Ich weiß: Ich bin wieder in Österreich. Ich fahre von St. Pölten über Hüttldorf nach Wien Westbahnhof, und in Hüttldorf steht auf der Anzeigetafel über dem für uns zuständigen Gleis nicht etwa "Wien Westbahnhof", sondern dick "Salzburg" und dünn "Albertina". Ich will doch aber wissen, wohin der Zug fährt, und nicht, wie er mit Vornamen heißt und wo sich Albertina vor meiner Zeit überall herumgetrieben hat. Später erfahre ich, daß ich mit meiner Albertina noch Glück gehabt habe. Inzwischen heißen österreichische Züge so, daß man den alten "No na"-Witz wird umschreiben müssen. Kommt ein Mann, in jeder Hand einen Koffer, unter den Armen je eine Reisetasche und im Mund den Griff einer Aktentasche, auf den Bahnsteig gehetzt, wo der Zug gerade davonfährt. Ein Herumsteher fragt mitfühlend: "Sie haben wohl den Zug verpaßt?" Der Mann spuckt die Aktentasche aus und sagt: "No na, verscheucht." –: Neu fragt der Herumsteher mitfühlend: "Sie haben wohl den 30. Jahrestag der Gründung des katholischen Landfrauenverbands e.V. verpaßt?" "No na ", versetzt der Reisende patzig, "ich habe den 30. Jahrestag der Gründung des katholischen Landfrauenverbands e.V. verscheucht."

In Wien grüßen mich Firmenschilder: "Erzeugung von Klavieren", "Dolmetschungen" und "Bettfedernreinigung in Ihrer Gegenwart". Aber ich will mich nicht festlesen, sondern zum Ersten, wie die Veranstalter glauben, Internationalen Flann-O’Brien-Kongreß. ZEIT -Leser wissen natürlich, daß es bereits 1986 einen gegeben hat, in, no na, Dublin.

Bereits am zweiten Tag bin ich eingeteilt. Kurt Palm und ich sollen was erzählen. Kurt Palm hat den besten Roman der Welt, Auf Schwimmen-zwei-Vögel, verfilmt, und ich habe in dem Film den altirischen Sagenhelden Finn Mac Cool gespielt. Zu Beginn werden unsere jeweiligen Taten aufgezählt. Kurt Palm wird gefragt, was es mit seiner Veranstaltungsreihe "Kochen mit Joyce" auf sich habe, und er sagt: "I can chop an eel and talk about Joyce at the same time." Bei jeder Erwähnung des Namens James Joyce entfährt mir ein mißbilligendes Geräusch. Um eine Präzisierung dieses Geräusches gebeten, sage ich: "I can chop Joyce and talk about an eel at the same time."

Vier Tage lang werden 40 "Papers", eine Ausstellung, zwei Filme, ein Empfang in der Residenz Seiner Exzellenz, des irischen Botschafters (an der Mauer vor dem Haus neben der Residenz Seiner Exzellenz ist eine Tafel angebracht, auf der steht, der Architekt sei zum Bau dieses Hauses "befugt" gewesen, also nicht nur von 8 bis 10 und von 14 bis 18 Uhr, sondern den ganzen Tag), drei "Keynote" genannte Vorträge, drei Lesungen, zwei praktische Vorführungen und ein Heuriger geboten, die "Papers" teilweise zeitgleich, so daß man sich entscheiden, entscheiden, entscheiden muß. Ich habe nur drei "Papers" (also insgesamt sechs, wegen zeitgleich) verpaßt und kann jetzt praktisch jede Frage zu Flann O’Brien beantworten: Nein, er war nie mit dem Kölner Korbflechterstöchterlein Klara Ungerland verheiratet, welches nach einem Monat an galoppierender Schwindsucht starb; er war überhaupt nicht in Köln geschweige sonstwo im Ausland, alles Lüge. Ja, die Irish Times hat ihn tatsächlich als Kolumnisten eingestellt, weil sie nicht wußte, wie sie sich sonst vor seinen Leserbriefen retten sollte. Ja, der bedeutende Physiker Erwin Schrödinger folgte einem Ruf nach Dublin, weil er begeisterter Leser von Flann O’Briens Kolumne in der Irish Times war. Ja, Flann O’Brien hat in seiner Kolumne in der Irish Times gehöhnt, alles, was Schrödingers Institut gelingen werde, sei der Nachweis, daß es zwei Hl. Patricks und keinen Gott gebe. Ja, er hat eine Abmahnung kassiert, diese Behauptung zu unterlassen. Nein, er hat sie nicht wiederholt. Wußte ja inzwischen eh jeder. Ja, Flann O’Brien hat bahnbrechende Erkenntnisse in der Atom-Molekular- und Festkörperphysik vorausgeahnt, u.a. den Laser und die CD mehr oder weniger vorhergesagt. Ja, Joyce hat gestunken wie Socke. Ja, Flann O’Brien hat unter dem Pseudonym " Oscar Love" in Leserbriefen an die Irish Times vehement für die Spanische Republik und gegen Franco Stellung bezogen. Nein, ohne das Fahrrad, den Daimler des kleinen Mannes, hätte die irische Unabhängigkeitsbewegung nie und nimmer obsiegen können. Und als beim Brand eines Waisenhauses die Mädchen elend verbrannten, weil die Nonnen sie im Schlafsaal eingesperrt hatten, damit die Feuerwehrleute sie nicht im Nachtgewand zu sehen bekamen, war unser aller Flann O’Brien in seinem Brotberuf als Beamter der Einzige, der das kritisierte. Und später, in seiner Eigenschaft als Dichter, einen bitteren Limerick darüber verfaßte, der ihn die Gefolgschaft von Gefolgsleuten kostete, auf die er ohnehin durchdringend pfiff. Wie der Limerick ging? Muß ich noch recherchieren. (Zur Entschädigung kann ich Ihnen einen Haiku aus eigener Erzeugung anbieten, auf den ich unbändig stolz bin. Ein Verlag, der eine Haiku-Anthologie plant, hat ihn bestellt. Zur Erinnerung: Silbenschema 5–7–5; gern mit jahreszeitlichem Bezug. Besonders im Herbst / Vergesse ich, wieviele / Silben ein Haiku)

Das Fazit dieser Veranstaltung? Der von mir geschätzte (und übersetzte) Autor Roger Boylan sagt: "Man darf Flann O’Brien – und auch sonst nichts, was man liebt – den Akademikern überlassen. Sie treiben Anamnese und Exegese, und alles, was man versteht, ist, daß sie nicht viel kapiert haben." Ich sage: "Und wenn ein Flann-O’Brien-Zitat erklingt, lachen sie, als hätten sie es noch nie gehört." Der Autor Julian Gough sagt: "Haben sie offenbar auch noch nicht. Durch das Hören erschließt es sich ihnen plötzlich."

Wie hieß es so richtig auf dem Firmenschild? "Dolmetschungen". Möglichst in der Gegenwart.