»Ich hab nichts gegen mein Gesicht, gar nichts!«, beteuert Thorsten Brinkmann. Warum seine Selbstporträts stets kopflos sind, diese Frage scheint ihn zu überraschen. »Mich interessiert es eben nicht, mich als Person in den Vordergrund zu bringen«, sagt der groß gewachsene blonde Mann mit dem filigranen jugendlichen Gesicht. Es klingt entschuldigend, ganz so, als hätte er sich für seine riesigen Selbstauslöserfotos vor allem deshalb die großen zerbeulten Eimer vom Sperrmüll, die alten Handtaschen vom Flohmarkt und die ausrangierten Lampenschirme über den Kopf gestülpt, um dem Vorwurf der Eitelkeit zu entgehen.

Eine Art absurder Ahnengalerie hat sich Brinkmann, der ausschließlich mit gebrauchten Alltagsgegenständen arbeitet, geschaffen. Derzeit ist sie in Hamburg zu sehen und erinnert in Farbe, Pose und Anordnung an holländische Vorbilder des Barock. Anmutig sitzt er dort, ein »Mädchen mit dem Perlenohrring« in endlosen Variationen, nur eben immer: bedeckelt.

»Ich finde, ›Ausdrucksprothese‹ ist ein schöner Begriff.« Thorsten Brinkmann deutet auf eine rostige Milchkanne, die auf einem der Bilder seine Hand ersetzt. Es gehe ihm in seinem Werk darum, irritierende Leerstellen zu schaffen, die der Betrachter mit eigener Kreativität neu füllen könne. Wo das Porträt kein Gesicht und der Gegenstand, der es bedeckt, keine Funktion mehr hat, beginne beim Besucher das Um- und Neudeuten.

Brinkmann, 1971 in Herne geboren, hört sich gelegentlich an wie sein eigener Pressesprecher. Ruhig, freundlich und aufgeräumt erläutert der in Kassel und Hamburg ausgebildete Künstler seine ironische Gerümpelkunst. Von der Verstörtheit, der Absurdität, dem Gaga- und Dada-Faktor seines eigenwilligen Werkes findet man bei ihm selbst, einem stillen Beobachter mit sauberem Hemd, keine Spur. Chaos scheint für ihn etwas Ausgelagertes zu sein. Seine irrwitzigen Bauten aus Müll, die surrealistische Assemblagen und Skulpturen aus Trödel, Trash, Teppichresten, altem Besteck, Regenschirmteilen, Federbüscheln und abgebrannten Kerzenstummeln entwickelt der Künstler in einem abgelegenen Atelier an der Elbe. »Ganz normal«, jeden Tag von halb zehn bis halb sieben arbeite er dort, als handelte es sich beim ewigen einsamen Verkleiden vor dem Selbstauslöser um den rationalsten aller Prozesse.

Das Prinzip der Neudeutung durch den Betrachter geht für Brinkmann auf: In Europa, so berichtet er, beginne bei vielen Betrachtern seiner Porträts automatisch das Bildgedächtnis zu rattern, und oft würden seine Werke als Anspielungen auf die Kunstgeschichte verstanden; in den USA reagiere man hingegen eher ängstlich auf die bedrohliche Dimension der Vermummung. Die Japaner halten Brinkmanns Kunst oft für ein Spiel mit Genderkonzepten, die Nigerianer wiederum denken an ihre Voodoo-Kultur und die Jemeniter an die islamische Tradition der weiblichen Körperverhüllung.

Man darf gespannt sein, was die Welt nun zu Brinkmanns neuester Ausdrucksprothese sagen wird. Ruckartig wackelt die abstruse kleine Installation zu seinen Füßen. »Eine Hundeschwanzwedelmaschine, animiert durch einen alten Scheibenwischermotor vom Flohmarkt«, kommentiert er trocken. Im nächsten Jahr wird sie im Warhol Museum in Pittsburgh wedeln.

Bis zum 21. August im Hamburger Kunsthaus , ab 3. September in der Kunsthalle in Kiel