Ich stehe am Prinzenbadeingang, in Berlin-Kreuzberg. Es ist Nachmittag, kurz nach vier. Ein strahlender Tag, obwohl der Wetterbericht Sturm gemeldet hat. Vor mir in der Schlange ein sportlicher Typ, Mitte 30, Familienvater, hinter mir zwei Studentinnen. Sofort kommen mir die ersten Zweifel: Was mache ich hier eigentlich? Ich stehe am Eingang einer mir doppelt unbekannten Welt. Das Prinzenbad, mit seinem Rüpelruf auch über die Grenzen Berlins hinaus bekannt – das Freibad an sich. Ich wohne schon seit Jahren in London, vieles vom Leben in Deutschland kenne ich nur vom Hörensagen. Außerdem habe ich zugegebenermaßen wenig Freibad-Erfahrung. Heute, hier, jetzt mache ich mir selber ein Bild vom deutschen Freibad.

Brennpunkt Prinzenbad. Das bedeutet offenbar: Sicherheitsbeamte, die am Eingang die Taschen der Gäste nach Messern durchsuchen, Schlägereien am Beckenrand, Frauen, die in Burkas gehüllt im Wasser stehen. Ich erwarte Chaos, Aggression, vielleicht sogar eine Messerstecherei wie im Kino. So weit die Dinge, die man mir über meinen Einsatzort Prinzenbad vorher erzählt hat, so weit das Klischee. Angeblich, das wird mir später ein Bademeister erzählen, wird das Bad jedes Jahr mindestens einmal wegen der vielen Reibereien geschlossen. Das Prinzenbad, so hieß es in einer seriösen Tageszeitung, gleicht einem Bürgerkriegsschauplatz. Nun ja, ich bin in meinem Leben durch ein paar unheimliche Ecken spaziert, ich war in Nairobi und bin durch finstere Gassen in Neapel gestreift, mein Portemonnaie im Stiefel versteckt. Kann es in einem Berliner Schwimmbad tatsächlich gefährlicher zugehen als in der großen, weiten Welt? Ein bisschen mulmig zumute ist mir, als ich das Freibad betrete. Aber: Es ist durchaus auch ein guter Schauer. Spannung!

Als wir Kinder waren, schleppten meine Eltern uns Geschwister an Seen oder ans Meer, aber so gut wie nie ging es in öffentliche Bäder. Wenn ich dann doch mal im Freibad sein durfte, war das für mich ein besonderes Highlight. Ich erinnere mich noch sehr gut an den 13. Geburtstag einer Freundin aus dem Regensburger Tennisklub, den sie im Freibad feierte. Für mich, Freibadfrischling, war dieser Nachmittag sehr eindrucksvoll. Ich habe die Bilder noch deutlich vor Augen.

Die große Schwester des Geburtstagskindes stand am Beckenrand: weißer Bikini, durchtrainierter Körper. Inmitten von uns verklemmten Teenies wirkte sie wie eine Göttin. Außerdem war sie offensichtlich routinierte Freibadbesucherin. Das erkannte sogar mein ungeschultes Auge. Das zum Bikini passende Handtuch, die grelle Plastikhaarspange, die das blonde Haar zusammenhielt, um es vorm Chlorwasser zu schützen, Bräunungsöl, Zeitschriften – sie wusste eben, was man braucht, wenn man im Freibad richtig ausgerüstet sein möchte. Jetzt erinnere ich mich wieder, wie es damals war, wie ich es empfand: das Freibad als Piazza einer italienischen Kleinstadt, als Umschlagplatz. Sonnen, spielen, abhängen, aufreißen, angeben, essen, randalieren.

In jeder Welt gibt es eigene, ungeschriebene Regeln und Gesetze – wie lauten sie im Prinzenbad? Wie kleidet man sich? Was genau brauche ich hier, um nicht aufzufallen? H&M wäre vielleicht gut. Ich denke kurz zurück an die große Schwester meiner Freundin. Nächster Gedanke: »Kann man sich hier bitte Handtücher ausleihen?«, frage ich die Frau an der Kasse. »Nee«, sagt sie, »Handtücher kriegste hier keene. Aber du kannst doch an der Luft trocknen.« Warum nicht!

Im Bad selbst sehe ich zunächst viel Beton, kastenartige Umkleidekabinen: das Deutschland der siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Keine Sicherheitsbeamten, die einen nach Messern durchsuchen, kein Lärm, kein Gepöbel. Stattdessen zwei ulkige Schilder, »Shisha rauchen und Fußball spielen ist auf dem Gelände verboten« und »Vorsicht, freilaufende Idioten«. Vor mir stakst ein Vater in Radlerhose, das kleine Kind im Arm, in die Umkleide. Erster Eindruck? Ein ganz normales Familienbad. Kurze Irritation: »Entschuldigung«, frage ich den Vater, »bin ich hier richtig im Prinzenbad?« – »Da sind Sie goldrichtig«, antwortet er freundlich.

27 Grad, die Sonne knallt. Vor mir erstreckt sich eine große Spielwiese, Paare mit Kindern, viele Jugendliche, Frauen mit durchtrainierten Körpern, dicke Muttis und Männer mit Bauchansatz, drahtige Sportlehrertypen – das ist Deutschland in Schwimmkleidung, alle sind sie da. Blond, hellhäutig, dunkelhaarig, dunkelhäutig, Europäer, Deutsche, Türken, Araber. Eine extrem dicke Frau, beladen mit Plastiktüten, torkelt an mir vorbei. Es gefällt mir sofort.

Ich setze mich unter einen der Bäume auf der Liegewiese, die sich um die Becken erstreckt. Von dort beobachte ich das Treiben. Ich verhalte mich genau wie die anderen Badegäste – vielleicht mit etwas mehr Vorsatz, schließlich soll mich niemand als Freibadfrischling erkennen, und natürlich spüre ich bald die Blicke der Jungs, die vorbeischlendern. Es sind aber keine unangenehmen Blicke – jedenfalls nicht unangenehmer als die Blicke, die man als Frau einfängt, wenn man sich fürs Ausgehen zurechtgemacht hat. Man rechnet damit. Und man wäre enttäuscht, wenn sie ausblieben.