ZEITmagazin: Liebe Charlotte, hast du das Gefühl, dass Sexualität ein großes Thema ist?

Charlotte Roche: Ich würde mir das wünschen, aber ich sehe es nicht. In Partnerschaften ist das so ein wichtiges Thema, und dennoch wird es nur heimlich besprochen. Schon unter Freunden wird das Reden über Sex schnell zu einem Tabu.

ZEITmagazin: Sollten wir wieder mehr über Sex reden?

Roche: Ja, jeder Tabubruch, zum Beispiel ein offenes Gespräch über Sex, ist gut, hebt die Isolation auf, die wir alle empfinden. Wenn ich mit anderen nicht über Sex reden kann, denke ich, ich bin mit meinen Problemen ganz alleine auf der Welt. Während einer Beziehung spricht doch kaum einer über sexuelle Probleme. Die erzählt man sich erst, wenn alles kaputt ist. Dann sind die Leute wieder ehrlich.

ZEITmagazin: Was bedeutet Sex für dich?

Roche: Sex ist etwas Magisches, beinahe Tierisches. Man kann nicht kontrollieren, ob man gut ineinanderpasst. Entweder es knallt zwischen zwei Menschen oder nicht. Guter Sex ist Neandertaler-Sex: sieht scheiße aus, hört sich ekelhaft an. Und wenn man die Droge gefunden hat und andere sieht, die noch danach suchen, dann macht das sehr stolz. Michel Houellebecq hat einmal gesagt, es gibt eine klare Trennung zwischen Menschen, die Sex haben, und Menschen, die keinen haben. Er hat recht damit.

ZEITmagazin: Siehst du Menschen an, wenn sie keinen Sex haben?

Roche: Ich glaube schon. Flirten, Frauen ansprechen und Sex haben, das sind Dinge, die man verlernen kann. Ich sehe Menschen an, wenn sie schon längere Zeit nicht mehr mit jemandem geschlafen haben. Ich glaube auch, dass viele Frauen flüchten, wenn sie bemerken, dass ein Typ keinen Sex mehr hat. Ich rate jedem Single: »Bums jeden, den du finden kannst, dann bleibst du in der Übung!«

ZEITmagazin: Ich kenne sehr wenige Menschen, die über Sex sprechen...

Roche: ...ich rede mit ein paar Leuten darüber. Beim Joggen zum Beispiel. Aber ich glaube auch, dass sie mit mir sprechen, weil sie wissen, dass ich mich für dieses Thema interessiere. Sie erzählen mir von ihrer Einsamkeit. Einsamkeit, denke ich dann, das ist doch etwas für alte Leute, die zur Massage gehen, damit sie mal von jemandem berührt werden, oder sich freuen, wenn der Friseur ihnen durchs Haar fährt. Wenn man jünger ist und öfter in Clubs geht, dann sind Berührungen etwas viel Normaleres. Beim Tanzen rücken die Körper eng aneinander. Aber mit 35 oder 40 ist die Gefahr, körperlich zu vereinsamen und sich nicht mehr zu spüren, sehr groß.

ZEITmagazin: Man verliert sein Körpergefühl?

Roche: Nein, das Selbstbewusstsein.

ZEITmagazin: In den Affären der letzten Monate ging es allerdings sehr viel um Sex: Kachelmann, Berlusconi, Strauss-Kahn...

Roche: Ging es da nicht um Gewalt?

ZEITmagazin: Ist Gewalt denn nicht die am stärksten entäußerte Form von Sexualität?

Roche: Mich interessiert dieser pathologische Sex nicht. Da sollen sich die Polizei und die Justiz drum kümmern. All diese Fragen um Macht, Geld, Körper, unterdrückte Frauen. Ich interessiere mich mehr für den freiwilligen Sex.

ZEITmagazin: Aber man kann doch sagen, dass durch die Skandale die Begierden des Körpers wieder in den Mittelpunkt getreten sind. Im täglichen Leben dagegen kann man seinen eigenen Körper ja durchaus vergessen, man braucht ihn eigentlich nicht mehr.

Roche: Für mich ist das anders: Wenn ich Körper bin, bin ich glücklich. Joggen, Schwimmen, Schwitzen, körperliche Arbeit, Sex, Yoga. Das ist schön. Meinen Körper nicht mehr zu benutzen, sondern nur noch zu denken, das wäre ein Albtraum für mich.

ZEITmagazin: Je weniger wir unseren Körper brauchen, desto stärker wird er Ziel von Projektionen. Du projizierst ja auch etwas in deinen Körper hinein, wenn du sagst, dass er dich glücklich macht, indem er dich zwingt, deinen Gedankenfluss zu unterbrechen.

Roche: Ich habe aufgehört, Sport zu machen, um meinen Körper zu maximieren. Ich verachte Frauen, die Yoga machen, um keine schlaffen Oberarme zu bekommen. Sport ist für mich fast ein geistiger Zustand geworden.

ZEITmagazin: Ist es nicht ein schönes Gefühl, in einem schönen Körper zu leben?

Roche: Ja, aber ich will Yoga nicht länger als diese Beauty-Kacke missbrauchen. Ich gehe nicht mehr joggen, um meinen Körper zu tunen, sondern ich stelle mir vor, dass ich ein Afrikaner im Busch bin und meine Beine zum Laufen da sind.