Wir wissen nicht, ob Mahler Stasi-IM war. Aber wir ahnen, was ein solcher Verdacht für sein Selbstbild bedeutet: Ferngesteuert gewesen zu sein, nicht der große hegelianische Großdurchblicker, der die Widersprüche der Welt mit links jongliert, nur ein ordinärer Spitzel – das geht natürlich nicht. Das wäre ein herber Kratzer am XXL-Ego, auch vor den neuen Freunden von der NPD.

Die NPD – Mahler ist nicht der einzige Linksrebell, der zuletzt scharf rechts abgebogen ist. Auch die Ex-SDS-Mitglieder Bernd Rabehl, Günter Maschke und Reinhold Oberlercher haben die Rechtsextremen als letzten Hort wahrer Rebellion entdeckt. Maschke, Oberlercher und Mahler gehen so weit, die RAF als »Waffen-SDS« und die ausländerfeindlichen Brandstifter von Hoyerswerda und Rostock als geistige Erben der 68er zu bezeichnen.Die Weltsicht der Rechtsaußen-Rentner trifft einen wunden Punkt: Hat der Philosoph Jürgen Habermas recht behalten, der den rebellierenden Studenten »Linksfaschismus« vorwarf? Unterschieden sich diese gar nicht so sehr von ihren im Nazireich aufgewachsenen Vätern, gegen deren Mitläufertum und Verdrängung sie rebellierten?

Die 68er stellten Auschwitz ins Zentrum ihrer Bewegung, und zugleich banalisierten sie es. Wenn Vietnam, Iran, Kambodscha alle Auschwitz waren, wie es damals hieß, wenn das nukleare Wettrüsten die Gefahr eines »atomaren Auschwitz« bedeutete, war aus dem Holocaust und der deutschen Schuld eine leere Schreckensformel geworden.

Worte und Ideologien schillerten. Der Ex-RAF-Mann Peter-Jürgen Boock bezeichnete das Terroristentreffen, auf dem die Entführung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer geplant wurde, rückblickend als »unsere Wannsee-Konferenz«.

Als Zeugin bei Mahlers Prozess erklärte Ulrike Meinhof, die Ikone der RAF, 1972: »Ohne dass wir das deutsche Volk vom Faschismus freisprechen – denn die Leute haben ja wirklich nicht gewusst, was in den Konzentrationslagern vorging –, können wir es nicht für unseren revolutionären Kampf mobilisieren.« Sie stand damit, was heute erstaunt, nicht allein. »Die deutsche Arbeiterklasse ist zur Revolution erst dann fähig, wenn sie sich wieder mit ihrer Nation identifizieren kann«, habe Rudi Dutschke immer gesagt, erinnert sich Mahler. Er ist nicht der Erste, der den früh verstorbenen Studentenführer als »deutschen Nationalisten« vereinnahmt. Das tut inzwischen auch Dutschkes einstiger engster Weggefährte Bernd Rabehl.

In seiner dunklen Altbauwohnung in Berlin-Kreuzberg sitzt der pensionierte Professor, Revolutionär der ersten Stunde, und macht seinem Herzen Luft: »Wir haben keine richtige Rechte und keine Linke mehr, sondern eine Art Einheitspartei aus SPD und CDU, eine Art NSDAP, nur in zwei Parteien gegliedert.« Die Linkspartei sei gekauft, grollt Rabehl, eine Partei von Großagrariern. Und die NPD? »Ein Verfassungsschutzprojekt.«

Rabehl, 73, kennt sich aus in allen ideologischen Lagern. Denn auch der einstige Theoretiker des SDS tritt heute bei NPD-Veranstaltungen auf und wettert in rechten Zeitungen wie der Deutschen Stimme gegen die »Überfremdung«. Er kandidierte 2007 für die rechtskonservative Wählerinitiative »Bremen muß leben« und war 2009 für kurze Zeit als Bundespräsidentenkandidat von NPD und DVU im Gespräch.

Dabei lässt rein äußerlich nichts auf einen Gesinnungswandel des früheren Berufsrevolutionärs schließen: Rabehl trägt Jeans, Sandalen und Wollweste. Hinter ihm ranken sich Topfpflanzen bis zur Decke, und in den Regalen stapeln sich die Klassiker: Goethes Italienische Reise, Musils Mann ohne Eigenschaften. An der Wand lehnt eine Kalaschnikow, aber sie ist aus Legosteinen gebaut und gehört Rabehls Sohn. Auf den ersten Blick sieht das alles so aus, wie man sich einen Revolutionär in Rente vorstellt: irgendwo zwischen Dschungelcamp und bürgerlicher Bücherecke.

»Meine Tochter hat mich gefragt: ›Stimmt das, Papa, du wirst für die NPD kandidieren? Ich habe doch allen gesagt, du bist ein Linksradikaler‹«, erzählt Rabehl und lehnt sich amüsiert zurück. »Für mich war das ein Spiel«. Kurz vor der Nominierung zog Rabehl seine Zusage zurück. Seine Familie habe das gar nicht verstanden mit der Kandidatur, sagt er und lächelt herausfordernd. Dabei sei er doch nur sich selbst treu geblieben: »Ich bin rechts, weil es keine Linke mehr gibt.«

Wie Dutschke kam Rabehl aus der DDR. Sein Vater war Stabsfeldwebel und Glücksspieler. Mitten im Krieg lassen sich die Eltern scheiden, Mutter und Kind bleiben im brandenburgischen Rathenow. Später singt der junge Rabehl im örtlichen Karl-Marx-Chor und wird Mitglied einer Agitprop-Theatergruppe. Doch als die Jugendweihe ansteht, lässt er sich lieber konfirmieren und schreibt seinen Abituraufsatz über Walter Ulbricht und das Ende der DDR. Er muss das Abitur nachholen und darf an der Humboldt-Universität statt Geschichte nur Landwirtschaft studieren. 1961 flüchtet Rabehl in den Westen und schreibt sich an der Freien Universität ein, wo er Dutschke begegnet. Sie treten dem SDS bei, und bald beginnt die große Zeit der Studentenrevolte.

Dutschke und Rabehl, der Redner und der Denker. Sie waren das Dream-Team der Apo, aber gleichzeitig auch Konkurrenten. Dutschke der Mozart der Massenproteste, der mit großer Geste Tausende zu rebellischen Begeisterungsstürmen hinreißen konnte. Rabehl der Salieri: radikal, doch zugleich kühl berechnend – und immer ein bisschen in Rudis Schatten. Als Dutschke mit dem Gedanken spielt, die amerikanische McNair-Kaserne in Berlin-Lichterfelde zu stürmen, gehört Rabehl zu denen, die warnen: Rudi, das sollten wir nicht machen.