WelternährungTonnenweise in den Müll

Weltweit werden riesige Mengen Lebensmittel vergeudet – auch durch Verbraucher. Das müsste nicht sein. von 

Erntearbeiter pflücken Erdbeeren.

Erntearbeiter pflücken Erdbeeren.  |  © Volker Hartmann/AFP/Getty Images

Der LKW entlädt einen Schwall von Lebensmitteln, gerade so, als würde er sich übergeben. Die Ware landet in einem riesigen Tiefbunker des Biowerks der Stadt Hamburg, in dem aus organischen Abfällen Energie erzeugt wird. Die Anlage verarbeitet Obst und Gemüse, Brot und Brötchen, Lachs und Shrimps, aber auch Fleischwürste oder Hühnerbeine ebenso wie Milch und Joghurt: insgesamt 60 bis 80 Tonnen pro Tag.

Das Hamburger Biowerk speist sich aus sogenannten überlagerten Lebensmitteln, die der Handel hier entsorgt. Auch die Reste aus der Gastronomie wie aus Altenheimen, Krankenhäusern und Betriebskantinen werden angeliefert. Nach den Feiertagen enden selbst Schokoweihnachtsmänner und Osterhasen im Tiefbunker. Im Hof steht eine ganze Palette voller Flaschen mit Walnussöl. Die Haltbarkeitsdauer ist abgelaufen.

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In Deutschland landen jährlich geschätzte 20 Millionen Tonnen Lebensmittel auf dem Müll.

Wenn Bauer Melesse in seinem kleinen Dorf in Äthiopien auf einen Lastwagen wartet, dann hat das ganz andere Gründe. Ein Händler aus der Hauptstadt Addis Abeba hat ihm versprochen, seine Mangos abzukaufen. Kommt er nicht, werden Sonne und Fliegen die Früchte schon in wenigen Tagen in einen stinkenden Brei verwandeln. Und das, während im Südosten des Landes große Hungersnot herrscht. Es wäre nicht das erste Mal, dass Melesses Ernte vergammelt.

Weltweit gehen rund 1,3 Milliarden Tonnen Nahrungsmittel verloren; ein Drittel der globalen Lebensmittelproduktion.

Wissenschaftler haben für die Welternährungsorganisation FAO herausgefunden, dass der größte Teil in den wohlhabenden Staaten beim Verbraucher verdirbt: Amerikaner und Europäer werfen pro Person im Schnitt rund 100 Kilogramm Lebensmittel im Jahr weg . Allerdings ist der Schwund auch in den Entwicklungsländern beträchtlich. Dort kommen bis zu 40 Prozent der Ernte erst gar nicht bei den Menschen an. Falsche Lagerung, Transportschäden und fehlende Verpackungen bringen die bäuerlichen Kleinbetriebe um ihr Einkommen.

Derzeit leben etwa sieben Milliarden Menschen auf der Welt , fast jeder siebte hungert.

Im Jahre 2050 dürften neun Milliarden Menschen die Erde bevölkern. Um alle satt zu bekommen, müssten die Ernteerträge drastisch steigen, sagt Robert van Otterdijk. Er ist der Landwirtschaftsexperte der FAO. Land, Wasser und Energie seien aber nicht beliebig vermehrbar. »Daher ist es effizienter, in der gesamten Wertschöpfungskette Verluste zu reduzieren, als mehr zu produzieren«, sagt er. Klingt einleuchtend. Aber wie könnte das gehen?

Die Produktivität muss in den weniger entwickelten Ländern steigen, heißt es unumstritten. Sind mehr Maschinen und Dünger also die Lösung? Nach der Erfahrung des britischen Öko-Aktivisten Tristram Stuart spielt Hightech nicht die wichtigste Rolle. Manchmal reichten schon einfache und kostengünstige Verbesserungen, um gute Effekte zu erzielen, schreibt der Historiker und Nahrungsmittelaktivist in seinem Beitrag für den Report Hunger im Überfluss , der in diesem Jahr unter anderem vom US-Umweltinstitut Worldwatch herausgegeben wurde. Stuart: »Viel wäre beispielsweise schon gewonnen, wenn die Farmer wüssten, wann der beste Zeitpunkt zur Ernte gekommen ist.«

Leserkommentare
  1. Dass in Deutschland und in den anderen EU-Ländern tonnenweise Lebensmittel in den Müll wandern ist nichts neues. Die genannten Gründe ebenfalls nicht. Allerdings sind nicht nur die Vorgaben der EU schuld - nur makelloses Obst - sondern ein Großteil der Verbraucher nimmt lieber die makellose völlig geschmackneutrale Tomate als eine fleckige voll aromatische. Obstbäume außerhalb von Plantagen werden nur zu einem geringen Teil abgeerntet, Ergebnis Fallobst das verrottet. Und der wichtigste Faktor ist natürlich die Überproduktion und es muss zu jeder Zeit alles verfügbar sein, zum Beispiel frische Erdbeeren und Spargel zu Weihnachten.

    Was den Hunger der Welt betrifft (steigende Preise und mangelnde Verfügbarkeit) wird leider immer noch abgestritten, dass Bioethanol auch dafür verantwortlich ist. Bevor die ZEIT jetzt Nachweise verlangt ... Ich bin am Wochenende durch den Odenwald und die Bergstraße entlang gefahren .... Maisfelder ohne Ende. Ich gehe mal davon aus, dass es zumindest in ganz Deutschland so ähnlich aussieht. Aber es gibt ja angeblich keine Monokulturen.

    • otto_B
    • 16. August 2011 8:14 Uhr

    Was soll's? Der Mensch folgt dem kleinsten Zwang. Lebensmittel sind reichlich vorhanden, und nicht teuer. Wegwerfen tut nicht (allzu) weh.
    Das 19. Jahrhundert kannte noch den Mangel. Geändert hat das die Industrialisierung. Die Bevölkerung wuchs, aber die Agrarproduktion noch stärker. Irgendwann schlug es in die "Überschüsse" um.
    Brutal geseheh:.....allzuviel Unterschied macht es nicht, ob die "Abfälle" in den Gär-Reaktor mit angeschlossenem Strom-Generator gehen, oder der eigens dazu angebaute Mais.
    ....soviel zum "Bio"-Gas im Strommix der Energiewende.

    Ja, Wissenschaft und Industrie haben seit 150 Jahren zur Überwindung des Mangels geführt - und der Zugriff auf fossile Rohstoffe.
    Nachdem die agrarischen Produktionssysteme zuvor die Landschaften ("Ökosysteme")ausgezehrt hatten.
    Wer anderes behauptet, ist Anhänger des Perpetuum mobile.

    Die im Artikel beschriebene Situation fußt auf Liebig (Düngung mit Kali und Phosphor), und auf Haber-Bosch-Stickstoff (Stickstoffdünger aus Luft und Kohle oder Erdgas).
    Auch wenn die Nation derzeit auf das Antiatom-Thema eingeschworen ist - der Überschuß im Supermarkt kommt auch aus der Gasleitung.
    Soviel zur Prognose unserer Glitzerwelt.

    (Wie Agrarfortschritt in der dritten Welt ohne "Dünger" funktionieren soll, bleibt mir rätselhaft. Sind die Erkenntnisse der Agrarforschung seit Liebig außer Kraft gesetzt?)

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    "(Wie Agrarfortschritt in der dritten Welt ohne "Dünger" funktionieren soll, bleibt mir rätselhaft. Sind die Erkenntnisse der Agrarforschung seit Liebig außer Kraft gesetzt?)"

    Natürlich ist das von Liebig formulierte *Minimumprinzip* gültig.
    Doch daraus zu schließen, es ginge nicht ohne synthetischen Dünger ist meiner Meinung nach falsch.
    Kreislaufwirtschaft, Viehübersetzte Wirtschaft, andere Arten der Kompostierung, Fruchtfolgen mit Gründüngungen... es gibt Wege. Und sie sind bekannt. Nur machen sie erstens mehr Arbeit, erscheinen aus heutiger Sicht vielleicht unhygienisch und noch einige Punkte mehr.

  2. .
    ... und gern vernachlässigt in der Diskussion um die bessere Verteilung von Lebensmitteln:
    Der pervertierte Eigentumsbegriff "moderner" Wirtschaftssysteme.

    Wer die Ernte fremder Obstbäume vor dem Verrotten schützt gilt als Dieb, wer dieses Obst an den "eigenen" Bäumen verrotten lässt hingegen nach wie vor als nicht strafwürdig.

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    'Der pervertierte Eigentumsbegriff "moderner" Wirtschaftssysteme'

    Die Perversion geht sogar noch weiter. Wer Ihr gerade nicht genutztes Auto vor dem Stillstand schützt gilt ja auch als Dieb.

  3. "Übersättigung" der Überfluß an Nahrungsmitteln in den Industriestaaten und im Gegensatz der "Mangel" an Nahrungsmitteln in den "Drittländern" nicht gelöst.

    Ehrlicher Umgang mit Nahrungsmitteln bedeutet das wir Weltweit die örtlichen Möglichkeiten nutzen und ausbauen müssen. Hierzu ist ein Umdenken notwendig. Die Nahrungsmittel Produktion darf nicht Bestandteil des Spekulativen Börsenhandels sein, der wichtige Rohstoffe nach Gusto, zu Gunsten einiger Spekulanten auf dem internationalen Markt verteuert.

    Örtlichen Gegebenheiten in den "Drittländern" muß Rechnung getragen werden, sie dürfen nicht zum Spielball der Industriellen Verschwendung (Palmöl Plantagen für Bio Sprit" verschwendet werden. Die Märkte für Landwirtschaft Produkte der "Drittländer" müssen geöffnet werden. Hierzu bedarf es noch großer Finanzieller Unterstützung für lokale Erzeuger.

    Zur Zeit werden Unmengen an Nahrungsmittel wie Weizen, Reis und Soja aus den Industrieländern in "Drittländer" exportiert, bzw. am Beispiel Somalia "gespendet". Diese Maßnahmen, begleitet von örtlichen Maßnahmen korrupter Regierungen (Landnahme, Enteignung) befördern die lokalen Erzeuger zwangsläufig ins Elend. Die Mittel der Überproduktion in den Industriestaaten, durch Subventionen gefördert, würden zum Ausbau lokaler Strukturen, sinnvoll eingesetzt die Probleme des Nahrungsmittel Mangels nachhaltig lösen.

    Ein Umdenken muß im Einklang mit den Bedürfnissen erfolgen - hiervon ist die Politik weit entfernt.

    • Gafra
    • 16. August 2011 8:49 Uhr

    unter welchen Umständen die weg geworfenen Milch- und Fleischprodukte erzeugt wurden, dann überkommt einen nur das kalte Grausen über Maß- und Gedankenlosigkeit.
    Nur 2 Aspekte davon:
    http://www.8hours.eu/
    http://www.ausgemolken.ne...
    Übrigens habe ich Joghurt noch nach Wochen gegessen.

  4. Wir müssen das Bevölkerungswachstum also noch pushen damit die Welt noch überbevölketer ist? Jede Frau hat im Schnitt in Somalia 6,3 Kinder. Geburtenkontrolle wäre sinnvoll damit keiner mehr hungert [...]

    Gekürzt. Bitte achten Sie auf eine sachlichere Wortwahl. Danke. Die Redaktion/lv

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    • Gafra
    • 16. August 2011 9:24 Uhr

    Hier wird um das aussterbende, uiiuihuhhuuh, deutsche Volk gejammert. Wir haben die Zeit der vielen Geburten hinter uns, aber wir hatten sie auch!
    Kinder sind Altersversorgung und wenn viele Kinder sterben, muss man möglichst viele kriegen, damit wenigstens ein paar überleben. So einfach und so schwierig ist das.
    Dieses Gequake über Übervölkerung ist nichts als Angst um den eigenen Komfort und zeigt nullkommanull Lösung auf.

    'Wir müssen das Bevölkerungswachstum also noch pushen damit die Welt noch überbevölketer ist? Jede Frau hat im Schnitt in Somalia 6,3 Kinder. Geburtenkontrolle wäre sinnvoll damit keiner mehr hungert und nicht diue Gebärmaschinen zu pushen!'

    Ja, solche Gedanken drängen sich einem auf, wenn man diese Regionen gesehen hat und ich habe sie von vielen gehört, mit denen ich gesprochen habe, auch von Entwicklungshelfern. Aber dann müßte auch noch das Problem der fehlenden Alterssicherungssysteme gelöst werden. Und die Frage der Akzeptanz der Geburtenkontrolle. Die Reproduktionsrate ist abhängig von allgemeinem Bildungsniveau und Wohlstand. Letzteren gibt es nicht und erstere dauert Generationen, Zeit, die man nicht hat, angesichts der Bevölkerungsentwicklung vor Ort. Ferner müßten auch noch die Probleme beseitigt werden, die jahrhundertelange Realteilung im Erbschaftsfalle hervorgebracht haben. Also eine Landreform? Und auch die negativen Folgen jahrzehntelanger Entwicklungshilfe auf die Mentalität und Denkweise der Bauern müßten beseitigt werden. Von der Regierung einmal ganz zu schweigen.

    Womit also anfangen?
    Alle Entwicklungs- und Hungerhilfe kompolett einstellen und mit dem Geld Sozialsysteme aufbauen? Lebensmittel nur gegen Sterilisation? Die Regierung einsperren und von außen eine neue einsetzen? Ein neuer Klonialismus? Sollte jemand eine schlüssige Lösung finden, wäre ich dankbar, davon zu erfahren.

    Die Hilfsindustrie, die 'NGOs' wären vermutlich nicht erfreut.

    Abgesehen von Ihrer doch negativ konnotierten Wortwahl stört mich doch auch Ihr sorgloser Umgang mit Zahlen.

    Zitat Alexander89: "Jede Frau hat im Schnitt in Somalia 6,3 Kinder."

    Sie meinen wahrscheinlich die sogenannte Fruchtbarkeitsrate: "Durchschnittliche Zahl von Kindern, die eine Frau im Laufe ihres Lebens lebend gebären würde, wenn sie in jeder Altersstufe in Übereinstimmung mit der altersspezifischen Fruchtbarkeitsrate Kinder zur Welt bringen würde." (aus Def. der World Development Indicators der Weltbank).
    Diese ist eine denkbar ungeeignete Zahl um Rückschlüße auf die Bevölkerungsentwicklung zu ziehen:

    1) Sie berücksichtigt nicht die Kindersterblichkeit.

    2) Sie ist abhängig davon, wie groß der Anteil der Frauen an der Bevölkerung ist.

    Einzig allein die Geburtenrate und die Sterberate zusammen lassen solche Rückschlüße zu.
    Um Ihr Argument zu untermauern, hätten Sie sich die Mühe machen sollen, die Zahlen zur Bevölkerungsentwicklung zu suchen. Die sind übrigens (in Prozent) zB Deutschland 0,2 ,Somalia 0,9 und Frankreich 0,5. (alle Zahlen aus Fischer Weltalmanach 2009)

  5. Die im Artikel genannten Probleme existieren schon seit Jahrzehten und es wird immer wieder darauf hingewiesen. Wie wäre es mal zur Abwechslung zu recherchieren in welchem Umfang Gegenmaßnahmen stattfinden und was sie bewirken? Viele abgelaufene Produkte landen bei der Tafel und werden von bedürftigen Menschen in Deutschland gerne empfangen. Zu wissen, welche Unternehmen sich daran beteiligen, würde den Lesern nicht nur helfen zu entscheiden, wo sie nicht einkaufen, sondern auch wo sie einkaufen gehen sollten.

  6. Die im Artikel genannten Probleme existieren schon seit Jahrzehten und es wird immer wieder darauf hingewiesen. Wie wäre es mal zur Abwechslung zu recherchieren in welchem Umfang Gegenmaßnahmen stattfinden und was sie bewirken? Viele abgelaufene Produkte landen bei der Tafel und werden von bedürftigen Menschen in Deutschland gerne empfangen. Zu wissen, welche Unternehmen sich daran beteiligen, würde den Lesern nicht nur helfen zu entscheiden, wo sie nicht einkaufen, sondern auch wo sie einkaufen gehen sollten.

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