Euro-Krise"Das Land steht am Abgrund"

Italiens Problem sind nicht die Schulden, sondern alte Männer, die eine Großreform verhindern.

Der italienische Premierminister Silvio Berlusconi, fotografiert im April 2011

Der italienische Premierminister Silvio Berlusconi, fotografiert im April 2011

Am Nachmittag des 4. August kam es an den Stränden der Toskana zu einer denkwürdigen Protestaktion. Die Betreiber der Strandbäder zwischen Pisa und Forte dei Marmi hatten zum »Untertauchen für die Rettung des Badetourismus« aufgerufen, und tatsächlich warfen sich Tausende in die Fluten, als die Bademeister mit ihren Megafonen das Startsignal gaben. Das Massenbad sollte ein Zeichen im Kampf gegen die Liberalisierung der Strandbadlizenzen setzen. Viele Kinder ließen Luftballons in den blauen Sommerhimmel steigen, während die anwesenden Lokalpolitiker ihre Flugblätter verteilten: »30.000 Familien bedroht durch multinationale Tourismusunternehmen.«

In diesem Sommer wird sogar am Strand demonstriert. Die Italiener sorgen sich um ihre alte Ordnung, in der sie sich so gemütlich eingerichtet haben. In der die Konkurrenz nicht ganz so gnadenlos ist wie anderswo, weil etwa Lizenzen für die Pacht von Staatseigentum vom Großvater auf den Enkel vererbt werden.

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So ist Italien , am Strand wie im Gewühl der Großstädte. Vergebens bemüht sich etwa die römische Stadtverwaltung, mehr Lizenzen für Taxifahrer auszugeben, denn Taxis sind rar. Doch die Taxifahrer sind eine mächtige Lobby, kein Bürgermeister kommt an ihnen vorbei. Immer wieder blockieren sie die Stadt, um ihre Lizenzen zu verteidigen. Schließlich haben sie dafür einst den Gegenwert einer Zweizimmerwohnung gezahlt – unter der Hand natürlich.

Jahrzehntelang hat das Land so funktioniert. Doch nun offenbart sich die ganze Schwäche des Systems. Die Wirtschaft fußt auf wenigen Großunternehmen und vielen Kleinstbetrieben, die nichts von Europa halten und die von ihren Politikern erwarten, dass sie die Konkurrenz draußen halten. In diesem System hat der Staat eine Dauerbringschuld, während die Bürger zu nichts verpflichtet sind. Die riesige Staatsverschuldung Italiens geht einher mit einer Rekord-Steuerhinterziehung, beides wird verwaltet und verantwortet von der teuersten Politiker-Kaste Europas. »Unser Land steht am Abgrund«, sagt Emma Marcegaglia, die Präsidentin des Unternehmerverbandes Confindustria. »Und doch schaffen es immer dieselben Klientelgruppen, ihre Interessen zu durchzusetzen.« Die 45-jährige Stahlunternehmerin, erste Frau an der Spitze der Industriellen, gilt längst als Stimme der Opposition. Sie ist überzeugt davon, dass der Modernisierungsrückstand Italien weitaus stärker zusetzt als die Attacken der Finanzmärkte. Marcegaglia fordert die Aufhebung des Artenschutzes für Berufsgruppen wie Bäcker und Notare, sie verlangt, dass die aufgeblähten Ausgaben der Politik gekürzt werden und dass der Staat Unternehmen privatisiert und Immobilien veräußert. Dabei vertritt sie die ganze Generation der unter 50-Jährigen, die will, dass Italien endlich ein modernes europäisches Land wird. Doch diese Generation regiert nicht.

Silvio Berlusconi wird im September 75 Jahre alt. Noch im Juli hatte seine Regierung ein Sparpaket durchgebracht, welches die entscheidenden Maßnahmen auf das Jahr 2014 verlegte, wenn Berlusconi aller Voraussicht nach nicht mehr an der Regierung ist. Als vergangene Woche die Rendite der Staatsanleihen in schwindelerregende Höhen stieg, hielt Berlusconi eine seiner seltenen Reden im Parlament . Er sagte: »Wir sind stabil. Die Märkte schätzen uns nicht richtig ein.« Er versprach die Streichung einiger Dienstfahrzeuge und gelobte, die Wirtschaft mit einem Sieben-Milliarden-Paket für Infrastruktur anzukurbeln.

Doch wohin sollte das Geld fließen? In die alten Kanäle. Im Paket inbegriffen ist die Fertigstellung der Autobahn zwischen Salerno und Reggio di Calabria. Seit 40 Jahren wird an dieser Straße gebaut, die Arbeiten gehen auch deshalb nicht voran, weil die kalabrische Mafiaorganisation ’Ndrangheta den Takt angibt. Die Autobahn Salerno–Reggio führt durch Regionen, in denen legale Wirtschaft kaum möglich ist, weil die Mafia sich gegen Konkurrenz ganz anders wehrt als Bademeister und Taxifahrer.

Leserkommentare
  1. gehören reguliert!!! Das Gelabere mit dem Tenor als seien sie vom Gottesgandentum eingesetzt, ist kein Journalismus, sondern Propaganda, die sich mitschuldig macht an der Zerstörung von Sozialsystemen und der Realwirtschaft.

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    • Nero11
    • 13.08.2011 um 18:41 Uhr

    und so weiter macht wie bisher, verschieben wir die Probleme nur auf einen späteren Zeitpunkt. Die Regulierung der mMrkte bringt werder mehr soziale Gerechtigkeit, noch löst es irgned ein anderes Problem. Die märkte zu regulieren bedeutet schlicht, den Patienten dauerhaft mit Schmerzmittel zu versorgen, anstatt die echten Probleme anzupacken.

    wird irgendwann mal abgestraft. Oder leihen sie ihrem Nachbarn auch dann noch Geld wenn er von ihnen seit Jahren Kredite bekommt und ihnen abgesehen von den mickrigen Zinsen, den Kredit niemals zurückzahlen kann?
    Nehem sie dann auch Rücksicht auf die sozialen Verhältnisse ihres Nachbarn, wenn er ihnen erklärt, dass er den Lebensstandard seiner Familie unter keinen Umständen einschränken kann?

    • Nero11
    • 13.08.2011 um 18:41 Uhr

    und so weiter macht wie bisher, verschieben wir die Probleme nur auf einen späteren Zeitpunkt. Die Regulierung der mMrkte bringt werder mehr soziale Gerechtigkeit, noch löst es irgned ein anderes Problem. Die märkte zu regulieren bedeutet schlicht, den Patienten dauerhaft mit Schmerzmittel zu versorgen, anstatt die echten Probleme anzupacken.

    wird irgendwann mal abgestraft. Oder leihen sie ihrem Nachbarn auch dann noch Geld wenn er von ihnen seit Jahren Kredite bekommt und ihnen abgesehen von den mickrigen Zinsen, den Kredit niemals zurückzahlen kann?
    Nehem sie dann auch Rücksicht auf die sozialen Verhältnisse ihres Nachbarn, wenn er ihnen erklärt, dass er den Lebensstandard seiner Familie unter keinen Umständen einschränken kann?

    • cornus
    • 13.08.2011 um 18:20 Uhr

    ist an die ewige Gier der Leute. Sie hoffen, dass der Gott des Mammons so weiter schalten und walten kann, weil die Politiker zu alt,zu jung und unerfahren, zu machtlos zu korrumpiert oder zu inkompetent sind...
    Wenn nicht die Mafia als Großunternehmen hinter vielem (ja, wahrscheinlich auch hinter Belusconi) in Italien sitzen würde, wäre mir diese Schlitzohrigkeit in der italienischen Gesellschaft allemal lieber als dieser Popanz "freier Markt".

    Wie man einen so schönen Begriff wie die Freiheit so missbrauchen kann.

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    wenn die Politik keine Banken und Staaten retten würde, sondern diese pleite gehen lassen würde.

    wenn die Politik keine Banken und Staaten retten würde, sondern diese pleite gehen lassen würde.

  2. Wenn wir weiterhin nur zuschauen, wie die globale Finanzmafia einen Staat nach dem anderen in Europa "umstrukturiert" , duerfen wir uns nicht wundern, wenn wir auf Dauer alles verlieren. Unsere unterschiedlichen Lebensweisen, unsere Identitaet, unsere Kultur. Wir werden zu einem Abziehbild der USA. Sicherlich gibt es bei unseren suedlichen Nachbarn Auswuechse, welche nicht sinnvoll erscheinen und ineffizient sind. Aber die Menschen leben damit und haben sich arrangiert. Es ist eine gewisse Balance entstanden, welche ueber viele Dekaden so gewachsen ist. Ausserdem sind diese "Eigenheiten" einer der Gruende warum viele Menschen gerne dort hin reisen, um im Urlaub den anderen Lebenstil zu geniessen. Wenn es nur noch um Profitmaximierung geht, bleibt das Mensch sein auf der Strecke.

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    dann müssten sie sich vom Rest der Welt abschotten.
    Keine Importe, keine Exporte, keine internationalen Kredite.

    dann müssten sie sich vom Rest der Welt abschotten.
    Keine Importe, keine Exporte, keine internationalen Kredite.

  3. Konkurrenz belebt das Geschäft der Reichen und zerstört das Leben der Nichtreichen.

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    Konkurrenz nennt man in der Biologie "Natürliche Selektion"

    Konkurrenz nennt man in der Biologie "Natürliche Selektion"

    • Nero11
    • 13.08.2011 um 18:41 Uhr

    und so weiter macht wie bisher, verschieben wir die Probleme nur auf einen späteren Zeitpunkt. Die Regulierung der mMrkte bringt werder mehr soziale Gerechtigkeit, noch löst es irgned ein anderes Problem. Die märkte zu regulieren bedeutet schlicht, den Patienten dauerhaft mit Schmerzmittel zu versorgen, anstatt die echten Probleme anzupacken.

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    Antwort auf "Die Märkte"
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    • Otto2
    • 14.08.2011 um 15:59 Uhr

    Einverstanden mit Ihrer Kritik. Schmerzmittel sind zu wenig.
    Was halten Sie aber für die richtige Therapie?

    • Otto2
    • 14.08.2011 um 15:59 Uhr

    Einverstanden mit Ihrer Kritik. Schmerzmittel sind zu wenig.
    Was halten Sie aber für die richtige Therapie?

  4. und ich habe mich schon gefreut. Leider ist es nicht so, sondern das Land steht am Abgrund weil alte Männer eine Großreform verhindern. (Bei uns wird die Großreform ausgesessen - also die passive Form von verhindern)

    Die Märkte als Allgemeinbegriff ist auch so nicht verwendbar. Es sind primär Händler der Banken die an den Börsen und "unter sich = OTC" Geschäfte in Millionenhöhe durchführen und damit sehr starken Einfluss auf die Kurse nehmen. Das wiederum ist dann Anlass, dass die Medienlandschaft aufschreit und den Untergang prognosdiziert. Das wiederum veranlasst Händler sofort Maßnahmen durch Verkäufe (meistens aber derivative Geschäfte) einzuleiten, die dann wieder Einfluss auf die Kursentwicklungen haben.

    Na ja .... und so weiter und so weiter.

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    die europaweite, besser noch die weltweite Finanztransaktionssteuer !!!

    die europaweite, besser noch die weltweite Finanztransaktionssteuer !!!

  5. .
    transaktionssteuer an! Fangen wir in Deutschland an, dann versuchen wir es in den Euroländern.

    Am Ende dann mit England und den USA.

    Wird schwierig........

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  6. Die EU Komission hat schon sehr viel Taktik von der "Müll Maffia" in Italien gelernt. Erst stinkt es bis zum Himmel, dann jammern wir rum und danach hauen wir den Sozialstaat mit der gesamten Solidargemeinschaft in die Tonne damit "System relevante" Politiker wie Merkel und Sarkozy den Bürgern klar machen können warum sie jetzt noch mehr ausgeplündert werden.

    Man muß dem Chef in Italien sehr genau auf die Finger schauen, wenn dann 25 % Wahrheit herauskommen dann können zumindest die Italiener stolz auf ihn sein.

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