Charlotte Roche "Schoßgebete" Alles für die Kinder
Mit »Schoßgebete« hat Charlotte Roche einen erstaunlich konservativen Sex-Roman geschrieben.
Eigentlich lautet die gesellschaftliche Diagnose der Gegenwart: Keiner hält es mehr lange mit einem anderen aus, kaum wird es anstrengend, kehrt man sich den Rücken. Liest man den neuen Roman von Charlotte Roche, dann begreift man, dass das allenfalls die halbe Wahrheit ist. Schoßgebete ist ein furios übersteuerter Hilfeschrei nach Verwurzelung, Geborgenheit, Verlässlichkeit und Treue. Eine Apotheose der heiligen Familie, die sich allerdings nur noch aus den Trümmern ihres einstigen Denkmals zusammensetzen lässt. Denn der Roman ist zugleich eine hellsichtige Analyse aller Fliehkräfte, die am modernen Individuum zerren. Das Leben, so wie es Charlotte Roche uns erzählt, ist Traumatisierung und Ablenkung, Amüsement und Sehnsucht, Hysterie und Neugier, Schuldgefühl und Übersprungshandlung. Der Jokerspruch aller Swingerclubs, »Alles kann, nichts muss«, taugt eben nicht zur Maxime, wie das echte Leben zu führen sei. Charlotte Roche macht ihre ganz eigene Rechnung zwischen Freiheit und Sicherheit auf. Und heraus kommt eine fast schon pathetische Suchbewegung nach Verbindlichkeit ohne Spießigkeit. In der Mitte des Romans sagt die Icherzählerin Elizabeth Kiehl: »Alles steht im Zeichen für das Immer-mit-meinem-Mann-zusammen-bleiben-Können.«
Dieses Buch der Treue ist – muss es gesagt werden? – nicht prüde. Es ist, wie Roches Debütroman Feuchtgebiete, sehr explizit. Aber erst in diesem Roman, der zehntausendmal delikater, feinsinniger und existenzieller als Feuchtgebiete ist, gelingt die paradoxe Balance aus radikalem Exhibitionismus und äußerster Schamhaftigkeit. Jedes Fenster, das Roche den Voyeuren öffnet, ist der Versuch, eine melancholischere Form von Scham zu erreichen. Das sieht auf den ersten Blick natürlich anders aus. Denn auch in diesem Buch geht es zur Sache. Namentlich die Rossini-haft verspielte Ouvertüre zieht alle Register, auf die Roche-Leser nicht verzichten wollen: Über 25 Seiten wird detailliert beschrieben, was Elizabeth und Georg für Tricks anwenden, damit es auch nach sieben Jahren Zusammensein nicht langweilig wird im Bett. An diesen Stellen hat das Buch den Charakter einer Gebrauchsanweisung, eine allerdings – Ehre, wem Ehre gebührt –, die man ausnahmsweise einmal versteht.
Welche Geschichte erzählen die Schoßgebete? Elizabeth Kiehl, 33 Jahre alt, lebt seit sieben Jahren mit Georg zusammen. Beide haben ein Kind aus einer früheren Beziehung. In der Ehe-Sex-Ouvertüre haben wir Elizabeth als ziemlich lässige, unverkrampfte Bett-Akrobatin kennen gelernt. Aber dieser Eindruck täuscht. Hier ist nichts locker. Hinter Elizabeth liegt eine schlimme Familientragödie. Sie hat ihre drei Halbgeschwister bei einem Verkehrsunfall verloren, als diese auf dem Weg zu ihrer Hochzeit waren. Seither besteht ihr Leben nur noch aus Schuldgefühlen, Ängsten und Zwangsneurosen.
Drei Mittel hat Elizabeth dagegen: ihre Therapeutin, Frau Drescher. Den rigid-radikalen Versuch, selber eine Bilderbuchfamilie gegen alle Gefahren der Welt hinzubiegen. Und Sex als ein Mittel der Angstberuhigung.
Die Familientragödie ist Charlotte Roches eigene. Die Bild-Zeitung hatte seinerzeit alles versucht, aus dem privaten Unglück der damaligen Viva -Moderatorin publizistischen Gewinn zu schlagen. Auch Elizabeth Kiehl führt in Schoßgebete einen Heiligen Krieg gegen die Druck-Zeitung, wie sie im Roman heißt. Das Buch hat also einen unmissverständlich autobiografischen Kern. Trotzdem gelingt es Roche, ihrer Geschichte und ihrer Protagonistin Elizabeth etwas Allgemeingültiges zu geben.
Wie die Familientragödie und die Sexfixierung zusammengeführt werden, wirkt manchmal etwas holzschnittartig, aber nie unplausibel. Wenn es mit dem Sex vorbei ist, davon ist die Protagonistin überzeugt, geht es mit der Ehe den Bach runter. Weil es aber Elizabeths höchstes Ziel ist, auf dem schwankenden Grund dieser Welt wenigstens ihrer Tochter ein stabiles Zuhause zu geben, muss alles getan werden, damit das Sexleben mit Georg – einem übrigens grundsympathischen, sehr virilen Zeitgenossen, der mit bewunderungswürdigem Verständnis auf die Psychosen seiner Frau eingeht – nicht einschläft. Zu diesem Vitalisierungsprogramm gehören gemeinsame Puffbesuche, zu denen sich Elizabeth für ihren Mann, der ihr so viel gegeben hat, immer wieder aufrafft.
- Datum 12.08.2011 - 09:49 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf einer Seite lesen
- Quelle DIE ZEIT, 11.8.2011 Nr. 33
- Kommentare 58
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:




Alle paar Tage ein neuer Artikel über das Buch, immer schön pushen und im Gespräch bleiben, der Verkauf muss angekurbelt werden.
Und Sie sind der erste, der das bemerkt und hier dankenswerterweise noch einmal hingeschrieben hat. Glückwunsch. Immer schön wach bleiben und den Journalisten, die alle doofer sind als Sie, auf die Finger gucken!
Und Sie sind der erste, der das bemerkt und hier dankenswerterweise noch einmal hingeschrieben hat. Glückwunsch. Immer schön wach bleiben und den Journalisten, die alle doofer sind als Sie, auf die Finger gucken!
Und Sie sind der erste, der das bemerkt und hier dankenswerterweise noch einmal hingeschrieben hat. Glückwunsch. Immer schön wach bleiben und den Journalisten, die alle doofer sind als Sie, auf die Finger gucken!
ich habe es auch gemerkt...
ich habe es auch gemerkt...
Ich gönne der englischen Ulknudel jeden Cent, die sie mit ihren pseudoliterarischen Scherzartikeln verdient. Dennoch frage ich mich, was man eigenlich von der deutschen Presse halten soll, wenn sie so massiv dafür wirbt?
Man hat das ja schon bei Apple gesehen, eigentlich nur Unterhaltungselektronik, nicht der Rede wert. Und hier, ein schmuddeliges Pamphlet, auch nicht der Rede wert.
Früher wollte man Journalist werden, um sowas wie Watergate abzufeiern. Heute berichtet man über schlechte Bücher und Funtoys in einem Ausmaß, als wären gerade Ausserirdische auf Borkum gelandet.
Na, dann bin ich ja jetzt mal wieder auf die vielen Kommentare gespannt, die in einer Rezension zu dieser Autorin nicht weniger als den Untergang des "Qualitätsjournalismus" und des ganzen Abendlandes sehen.
Ich bin mehr als irritiert, warum Frau Roche diese geballte Form an Kritik, Verachtung und... ja, geradezu Hass heraufbeschwört.
Sicher kann man der Meinung sein, dass die Bücher Schund sind (ich selbst habe bisher keines davon gelesen, da sie mich nicht sonderlich interessierten, enthalte mich also einer Meinung dazu), man kann auch gerne Kritik daran äußern, dass diese Frau so hochgepusht und gehyped wurde und wird, das ist schließlich jedermanns Recht.
Dennoch komme ich nicht umhin, mein absolutes Unverständnis gegenüber diese Welle der Verachtung und des Hasses zu äußern.
Frau Roche nutzt jede Möglichkeit aus, um sich zu inszenieren und die Verkäufe anzukurbeln? Nein, wie frech, welch Unverschämtheit, Werbung für sich und sein Buch zu machen! Sowas dreistes hat man ja noch nie erlebt! Ich bin schockiert...
Also ernsthaft, was ist es, was diese Frau anscheinend so unbeliebt macht?
... die unglaubliche "Sellout" Attitütde mit der sie sich vermarktet. Früher einen auf Alternaitv-Indie-Punk gemacht und über die Geschäftemacher und Bonzen gelästert, vom Kotzen und blabla erzählt und jetzt die ernsthafte Autorin geben und sich dann so penetrant vermarkten lassen - das passt für mich nicht. Ich denke aber wie schon gesagt, dass sie eher vermarktet wird und man versucht den "Hype" möglichst lange auszuschlachten. Das sagt mir schon der äußerst ähnliche "neue" Buchtitel...
Das die Journalisten das jetzt wieder ständig hochpushen und abfeiern dürfte wohl mit dem Engagement der Verlage zu tun haben. Interessiert mich aber auch alles nicht, da ich keines der Bücher lesen werde.
Mich stört eher - um es auf den Punkt zu bringen - das aus einer für mich sehr sympatischen Moderatiorin mit einer mMn. guten Einstellung jemand geworden zu sein scheint, der für die Kohle eben doch wieder - wie soviele andere auch - alles mitmacht und das find ich schade.
Wenn Andere Kritik üben kann gar nichts anderes dahinter stecken als "Hass" (ganz schlecht). Wenn Sie dann aber die Kritiker kritisieren, meines Erachtens völlig unberechtigt und mit an den Haaren herbeigezogenen Argumenten, nennen sie dies verharmlosend "mein absolutes Unverständnis äussern" (sehr edel). Jetzt sollten sie vielleicht noch kurz erklären wo sie eine "Welle der Verachtung und des Hasses" erkannt haben wollen. Auf jeden Fall bei keinem der obigen Kommentare. Geht's nicht doch eher darum, jeden Roche-Kritiker schon vorbeugend mundtot zu machen?
Es gibt einen Unterschied zwischen Werbung machen und Penetranz, die mich fremdschämen lässt. Sie reiht sich leider mittlerweile in die bis zum Horizont reichende Schlange der klebrigen, ekelhaften Sichselbstvermarkter ein.
Es ist schade, weil ich sie mal gut fand. Die FastForward Charlotte hätte die heutige Charlotte gehasst!
Woher dieser Hass kommt? Das kann ich Ihnen sagen: Es ist die Wut (sicher auch viel Neid) darauf, dass eine Frau mit so einer simplen, berechnenden Masche immer wieder durchkommt und selbst gestandene Feuilltonisten um den Finger wickelt. Immer wieder: "Ich bin das verletzte, rehäugige kleine Mädchen, dass den Spießern ganz frech böse Wörter um die Ohren knallt." Dass sie damit im Viva-Kontext Erfolg hatte, schön und gut. Dass sie jetzt aber auch noch mit traumwandlerischem Geschick den Medienmainstream und soger die Spähren der Hochkultur erobert, geht scheinbar vielen zu weit.
... die unglaubliche "Sellout" Attitütde mit der sie sich vermarktet. Früher einen auf Alternaitv-Indie-Punk gemacht und über die Geschäftemacher und Bonzen gelästert, vom Kotzen und blabla erzählt und jetzt die ernsthafte Autorin geben und sich dann so penetrant vermarkten lassen - das passt für mich nicht. Ich denke aber wie schon gesagt, dass sie eher vermarktet wird und man versucht den "Hype" möglichst lange auszuschlachten. Das sagt mir schon der äußerst ähnliche "neue" Buchtitel...
Das die Journalisten das jetzt wieder ständig hochpushen und abfeiern dürfte wohl mit dem Engagement der Verlage zu tun haben. Interessiert mich aber auch alles nicht, da ich keines der Bücher lesen werde.
Mich stört eher - um es auf den Punkt zu bringen - das aus einer für mich sehr sympatischen Moderatiorin mit einer mMn. guten Einstellung jemand geworden zu sein scheint, der für die Kohle eben doch wieder - wie soviele andere auch - alles mitmacht und das find ich schade.
Wenn Andere Kritik üben kann gar nichts anderes dahinter stecken als "Hass" (ganz schlecht). Wenn Sie dann aber die Kritiker kritisieren, meines Erachtens völlig unberechtigt und mit an den Haaren herbeigezogenen Argumenten, nennen sie dies verharmlosend "mein absolutes Unverständnis äussern" (sehr edel). Jetzt sollten sie vielleicht noch kurz erklären wo sie eine "Welle der Verachtung und des Hasses" erkannt haben wollen. Auf jeden Fall bei keinem der obigen Kommentare. Geht's nicht doch eher darum, jeden Roche-Kritiker schon vorbeugend mundtot zu machen?
Es gibt einen Unterschied zwischen Werbung machen und Penetranz, die mich fremdschämen lässt. Sie reiht sich leider mittlerweile in die bis zum Horizont reichende Schlange der klebrigen, ekelhaften Sichselbstvermarkter ein.
Es ist schade, weil ich sie mal gut fand. Die FastForward Charlotte hätte die heutige Charlotte gehasst!
Woher dieser Hass kommt? Das kann ich Ihnen sagen: Es ist die Wut (sicher auch viel Neid) darauf, dass eine Frau mit so einer simplen, berechnenden Masche immer wieder durchkommt und selbst gestandene Feuilltonisten um den Finger wickelt. Immer wieder: "Ich bin das verletzte, rehäugige kleine Mädchen, dass den Spießern ganz frech böse Wörter um die Ohren knallt." Dass sie damit im Viva-Kontext Erfolg hatte, schön und gut. Dass sie jetzt aber auch noch mit traumwandlerischem Geschick den Medienmainstream und soger die Spähren der Hochkultur erobert, geht scheinbar vielen zu weit.
Sorry, man muss Charlotte Roches oder ihren Schreibstil nicht unbedingt mögen, jedoch hat sie mit ihrer Art des entzauberns von Tabu-Wörtern ein stückweit Emanzipation der deutschen Sprache befördert. Klar weiß jeder, was Goethe meinte, wenn der Knab das Röslein brach; klar, muss man nicht jeden Körpersaft bis zur Unerträglichkeit beschreiben, bestimmen und bewerten - aber man KANN! Bei dem Debütroman von Robert Cias "Sex in Berlin" hat dieser Schreibstil der "Feuchtgebiete" jedenfalls geholfen, das Tatsächliche aussprech- und damit ausschreibbar zu machen, auch wenn ich doch noch etwas mehr an Goethes Sprachstil fest halte.
Das finde ich sehr gelungen. Der Autor geht mit dem Buch sehr fair und einsichtig um. (Vielleicht fast ein bisschen zu nett)
Aber im großen und ganzen, gerade im Vergleich zu den Feuchtgebieten treffen Sie es einfach wunderbar auf den Punkt, Herr Mangold.
Sehen sie Kritik muss kritisieren heißt, dass etwas bewertet und möglichst objektiv betrachtet wird. Das viele meinen es heißt niederschreiben, was dann oft in pseudo-intellektuellem, hochtrabendem Deutsch verkündet wird, macht es keineswegs besser. Viele Kommentare erinnern schon an Hybris.
Das das Buch in den Feuilletons gelobt wird liegt vielleicht einfach an seiner Konsensfähigkeit und daran, dass es gut ist. Offensichtlich gib es bei vielen Frauen bis Mitte dreißig die Frage, wie sie sich verhalten sollen und die Suche nach Vorbildern. Als Mann gratuliere ich und hoffe selbst auf Antworten.
Wie heißt es so schön: Haters gonna hate.
... die unglaubliche "Sellout" Attitütde mit der sie sich vermarktet. Früher einen auf Alternaitv-Indie-Punk gemacht und über die Geschäftemacher und Bonzen gelästert, vom Kotzen und blabla erzählt und jetzt die ernsthafte Autorin geben und sich dann so penetrant vermarkten lassen - das passt für mich nicht. Ich denke aber wie schon gesagt, dass sie eher vermarktet wird und man versucht den "Hype" möglichst lange auszuschlachten. Das sagt mir schon der äußerst ähnliche "neue" Buchtitel...
Das die Journalisten das jetzt wieder ständig hochpushen und abfeiern dürfte wohl mit dem Engagement der Verlage zu tun haben. Interessiert mich aber auch alles nicht, da ich keines der Bücher lesen werde.
Mich stört eher - um es auf den Punkt zu bringen - das aus einer für mich sehr sympatischen Moderatiorin mit einer mMn. guten Einstellung jemand geworden zu sein scheint, der für die Kohle eben doch wieder - wie soviele andere auch - alles mitmacht und das find ich schade.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren