Die Berliner Charité im Herbst 2009: Eine Schwester bereitet eine Impfdosis Pandemrix gegen die Schweinegerippe vor. © Andreas Rentz/Getty Images

Es war ein Sonntagabend im Januar 2010, als Christin Schneider* zusammensackte und die Treppe hinunterstürzte. Schon seit Wochen war die 17-Jährige auffallend müde und niedergeschlagen. Vielleicht lag es an den Wochenenden, an denen sie oft mit Freunden ausging? Doch es wurde schlimmer. Täglich bis zu zwanzigmal ging sie in die Knie. Die angehende Abiturientin, die in der Nähe von Koblenz lebt, veränderte sich: Sie schlief in der Schule ein und nahm zu. Die Ärzte waren ratlos.

Schon früh hegte Christins Mutter einen Verdacht: Könnte eine Impfung die Sturzattacken verursacht haben? Zwei Monate vorher, im Herbst 2009, war ihre Tochter gegen die grassierende Schweinegrippe mit Pandemrix geimpft worden. Die Vakzine war heftig umstritten , denn darin steckte der Zusatzstoff AS03, der die Impfwirkung verstärkte. Kritiker wie der Flensburger SPD-Politiker Wolfgang Wodarg bezeichneten den Impfstoff deshalb als »risikoreich«. In Deutschland war das Misstrauen gegen Pandemrix so groß, dass sich nur acht Prozent der Bevölkerung impfen ließen. Nun, zwei Jahre nach der Aktion, halten Experten es für möglich, dass die Skeptiker mit ihrer Warnung wenigstens zum Teil recht behalten .

Vorvergangene Woche empfahl die Europäische Arzneimittelbehörde EMA , Kindern und Jugendlichen unter 20 Jahren das Präparat Pandemrix nur noch in Ausnahmefällen zu verabreichen. Ihre Mahnung ist das Fazit einer monatelangen Diskussion unter Virologen, Epidemiologen, Neurologen und Schlafforschern.

Eine Fotostrecke zeigt, wie Narkoleptiker versuchen, mit ihrer Erkrankung zu leben.

Die Wissenschaftler diskutieren intensiv über eine mysteriöse Häufung einer sonst sehr seltenen Erkrankung, der Narkolepsie . Dabei setzt sporadisch die Schlaf-wach-Regulation im Gehirn aus. Die Betroffenen nicken mitten am Tag schlagartig ein, oder ihr Körper verliert sekunden- bis minutenlang jede Muskelspannung. Kataplexie heißt dieser quälende Zustand, bei dem das Gehirn wach bleibt. Normalerweise erkrankt in Europa jedes Jahr nur eines von 100.000 Kindern an diesem Syndrom, das den ganzen Alltag umwirft.

Waren neben der Impfung noch genetische Effekte im Spiel?

Auch Christin muss jetzt ständig Pausen einlegen, die Narkolepsie lässt sie nicht mehr durchschlafen. Die junge Frau kämpft gegen eine aufgezwungene Antriebslosigkeit. »Ich ärgere mich darüber, nicht fit zu sein«, sagt sie. »Nachts habe ich Albträume. Mein Körper kann nicht mehr unterscheiden, wann er müde ist und wann wach.«

Im Lauf des vergangenen Jahres hatten zuerst schwedische, dann finnische Ärzte bemerkt, dass die Zahl der Narkolepsie-Fälle sprunghaft angestiegen war. 2010 waren in Finnland doppelt so viele Kinder zwischen 5 und 20 Jahren erkrankt wie in den vier Vorjahren zusammen. Nie zuvor hatten Mediziner im Zusammenhang mit einer Impfung eine erhöhte Rate von Narkolepsie-Fällen beobachtet. »Wir waren extrem überrascht«, sagt Brigitte Keller-Stanislawski vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI), das in Deutschland für Sera und Impfstoffe zuständig ist.

Die Ärzte von Christin hielten die Ausfälle zunächst für psychisch bedingt. Nach unzähligen Zusammenbrüchen, Besuchen bei Neurologen, einer Psychotherapie und einer wochenlangen Kur kam im Spätsommer 2010 endlich die Diagnose. »Sie leidet an Narkolepsie«, sagte Christins behandelnder Neurologe, Ulf Kallweit von der Kamillus Klinik in Asbach. Er hielt einen Zusammenhang mit der Impfung für »sehr wahrscheinlich« – und meldete den Fall dem Paul-Ehrlich-Institut . Aber wie eindeutig ist die Verbindung wirklich?