DIE ZEIT: Herr Vogl, Staatsschulden -Krisen gab es schon immer. In Ihrem letzten Buch zitieren Sie ein Sinnbild, eine Allegorie aus dem 18. Jahrhundert, die den öffentlichen Kredit als eine Jungfrau beschreibt, deren Zustand und Stimmung sich ständig ändern.

Joseph Vogl: Hintergrund ist die Gründung der Bank von England Ende des 17. Jahrhunderts. Sie geht zurück auf eine der typischen Schuldenkrisen des englischen Königshauses. Schuldenkrisen sind ja Gründungsurkunden moderner Staaten. Wegen Kapitalbedarfs hatte der englische König regelmäßig Eigentum der Londoner Kaufleute beschlagnahmt. Unter verschiedensten angedachten Projekten zur Geldschöpfung wurde dann der Vorschlag eines gewissen William Patterson verwirklicht und der fürstliche Diebstahl ganz einfach in einen Vertrag zwischen Schuldner und Gläubiger verwandelt. Aus fiskalischer Verzweiflung entstanden ein neues Institut, die Bank of England, und der öffentliche Kredit. Damit wurde nicht nur das Königshaus finanziert, sondern auch Kapital für Überseehandel und Kolonialgeschäfte besorgt. Und die schwankende Gesundheit dieser "Finanzjungfrau" – zwischen Ohnmachtsanfällen und blühendem Leben – ist der politischen und ökonomischen Verflochtenheit des öffentlichen Kredits geschuldet: Nachrichten über Welt- und Geschäftslagen können das umlaufende Kreditgeld unversehens in Luft und Wind auflösen. Schon damals wusste man, dass das Schicksal von Staaten an Zentralbanken, Geldschöpfung und Kreditgarantien hängt.


ZEIT: Mit der Schaffung des Kredits entsteht ein Finanzmarkt . Heute haben wir das Gefühl eines enormen Missverhältnisses zwischen Finanzökonomie und Realökonomie. Fehlt da ein Gleichgewicht?

Vogl: Man muss genauer hinsehen: Der Boom der Finanzmärkte begann in den achtziger Jahren, wurde mit neoliberalen Theorien gerechtfertigt und mit politischen Interventionen durchgesetzt. Und er war eng mit der produzierenden Industrie verflochten. Angesichts sinkender Profitraten amerikanischer Unternehmen ging, der Rendite wegen, die Reinvestition von Gewinnen mehr und mehr in spekulative Geschäfte, in Finanzprodukte oder Immobilien. Diese "Finanzialisierung" wurde durch das Industriekapital angestoßen, die Unterscheidung zwischen Real- und Finanzökonomie ergibt da wenig Sinn.

ZEIT: Aber der Finanzmarkt kann doch seine Renditen am Ende auch nur in der Realwirtschaft erwirtschaften?

Vogl: Ja und nein. Das Ende des Abkommens von Bretton Woods 1973, floatende Devisenkurse und die damit verbundenen Währungsrisiken schufen die Gelegenheit für neue Finanzinstrumente, für Derivate, für die spekulative Nutzung von Preisschwankungen auf internationalen Kapitalmärkten. Zudem haben relativ stabile Wachstumsprognosen die Investitionen in zinsbringendes Kapital und Aktien besonders lukrativ gemacht. Zwischen 1980 und 2000 ist ja der Dow Jones Industrial von circa 1.000 Punkten auf 10.000 gestiegen. Finanzmärkte sind zum Modell aller Märkte geworden.

ZEIT: An den Finanzmärkten sind so enorme Renditen zu erwirtschaften, weil sie eine wichtige volkswirtschaftliche Funktion erfüllen: Sie bringen das Geld dorthin, wo es am produktivsten ist.

Vogl: Mehr noch: Sie diktieren die Bedingungen für die Restökonomie. Die Expansion der Finanzmärkte war mit der Deregulierung des Arbeitsmarkts, mit der Reduktion von Lohnkosten, mit der Auslagerung von Industrien in Billiglohnländer, mit den rabiaten Strategien von Hedgefonds , mit der Schaffung neuer Märkte für Gesundheit, Bildung und Altersvorsorge verbunden. Die Dynamik des Finanzkapitals hat die Renditeerwartungen für die produzierende Industrie, für Gütermärkte und Dienstleistungen erhöht und die Durchsetzung von Wettbewerbsgesellschaften forciert.