Müssen Schüler zuviel lernen?

Deutschlands Schüler wissen zu wenig. Firmenchefs raufen sich die Haare über Berufsanfänger, die keinen simplen Brief mehr fehlerfrei schreiben können. Universitätsprofessoren sind entsetzt über die mathematischen Bildungslücken ihrer Erstsemester.

Also müssen Schüler mehr lernen, lautet gemeinhin das Rezept. Draußen in der Welt wächst das Wissen ja auch exponentiell – da ist die Versuchung groß, immer mehr davon in die Lehrpläne hineinzustopfen oder gleich neue Schulfächer wie Informatik oder Wirtschaft einzurichten. Seit Jahrzehnten schrauben Pädagogen und Bildungsforscher, Lehrer und Ministerialbürokraten das Lernsoll beständig höher, der "Stoff" wird "verdichtet". In den Gymnasien trägt die von neun auf acht Jahre verkürzte Schulzeit noch dazu bei, das tägliche Lernpensum der Schüler zu erhöhen.

Sind die Schüler vielleicht zu faul? Den meisten kann man das nicht vorwerfen. Vor allem die Eltern der G-8-Schüler klagen, ihren Kindern bleibe keine Zeit mehr für Sport oder Musikunterricht außerhalb der Schule oder dafür, einfach mal nichts zu tun ( Liebe Marie, ZEIT Nr. 22/11 ).

Immer schlechtere Ergebnisse bei immer größerem Bildungsangebot, so lautet der paradoxe Befund. Wenn viel Stoff offenbar nicht zu höherer Bildung führt – wie könnte eine Alternative aussehen? Was muss man heute unbedingt wissen und können, und was kann man getrost vergessen?

Es gibt Experten, die dazu Überraschendes zu sagen haben – Psychologen, Bildungs- und Hirnforscher, die sich ohne die Brille und die Tradition der Pädagogik mit der Frage nach besserer Bildung beschäftigen. Sie glauben, dass der vermeintliche Widerspruch zwischen Überangebot und Wissenslücken gar keiner ist. Sondern dass, im Gegenteil, unsere Schüler viel mehr wissen könnten – wenn sie weniger lernen müssten.

Die Schule in Deutschland versuche, ein absurd hochgezüchtetes Ideal von Wissen und Bildung umzusetzen, findet der Psychologe Thomas Städtler: "Sie schafft das aber nur bei einigen wenigen Prozent, und bei einem großen Rest akzeptiert man, dass er im Wesentlichen mit Fleiß Leistungen gewissermaßen vortäuschen kann."

Bildung als großer Bluff. Die Bildungshochstapler heißt Städtlers Buch, in dem er seine Erfahrungen als Psychotherapeut von Kindern und Jugendlichen und als Supervisor in der Lehrerfortbildung verarbeitet. Seine plakative Forderung: Kürzt die Lehrpläne um 90 Prozent!

Städtler ist vielleicht der radikalste Kritiker der Lehrpläne. Aber nicht der einzige. "Weniger ist mehr", sagt auch Gerhard Roth, Hirnforscher an der Universität Bremen und seit acht Jahren Präsident der Studienstiftung des Deutschen Volkes. Er stellt in seinem Buch Bildung braucht Persönlichkeit – Wie Lernen gelingt unserem Schulsystem ein vernichtendes Zeugnis aus. "Alle Überprüfungen des Wissens, das junge Menschen fünf Jahre nach Schulabschluss noch besitzen", schreibt Roth, zeigten, "dass das Schulsystem einen Wirkungsgrad besitzt, der gegen null strebt". Was für eine Verschwendung von Energie und Geld!

"Aus der Schulzeit sind mir nur meine Bildungslücken erinnerlich", sagte schon der Maler Oskar Kokoschka (1886 bis 1980). Die Klage, dass der Mensch die Lehranstalt mit einem arg löchrigen Wissensfundus verlässt, ist heute noch aktuell. Ob sie generell stimmt, lässt sich kaum quantifizieren – es gibt bislang kaum wissenschaftliche Untersuchungen darüber, was nach der Schule hängen bleibt.