Luchs Nr. 295Flunkern bis Finnland

Eine Familie schwindelt sich gegenseitig die Hucke voll und findet doch ihr Glück. von Hartmut el Kurdi

Es gibt Bücher, die sind so gut, dass es schwierig ist, etwas über sie zu schreiben. Jedenfalls wenn man will, dass auch andere sie noch lesen. Diese Bücher sind nämlich unter anderem deswegen so gut, weil sie den Leser und die Leserin immer wieder überraschen. Aber diese Überraschungen darf man nicht verraten, weil man sonst den anderen den Lesespaß verdirbt. Man will ja keine doofe Literatur-Petze sein. Genau so ein Buch voller unerwarteter Drehungen und Wendungen hat der Autor Salah Naoura geschrieben.

Fangen wir also mit etwas Unverfänglichem an. Mit dem Titel und den darin erwähnten Hauptfiguren: Matti und Sami und die drei größten Fehler des Universums. Matti und Sami Pekkanen sind Brüder. Matti ist der Ältere, er geht in die fünfte Klasse, Sami in den Kindergarten. Die beiden verstehen sich mal besser, mal schlechter. Brüder eben. Ihr Vater ist ein schweigsamer finnischer Busfahrer, der allerdings am liebsten in seinem winzigen Computerzimmer sitzt und Handyspiele entwickelt. Die Mutter ist eine energische deutsche Sprechstundenhilfe, der es manchmal nichts ausmachen würde, eine etwas weniger anstrengende Familie zu haben. Die vier leben in einer ziemlich kleinen Hochhauswohnung. Weder Matti noch Sami können Finnisch, sie waren auch noch nie in Finnland. Nicht einmal im Urlaub.

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Die drei »Fehler« aus dem Titel haben mit den Lügen der Erwachsenen zu tun. Manchmal sind solche Lügen klein und albern, manchmal aber auch gigantisch, weil sie das ganze Leben auf den Kopf stellen. So ist es zum Beispiel, als der Vater erzählt, dass die Familie in die Schweiz umzieht, in ein großes Haus am See, weil er endlich den tollen Job als Handyspiele-Entwickler bekommen habe. So eine Neuigkeit muss man selbstverständlich sofort weitererzählen. Weil Matti sich so wahnsinnig darüber freut, gibt er in der Schule sogar ein bisschen damit an. Doch schon einen Tag später bricht alles in sich zusammen. Es stellt sich heraus, dass der Vater auch nur angeben wollte. Vor seinem Bruder. Und dann liegt es da, das Universum, in Scherben auf dem Küchenboden, und Matti überlegt, wie man es wieder zusammenkleben kann.

© Beltz und Gelberg

Weil die Erwachsenen es nicht besser verdient haben, versucht Matti es auch mit Lügen. Was das Ganze nicht einfacher macht. Sein Onkel Kurt erklärt ihm, »dass Lügen schneller wachsen als Bambuspflanzen. So schnell, dass man sehr rasch nicht mehr sieht, wo sie hinführen.« Und genau das passiert. Die Lage wird unübersichtlich. Eine Lüge zieht die nächste nach sich. Erst schwindelt Matti wegen der Angeberei seines Vaters seinen besten Freund Turo an und verkracht sich deswegen mit ihm, dann vertragen sie sich wieder und denken sich gemeinsam eine neue Lüge aus, damit sie endlich mal zusammen Urlaub machen können. In Finnland, denn auch Turo ist Halbfinne. Das Ganze endet aber damit, dass Mattis Familie zu Hause alles aufgibt und holterdipolter komplett nach Finnland umzieht, weil Matti dafür gesorgt hat, dass seine Eltern glauben, sie hätten dort ein Haus gewonnen. In einer »Häuser-Lotterie«. Was natürlich totaler Quark ist. Und so sitzt die Familie plötzlich mitten in Finnland, ohne Wohnung, kaum Geld in der Tasche – und die Eltern ohne Arbeit. Nur Matti hat etwas, nämlich ein riesig schlechtes Gewissen. Irgendwie ist ihm alles über den Kopf gewachsen...

Das klingt nach einer ziemlichen Katastrophe, und das ist es auch. Zum Glück geht die Geschichte aber – so viel sei verraten – am Ende gut aus. Und allem Unglück und Ärger zum Trotz ist das Buch auch heiter. Das macht gute Komödienschreiber aus: Sie erzählen eine ernste und manchmal traurige Geschichte so, dass man trotzdem lachen muss. Und das kann Salah Naoura wie kaum ein anderer Kinderbuchautor in Deutschland. Dabei denkt er sich nicht nur überraschende, komische Situationen aus und schreibt witzige, pointierte Dialoge; genauso wichtig ist, dass er wunderbar schrullige Figuren erschafft. Mattis Eltern zum Beispiel, die auf den ersten Blick gar nicht sonderlich sympathisch erscheinen. Sie sind oft genervt, reden nicht viel mit ihren Kindern und lügen sie auch noch an. Auf den zweiten Blick bemerkt man aber, dass sie erstens ihre Kinder sehr gerne haben und zweitens ganz besondere Menschen sind. So wie vielleicht alle Menschen besonders sind. Wie es schon in einem Lied von Rio Reiser heißt: »Ich bin anders, weil ich wie alle bin und weil alle anders sind.«

Wie der Autor zum Beispiel Mattis Vater, den großen finnischen Schweiger Sulo Pekkanen, beschreibt ist ausgesprochen charmant und kunstvoll: Man darf Sulo niemals eine Frage stellen, die er mit Ja oder Nein beantworten könnte – weil er sie dann mit Ja oder Nein beantwortet, womit das Gespräch beendet ist. Wunderbar knapp und komisch ist die Szene, in der der Vater für seinen Bruder, der aus Finnland zu Besuch kommt, ein Begrüßungsessen zubereitet: karelische Piroggen, Teigtaschen, gefüllt mit salzigem Milchreis. »Und was gibt es dazu?«, fragt die Mutter. »Wurst«, antwortet der Vater. Die Mutter schlägt vor: »Lass uns doch für deinen Bruder lieber was Besonderes machen. Was mag er denn so?« – »Wurst«, sagt Sulo. Und damit ist die Sache klar.

Ob die Finnen wirklich alle so sind wie Mattis Vater? Keine Ahnung, zumindest kennt man sie so aus finnischen Filmen und Romanen. Im ersten Moment glaubt man, auch Salah Naoura sei ein finnischer Name und der Autor mindestens Halbfinne. Aber Pustekuchen, er ist Deutscher und lebt in Berlin. Aber ein bisschen »halb« ist er doch. Er hat einen syrischen Vater. Vielleicht hilft das, wenn man sich Geschichten ausdenkt, in denen es um Sehnsucht, Heimat und Fremde geht.

Das ist, neben den vielen Überraschungen, dem liebevollen und dem staubtrockenen Humor, das Schöne an diesem Buch: Es hat viele Themen. Es ist eine wunderschöne Vater-Sohn-Geschichte, eine Familiengeschichte, eine Geschichte über das Lügen mit all seinen Vor- und Nachteilen und vor allem eine Geschichte über den Mut, etwas Neues zu wagen. Und damit ist es eine Geschichte wie das Leben – das hat ja auch mehr als ein Thema.

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    • Schlagworte Autor | Buch | Eltern | Erwachsene | Familie | Finnland
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