Philipp Rösler auf einem FDP-Parteitag in Rostock © Ralph Orlowski/Getty Images

Der Mann, der die FDP retten kann, muss, darüber waren sich die Liberalen auf ihrem Parteitag im Mai weitgehend einig, vor allem eines sein: ganz anders als Guido Westerwelle. Nach knapp 100 Tagen im Amt lässt sich festhalten: Philipp Rösler ist ganz anders – und der FDP-Kern in Umfragen von fünf auf drei Prozent geschmolzen . Schlimmer geht immer.

Parteivorsitzende, so hat es der Genosse Franz Müntefering einmal definiert, müssen sammeln und führen. Wie schwierig es ist, beides zu verbinden, hat Müntefering selbst bewiesen, als er beim Thema »Rente mit 67« so intensiv führte, dass die Kraft zum Sammeln nicht mehr reichte. Röslers Hauptproblem als FDP-Chef besteht darin, dass er bis dato kaum zum Sammeln und Führen kam. Er ist vollauf damit beschäftigt, die Dilemmata einer Partei in der Existenzkrise zu moderieren. Die meisten von ihnen hat er bei Amtsantritt geerbt. Aber ein Dilemma, kein geringes, hat er selbst geschaffen.

Die FDP, so lautete ein Credo zur Wechselzeit an ihrer Spitze, müsse den Menschen erst wieder sympathisch erscheinen, bevor sie der Partei erneut zuhören würden. Also erfuhren die Menschen Menschliches über Rösler. Dass er 38 Jahre alt ist, Vater von Zwillingstöchtern, und dass er Udo Jürgens sowie Herbert Grönemeyer mag. Dass er bei einem alleinerziehenden Bundeswehroffizier aufwuchs, in Niedersachsen Vorträge über »Heimat« hielt, damit aber nie sein Geburtsland Vietnam meinte. Dass sich ein Junge ganz als Deutscher fühlen kann, auch wenn die anderen immer den Asiaten in ihm sehen. Und als die Menschen merkten, dass die Zeit der per Knopfdruck abrufbaren Erregungsrhetorik an der FDP-Spitze vorüber war, als sie begannen, sich für den Neuen zu interessieren, als sie also wieder hinhörten, was die FDP ihnen zu sagen hatte, da hörten sie: Steuersenkung, das One-Hit-Wonder der Westerwelle-Jahre . Wie konnte das passieren? Wie konnte Rösler just jenes Thema wieder ins Zentrum rücken, das die FDP in der Regierung so abstürzen ließ?

Ein italienisches Restaurant in Berlin-Mitte. Rösler kommt allein und zu Fuß, ein Stau. Im persönlichen Gespräch erlebt man einen FDP-Chef, wie ihn der Fernsehzuschauer kaum sieht oder hört: locker, selbstironisch, frei – und viel nachdenklicher beim Thema Steuersenkung. Von »neutralisieren« spricht er da, vom »Abräumen« und davon, dass die Liberalen erst dann mit anderen Aussagen wahrgenommen würden, wenn das Steuerversprechen eingelöst sei. Öffentlich vertritt er die alte liberale Heilslehre aber geradezu westerwellig laut. Warum? »Wenn schon, dann mit Musik«, sagt Rösler und lächelt in sich hinein.

Die Musik verringert nun den Resonanzraum für neue Töne. Den zentralen Satz seiner Parteitagsrede (»Ab heute wird geliefert«) hat Rösler an das Alte gekoppelt, die Steuersenkung. Eine Kopplung, die sich laut Rösler im Herbst von selbst auflöst. Wenn die Koalition ihr Steuerkonzept beschließt.

Rösler ist nun Chef einer Partei , deren Mitglieder zum Großteil Neuliberale sind. Etwa 50 Prozent aller Mitglieder sind nach 2002 in die Partei eingetreten. Sie haben die FDP als eine streng hierarchisch geführte, scharf konturierte Oppositionskraft kennengelernt, die Landtagswahlen gewinnt und bei Bundestagswahlen von Mal zu Mal besser abschneidet. »Privat vor Staat«, »Mehr Netto vom Brutto«, »Leistung muss sich wieder lohnen«, »Freiheit vor Gleichheit« sind für sie keine Zuspitzungen, sondern Alltagssprache. Viele von ihnen halten weder Rhetorik noch Grundhaltung oder die bipolare Weltsicht für das Problem der FDP. Für den Niedergang machen sie allein das fehlende Ansehen Westerwelles verantwortlich. Sie brauchen keine thematische Verbreiterung, keinen programmatischen Neustart. Sie wollen nur einen Chef, der Wahlsiege garantiert.

Die FDP hat in zehn Jahren des Opponierens und Profilschärfens, des Sich-Erregens und Zuspitzens die Zwischentöne verlernt. Abwägen, ausgleichen, miteinander versöhnen – das Leise, Weiche, Verbindende ist bei all jenen Freidemokraten als Vokabular des Säuselliberalismus verpönt, die wild entschlossen »rote Linien« markieren, lauthals mit »Wir werden niemals...« drohen – und dann, siehe Euro-Debatte, heimlich alles einkassieren. Eine liberale Partei ohne Zwischentöne ist aber keine liberale Partei mehr. Rösler, ein Moderator nicht nur aufgrund der Lage, sondern auch aufgrund seines Charakters, weiß, dass er der FDP wieder die Zwischentöne beibringen muss. Intern, in Gremiensitzungen wie bei Besprechungen in der Parteizentrale, geschieht dies dadurch, dass er zunächst einmal zuhört. Anders als sein Vorgänger, der gewöhnlich seine Lageanalyse vortrug und dann Zustimmung erwartete, will Rösler Argumente und Gegenargumente hören, fordert Vorschläge, Ideen, Diskussionen ein. Im Diskurs, das weiß er, lernt man Zwischentöne. Nicht aber beim Diktat.