ZEITmagazin: Herr Ostermaier, weshalb lieben Sie das Reisen so?

Albert Ostermaier: Reisen ist für mich fast eine Existenzform, ein Sinnsuchen: Sich von neuen Dingen überraschen zu lassen bietet immer die Chance, sich selbst neu zu erfinden. Ich bin stark geprägt von einer Sehnsucht nach der Ferne. Und das Reisen war eine legitimierte Flucht: Als junger Mensch bin ich vor der Erwartung weggelaufen, das Bauunternehmen meiner Eltern zu übernehmen.

ZEITmagazin: Was schreckte Sie so an dieser Perspektive?

Ostermaier: Es hätte mich gebunden, und Enge kann ich nicht aushalten. Ich hatte immer schon Angst davor, gehalten, umklammert zu sein. Jede Form von Fremdbestimmung, Eingesperrtsein, auch geistige Enge, macht mich fast klaustrophobisch, macht mir Angst, mich zu verlieren.

ZEITmagazin: Woher rührt diese Angst?


Ostermaier: Das sitzt ganz tief. Ich war eine Frühgeburt, es war wirklich dramatisch für meine Mutter. Daher spürte ich als Kind stets diese Sorge um mich, weil ich oft krank war. Wegen meiner Bronchitis musste ich immer Strumpfhosen tragen. Dieses Einschnürende – ich bin mit wahnsinnig viel Liebe aufgewachsen, war aber oft so von Liebe umringt, dass es mich einschnürte. Ein ständiges Mutmaßen, was von mir gewünscht werde, ein vorauseilendes schlechtes Gewissen fesselten mich.

ZEITmagazin: Welche Ihrer Reisen hat Sie besonders verändert?

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Ostermaier: Nach dem Abitur brach ich in den Jemen auf, mit meinem jemenitischen Freund Ahmed, der deutsch sprach. Es war überwältigend. Ich trug Landestracht, bekam Turban und Krummschwert. Ein alter Mann führte mich an der Hand durch die Stadt, brachte mich zurück, umarmte mich und verabschiedete sich. Obwohl ich kein Wort verstand, war ich verzaubert. Nachdem wir auf einer Hochzeitsfeier waren, erzählte Ahmed von seinen Schwestern: Er fände es unglaublich schön, wenn ich, sein Freund, eine der beiden heiraten würde. Für Sekundenbruchteile konnte ich mir dieses neue Leben vorstellen – und ich sagte Ja. Sein Gesicht versteinerte. Er sprach eine halbe Stunde mit anderen, sie gestikulierten wild. Ich wisse hoffentlich, was ich getan hätte, meinte er: Nach islamischem Recht sei ich nun mit seiner Schwester vermählt. Mir müsse klar sein, dass ich jetzt aus dem Jemen nicht mehr rauskomme, ich würde beschnitten, und wenn es Ärger gäbe, kämen seine Freunde mit Kalaschnikows. Ahmeds Augen sagten mir, dass das jetzt kein Spiel ist, sondern existenziell bedrohlich. Ich war gefangen.

ZEITmagazin: Was hat Sie gerettet?

Ostermaier: Nach fünf Stunden, als die Sonne aufging, brachen sie auf einmal in schallendes Gelächter aus: Das sei alles nur Spaß gewesen. Es war das befreiendste Lachen, das ich je gehört habe. Es gab mir mein Leben, meine Selbstbestimmung zurück. Das alles hat mich noch so nachhaltig beschäftigt, dass ich nach meiner Rückkehr drei Monate lang krank war. Dieses Land und meine Erlebnisse hatten mich noch im Griff.