ReiseratgeberIn der Fremde

Drei neue Ratgeber warnen vor bösen Überraschungen auf Reisen

Es gab Zeiten, da zogen Reisende einfach los, wenn sie Aufbruchstimmung verspürten. Heute dauert schon die Planung oft länger als die Reise, weil man scheinbar auch in der Ferne unendlich viel falsch machen kann. Einige neue Ratgeber bündeln nicht nur Tipps und Benimmregeln für Reisende, sondern versuchen dabei auch zu unterhalten.

Leichter Reisen hat der Journalist Philipp Tingler sein Buch genannt. Darin handelt er in lockerem Plauderton und sehr subjektiv die Belange des Reisens vom Packen bis zur Ankunft ab. Ein großer Teil seiner Beobachtungen handelt dabei von den schlechten Manieren seiner Mitmenschen: »Bisweilen hat man als moderner Mensch auf Reisen das Gefühl, man sei gefangen in einem schrecklichen Sketch.« Hier liegt für den erklärten Snob die größte Herausforderung einer Fahrt in die Ferne. Tingler geht deutlich auf Distanz zum Pauschalreisenden und pflegt den Hang zum Elitären. In seinen Ratschlägen erklärt er dennoch sehr konkret, wie man auch als normaler Tourist seine Interessen erfolgreich durchsetzen kann. Etwa, wenn man an den kafkaesken Zuständen im Callcenter einer Fluggesellschaft zu scheitern droht: »Verlangen Sie einen Supervisor. Es gibt immer einen Supervisor«, rät Tingler. Er weiß auch, was bei der Wahl des richtigen Mietwagens zählt: immer die größtmögliche Klasse und der höchstmögliche Versicherungsschutz. Der Autor inszeniert sich als letzten Dandy über den Wolken, leicht divenhaft im Erzählton, aber auch selbstironisch. Manchmal allerdings übertreibt Tingler mit seiner Überspanntheit. Dann erinnert er weniger an einen Oscar Wilde des 21. Jahrhunderts als an eine geschwätzige Tante Trude, die von einer Fernreise überfordert ist und in ein nicht zu bremsendes Lamento verfällt. Alles in allem jedoch eine muntere Lektüre, mit der man ein paar eintönige Flugstunden amüsiert übersteht.

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Weniger weltläufig nimmt sich dagegen der Ratgeber Mit 80 Ängsten um die Welt aus. Der Hamburger Autor Yannik Mahr hat selbst lange Zeit davor zurückgeschreckt, das Risiko einer Fernreise auf sich zu nehmen. Anstatt ein Flugzeug zu besteigen, machte er lieber auf der Insel Föhr Urlaub. Von unternehmungslustigen Lebensgefährtinnen ließ er sich überreden, bis nach Asien und Australien zu fliegen. Dort erlitt er zwar von Brechdurchfall bis Kakerlakenplage all die Unannehmlichkeiten, vor denen er sich gefürchtet hatte. Doch er hat überlebt und leitet daraus Tipps für seine Leser ab. Bei akutem Heimweh etwa solle man sich klarmachen, dass man von nahezu jedem Aufenthaltsort innerhalb eines Tages wieder zurück in die Heimat fliegen kann.

Yannik Mahr schreibt flott und anekdotenreich, was aber nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass der Autor ausgiebig und ohne tragfähige Ironie vor allem seine Ressentiments pflegt. Diese verdanken sich Spießerängsten der Sorte, dass einen Souvenirhändler im Ausland immer betrügen wollen oder dass zentralamerikanische Putzfrauen nicht richtig sauber machen. Entsprechend kommen die eingeflochtene Verhaltenstipps auch nicht über das Niveau von »In Ägypten den Taxipreis immer vor der Fahrt festlegen« oder »In Asien Getränke immer ohne Eiswürfel bestellen« hinaus. Das soll witzig sein, doch der Leser ärgert sich.

Weit mehr Erkenntnisgewinn bietet da der Fettnäpfchenführer Spanien von Lisa Graf-Riemann. Dieser Ratgeber nimmt seinen Auftrag ernst, führt in die Mentalität des Gastlandes ein, ohne belehrend oder bemüht humorvoll zu sein. Man erfährt etwa, warum man sich in einem voll besetzten spanischen Lokal auf keinen Fall zu Einheimischen an den Tisch setzen sollte. Auch dann nicht, wenn die Spanier die Frage, ob hier noch Platz sei, bejahen. Sie sind einfach zu höflich, dem ungebetenen Gast zu erklären, dass er gerade in ihre Privatsphäre eindringt. Die Autorin analysiert zahlreiche Alltagssituationen und führt mit sorgfältig ausgewählten Fallbeispielen unterhaltsam in die Landeskunde ein. So gibt sie dem unerfahrenen Leser die Chance, zum souveränen Reisenden zu werden. Diese Methode, die nicht krampfhaft auf Amüsement setzt, erweist sich schließlich als besonders lohnend. Hier erfüllt der Ratgeber tatsächlich einen praktischen Nutzen. Er bringt uns das Fremde nahe, anstatt von oben herab eine bizarre Szenerie zu betrachten. Er macht sich nicht lustig und ist gerade deshalb amüsant.

Philipp Tingler: Leichter Reisen. Benimmhandbuch und Ratgeber für unterwegs. Kein & Aber Verlag, Zürich 2011; 240 S., 16,90 €

Yannik Mahr: Mit 80 Ängsten um die Welt. Wie Sie verreisen und trotzdem überleben. Egmont Verlagsgesellschaften, Köln 2011; 223 S., 9,99 €

Lisa Graf-Riemann: Fettnäpfchenführer Spanien. Wie man den Stier bei den Hörnern packt. Conbook Verlag, Meerbusch 2011; 273 S., 10,95 €

 
Leserkommentare
  1. Wirklich gut sind nur 2 Reisefuehrer:

    Robert Young Pelton's The World's Most Dangerous Places

    und

    Überleben ums Verrecken: Das Survival-Handbuch von Rüdiger Nehberg

    Alles andere ist ueberfluessig! :-)

  2. ... und zwar den von Kurt Tucholsky:
    "Als deutscher Tourist im Ausland steht man vor der Frage, ob man sich anständig benehmen muss, oder ob schon deutsche Touristen dagewesen sind."

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