MilosWir sind steinreich

Science-Fiction-Landschaften und funkelnde Bodenschätze: Die Schönheit der griechischen Insel Milos versteckt sich hinter kargen Felsen von Richard Fraunberger

Petros Vikelis sitzt bei einem Glas Wasser vor seinem Kaffeehaus in Triovasalos und blickt, den Kopf auf die Hand gestützt, auf die Straße. Mopeds, laut wie Raketen, rasen durch das von Gassen und Gässchen weit verästelte Bergdorf an ihm vorbei. Aber nichts schreckt den 71-Jährigen auf. Er wirkt bekümmert. Vielleicht liegt es an den neuen Steuergesetzen oder dem drohenden Staatsbankrott einer im Stolz gekränkten Nation. Vielleicht liegt es aber auch bloß an Rod Feldtmann. Sein Schwiegersohn denkt an alles Mögliche, nur nicht an das, was er, Petros Vikelis, von ihm erwartet – nämlich zusammen mit seiner Tochter Petrinella das Kaffeehaus der Familie zu übernehmen. Rod Feldtmann, 45, in Australien geboren, stämmig, groß gewachsen, das dichte, braune Haar einer Mütze gleich, schiebt, ein paar Kilometer von Triovasalos entfernt, sein Kajak ins Kretische Meer und paddelt, von zehn anderen Kajaks gefolgt, davon. Er verstehe sich gut mit seinem Schwiegervater, sagt Rod, um die Brust eine Schwimmweste geschnürt, aber täglich Kaffee und Ouzo zu servieren sei nicht seine Sache. Täglich Kajak zu fahren dagegen schon. Was verständlich ist. Denn was gerade an der Südküste von Milos gemächlich vorbeizieht, ist nicht bloß die übliche Szenerie aus mit Dornenbüschen und Meereszwiebeln bewachsenen Kliffs.

Anreise

Mit dem Schnellboot für 53 Euro von Piräus nach Milos in 2,5 Stunden. Oder mit dem Flugzeug von Athen nach Milos

Unterkunft

Asterias Suites in Pachaina, Tel. 0030-22870/41116, www.asterias-suites.gr, DZ von 70 bis 150 Euro

Ausflüge

Bergbaumuseum in Adamas: Täglich geöffnet, Eintritt 4 Euro. Ausflüge in stillgelegte Minen sind in Planung. Tel. 0030-22870/22481, www.milosminingmuseum.gr

Kajaktouren: Von April bis Oktober. Eine Tagestour kostet 65 Euro. Anschrift: Kafeneio Perros, 84800 Triovasalos, Milos; Tel. 0030-22870/23597, www.seakayakgreece.com

Rundreisen

Volcanodiscovery bietet einwöchige Wanderstudienreisen nach Milos an, www.volcanodiscovery.com

Milos, auf halbem Weg zwischen Piräus und Kreta gelegen, eineinhalbmal so groß wie Sylt, gebirgig, spärlich bewachsen mit kleinwüchsigen Olivenbäumen, Schilf und Tamarisken, ist anders als der Rest der Kykladen. Die Insel ist ein anderer Planet, von Eruptionen geformt, von Regen, Wind und Meer jahrtausendelang geschmirgelt, eine Science-Fiction-Landschaft, gespickt mit Türmen, Pilzen und Bögen aus Tuff, Lavadomen, unterhöhlten Klippen, Felsspalten mit zischenden Fumarolen und Gesteinen an Hängen und Stränden, die, von hydrothermalen Lösungen verfärbt, gelb, grün, weiß, braun, rosa und in allen Rottönen des Eisenoxids leuchten. Manchmal riecht es nach Schwefel. Manchmal steigen Gasblasen blubbernd unter dem Kajak empor. Goldene Sonnenspritzer hüpfen über Wellen. Sanft wiegt sich das Boot. Leise, beinahe mühelos gleitet man durch ein Bilderbuch der Erdgeschichte. Milos liegt, ebenso wie Methana, Nisyros und Santorini, auf einem vulkanischen Gürtel. Doch im Vergleich zu den Schwesterinseln ist Milos durchsetzt von Mineralien und Erzen, sie ist ein Rohstofflager aus Kaolin und Bentonit, Perlit und Baryt, Limonit, Manganerz und Puzzolan. Vor allem aber ist Milos ein Farbenrausch.

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Rod Feldtmann sitzt im Schatten einer Steinbrücke und verteilt Snacks an die Gruppe, die am Strand von Paliorema, einer alten Schwefelmine, angelegt hat. Rod kam 1998 als Geologe für einen amerikanischen Bergbaukonzern auf die Insel. Rund um den Berg Profitis Ilias hatte man Gold gefunden, zirka 1,5 Millionen Unzen; fast zwei Milliarden Euro wären sie heute wert. Doch als die Miloten erfuhren, dass zum Abbau Zyanidlösungen notwendig seien, stiegen sie auf die Barrikaden, drohten, die Bohranlage zu sprengen. Der Konzern zog sich zurück, Rod blieb, traf Petrinella und feierte kurze Zeit später a fat Greek wedding mit 400 Hochzeitsgästen. Ein Leben als Kaffeehausbetreiber schien vorbestimmt. Doch dem Australier schwebte anderes vor. Er hatte alles, was er anfangs für seine Idee brauchte, einen klapprigen Peugeot, zwei Kajaks und eine wie fürs Kajaken geschaffene Insel: klein, hufeisenförmig, zerklüftet, mit Grotten, unzugänglichen Buchten und Stränden, an denen sich puderzuckerweiße Felsen wie Eisberge im Wasser widerspiegeln. Seit elf Jahren organisiert Rod Touren rund um Milos. Und wenn ihn die Laune packt, paddelt er auch mal mit Freunden, »just for fun«, von Piräus aus an die türkische Küste, eine Strecke von 490 Kilometern.

Vor allem Dänen und Briten kommen zum Kajaken, Hanna, Shawn, die jetzt nach Käse und Melonenstücken greifen. Gleich neben ihnen ragen ausgediente Gerätschaften wie stecken gebliebene Rostsplitter aus gelb gefärbten Felsen und Sand: Loren, Schienen, Rohre, Bohrstangen und Schmelzöfen. Die alte Schwefelmine in Paliorema ist ein Nachhall der Vergangenheit, ein Freilichtmuseum, ohne ein Museum zu sein. Möwen kreisen über der verwitterten Verladestation. In zernagten Steinhäusern stehen verstaubte Bettgestelle und Regale. Still und finster ist es in den Stollen. Nur die Schwefeleinsprengsel schimmern sacht an den Wänden, weisen den Weg hinein in den Berg, in dem Männer halb nackt bei einer Irrsinnshitze mit Spitzhacken in den Felsen schlugen. 1958 schloss die Mine. Doch bis heute ernähren noch immer die Rohstoffe die Insel. Dank des Bergbaus zählt das milotische Pro-Kopf-Einkommen zu den höchsten in der Ägäis. Ohne ihn wäre Milos ganz auf Tourismus angewiesen. »Dann wäre es wie auf Paros, wo die Dörfer im Winter so lebendig sind wie ein Museum«, sagt Rod.

Leserkommentare
  1. 1. Pfand

    steinreich, das wäre doch ein veritables Pfand für die vielen Euros, die die EU nach GR pumpt.

    • Methana
    • 20. September 2011 21:46 Uhr

    Milos ist eine der interessantesten Vulkaninseln Griechenlands und auch für die wunderschönen Strände besuchenswert. Wir machen seit Jahren geologische Wanderstudienreisen nach Milos. Auf jeder Reise entdeckt man etwas Neues - und sei es "nur" ein Achat oder ein fossiler Seeigel. Überall warten kleine Schätze auf den Entdecker...

    http://www.volcanodiscovery.com/de/milos/milos-reise-antiker-bergbau.html

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