der Redaktion: E.on hat seine Halbjahresergebnisse erst nach Redaktionsschluss der Printausgabe veröffentlicht. Diese Text wurde deshalb aktualisiert.