Charlotte Roche und Jana Hensel Lass uns über Sex reden

Charlotte Roche hat ein neues Buch geschrieben. Nicht nur darüber wollte unsere Autorin Jana Hensel mit ihr sprechen.

ZEITmagazin: Liebe Charlotte, hast du das Gefühl, dass Sexualität ein großes Thema ist?

Charlotte Roche: Ich würde mir das wünschen, aber ich sehe es nicht. In Partnerschaften ist das so ein wichtiges Thema, und dennoch wird es nur heimlich besprochen. Schon unter Freunden wird das Reden über Sex schnell zu einem Tabu.

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ZEITmagazin: Sollten wir wieder mehr über Sex reden?

Roche: Ja, jeder Tabubruch, zum Beispiel ein offenes Gespräch über Sex, ist gut, hebt die Isolation auf, die wir alle empfinden. Wenn ich mit anderen nicht über Sex reden kann, denke ich, ich bin mit meinen Problemen ganz alleine auf der Welt. Während einer Beziehung spricht doch kaum einer über sexuelle Probleme. Die erzählt man sich erst, wenn alles kaputt ist. Dann sind die Leute wieder ehrlich.

ZEITmagazin: Was bedeutet Sex für dich?

Roche: Sex ist etwas Magisches, beinahe Tierisches. Man kann nicht kontrollieren, ob man gut ineinanderpasst. Entweder es knallt zwischen zwei Menschen oder nicht. Guter Sex ist Neandertaler-Sex: sieht scheiße aus, hört sich ekelhaft an. Und wenn man die Droge gefunden hat und andere sieht, die noch danach suchen, dann macht das sehr stolz. Michel Houellebecq hat einmal gesagt, es gibt eine klare Trennung zwischen Menschen, die Sex haben, und Menschen, die keinen haben. Er hat recht damit.

ZEITmagazin: Siehst du Menschen an, wenn sie keinen Sex haben?

Roche: Ich glaube schon. Flirten, Frauen ansprechen und Sex haben, das sind Dinge, die man verlernen kann. Ich sehe Menschen an, wenn sie schon längere Zeit nicht mehr mit jemandem geschlafen haben. Ich glaube auch, dass viele Frauen flüchten, wenn sie bemerken, dass ein Typ keinen Sex mehr hat. Ich rate jedem Single: »Bums jeden, den du finden kannst, dann bleibst du in der Übung!«

ZEITmagazin: Ich kenne sehr wenige Menschen, die über Sex sprechen...

Charlotte Roche

33, feierte 2008 mit ihrem Debütroman Feuchtgebiete einen großen Erfolg – zwei Millionen Exemplare wurden verkauft. Roche begann ihre Karriere 1998 als Moderatorin beim Musiksender Viva Zwei. Zuletzt war sie neben Giovanni di Lorenzo Gastgeberin der Talkshow 3nach9. Sie gewann den Grimme-Preis und den Bayerischen Fernsehpreis. Gerade erschien ihr zweiter Roman Schoßgebete. Roche ist verheiratet und hat eine Tochter.

Roche: ...ich rede mit ein paar Leuten darüber. Beim Joggen zum Beispiel. Aber ich glaube auch, dass sie mit mir sprechen, weil sie wissen, dass ich mich für dieses Thema interessiere. Sie erzählen mir von ihrer Einsamkeit. Einsamkeit, denke ich dann, das ist doch etwas für alte Leute, die zur Massage gehen, damit sie mal von jemandem berührt werden, oder sich freuen, wenn der Friseur ihnen durchs Haar fährt. Wenn man jünger ist und öfter in Clubs geht, dann sind Berührungen etwas viel Normaleres. Beim Tanzen rücken die Körper eng aneinander. Aber mit 35 oder 40 ist die Gefahr, körperlich zu vereinsamen und sich nicht mehr zu spüren, sehr groß.

ZEITmagazin: Man verliert sein Körpergefühl?

Roche: Nein, das Selbstbewusstsein.

ZEITmagazin: In den Affären der letzten Monate ging es allerdings sehr viel um Sex: Kachelmann, Berlusconi, Strauss-Kahn...

Roche: Ging es da nicht um Gewalt?

ZEITmagazin: Ist Gewalt denn nicht die am stärksten entäußerte Form von Sexualität?

Roche: Mich interessiert dieser pathologische Sex nicht. Da sollen sich die Polizei und die Justiz drum kümmern. All diese Fragen um Macht, Geld, Körper, unterdrückte Frauen. Ich interessiere mich mehr für den freiwilligen Sex.

ZEITmagazin: Aber man kann doch sagen, dass durch die Skandale die Begierden des Körpers wieder in den Mittelpunkt getreten sind. Im täglichen Leben dagegen kann man seinen eigenen Körper ja durchaus vergessen, man braucht ihn eigentlich nicht mehr.

Roche: Für mich ist das anders: Wenn ich Körper bin, bin ich glücklich. Joggen, Schwimmen, Schwitzen, körperliche Arbeit, Sex, Yoga. Das ist schön. Meinen Körper nicht mehr zu benutzen, sondern nur noch zu denken, das wäre ein Albtraum für mich.

ZEITmagazin: Je weniger wir unseren Körper brauchen, desto stärker wird er Ziel von Projektionen. Du projizierst ja auch etwas in deinen Körper hinein, wenn du sagst, dass er dich glücklich macht, indem er dich zwingt, deinen Gedankenfluss zu unterbrechen.

Roche: Ich habe aufgehört, Sport zu machen, um meinen Körper zu maximieren. Ich verachte Frauen, die Yoga machen, um keine schlaffen Oberarme zu bekommen. Sport ist für mich fast ein geistiger Zustand geworden.

ZEITmagazin: Ist es nicht ein schönes Gefühl, in einem schönen Körper zu leben?

Roche: Ja, aber ich will Yoga nicht länger als diese Beauty-Kacke missbrauchen. Ich gehe nicht mehr joggen, um meinen Körper zu tunen, sondern ich stelle mir vor, dass ich ein Afrikaner im Busch bin und meine Beine zum Laufen da sind.

ZEITmagazin: Schönheit bedeutet doch auch Freiheit.

Roche: Nach Schönheit zu hecheln heißt, sich selbst ein Gefängnis zu bauen. Ich sehe viele Frauen, die stundenlang ins Fitnessstudio gehen, um minimale Veränderungen an ihrem Körper zu erreichen. Männer nehmen das oft gar nicht wahr. Ich will so sein, wie ich bin: Ich bin klein, meine Beine sind kurz, mein Arsch ist, wie so ein Arsch eben ist. Ich mache keine Übungen mehr für meinen Hintern. Ich habe keine Lust mehr darauf.

ZEITmagazin: Du hast einen ziemlich geilen Arsch, und das weißt du auch. Kannst du nicht gerade deshalb die Freiheit des Körpers fordern, weil du alle Schönheitskriterien erfüllst? Wir können erst von den Zwängen reden, wenn wir die Normen erfüllen. Wir können über Sex reden, weil wir nicht so aussehen, als hätten wir keinen.

Roche: Ich ertrage diese Frauen nicht mehr, die nie essen, worauf sie Lust haben. Bis vor Kurzem war ich selbst magersüchtig. Ich merke den Frauen ihr Leiden sofort an, ich sehe, wenn ein Körper nicht das bekommt, was er fordert. Ich finde Frauen, die langsam verfallen, viel schöner. Das ist eine Gelassenheit, von der ich glaube, dass sie auch Männer anzieht. Ein Frauenbauch, Stillbrüste, Hängebrüste – Frauen sollten das an sich akzeptieren, dann können sie sich auch im Bett gehen lassen.

ZEITmagazin: Du warst magersüchtig?

Roche: Ja. Aber wie so viele Süchte, die ich hatte, ging auch die dank der Therapie vorbei und wurde durch andere Süchte abgelöst: Alkohol, Shopping – you name it, I had it! Ich glaube, dass Bilder uns Frauen krank machen. Wir sind ständig mit retuschierten Fotos von Frauenkörpern konfrontiert, irgendwann glauben wir, wir müssten so aussehen. Das hat mich krank gemacht. Aber wenn man sich von diesen Bildern fernhält, wird man wieder gesund! Jetzt esse ich, was ich will, wann ich will, und habe nicht mehr so eine magersüchtige angespannte Ausstrahlung.

ZEITmagazin: Du bist eine schöne Frau.

Roche: Ich finde mich nicht schön. Wenn es mir schlecht geht, finde ich meine Brüste zu klein, und auch alles andere gefällt mir nicht. Es mag sein, dass ich schlanker bin als andere und dicke Frauen denken: Charlotte, halt die Fresse! Aber ich möchte über meine Komplexe reden.

ZEITmagazin: Du hast von deinem ersten Roman »Feuchtgebiete«, in dem es um die 18-jährige Helen Memel geht und ihren Umgang mit der Sexualität, so irre viele Exemplare verkauft, mehr als zwei Millionen.

Roche: Ja, ich erinnere mich.

ZEITmagazin: Bedeutet so ein Erfolg auch Macht?

Roche: Wenn ich etwas schreibe, dann habe ich den Anspruch, dass es absolut neu ist. Ich will, dass es so etwas noch nicht gibt. Außerdem sollen meine Bücher mutig sein. Ich will darin fast bis zur Selbstaufgabe ehrlich bleiben. Bei Feuchtgebiete habe ich dann erlebt, dass sich ganz viele Leute dahinter versammelt haben. Eine tolle Erfahrung! All die pornografischen Sachen, also der Duschkopf in der Vagina und so, das waren ja lustige Übertreibungen. Aber die ernsten Dinge, die mir wichtig waren, fanden auch die Leser wichtig. Wenn ich dann vor jungen Frauen lese, die alle an den richtigen Stellen lachen, und merke, dass man für die sprechen kann, ist das eine große Aufgabe. In solchen Momenten sage ich mir: Ich darf die nicht verraten! Und wenn das die Macht ist, von der du sprichst, ja, dann habe ich welche. Macht im Sinne von Verantwortung.

ZEITmagazin: Du selbst hast dir nie einen Duschkopf zwischen die Beine geschoben?

Roche: Rein? Bist du bekloppt? Nein!

Jana Hensel

35, ist Autorin des ZEITmagazins. Im Jahr 2002 veröffentlichte sie ihr Buch Zonen- kinder, eine Erinnerung an die Nachwendezeit aus ostdeutscher Sicht. Hensel gewann im vergangenen Jahr den Theodor-Wolff- Preis für ihren Text Vater Morgana, der im ZEITmagazin erschien.

ZEITmagazin: Die Hauptfigur in deinem neuen Buch »Schoßgebete« heißt Elizabeth. Sie ist seit acht Jahren verheiratet und hat mit ihrem Mann klassischen Beziehungssex: gut und befriedigend, durchchoreografiert und vertraut. Einen Sex, der aber irgendwann an seine Grenzen stößt. Mit Helen Memel hat Elizabeth anscheinend nicht viel zu tun.

Roche: Gar nichts. Elizabeth ist älter, vernünftiger als Helen. Und sie ist viel tiefer beschädigt.

ZEITmagazin: Versteht man »Feuchtgebiete« erst, wenn man »Schoßgebete« gelesen hat?

Roche: Ja, das kann sein.

ZEITmagazin: Ich würde sogar sagen: Im Rückblick erscheint Helen Memel aus »Feuchtgebiete« als reine Kunstfigur.

Roche: Das war sie auch.

ZEITmagazin: Viele haben »Feuchtgebiete« für autobiografisch gehalten. Nun stellt sich das als eine sehr geschickt gelegte, aber falsche Fährte heraus. Du hast die Leser und die Kritiker also ziemlich an der Nase herumgeführt.

Roche: Total. Aber hey, komm, das muss man auch machen. Ja, das war sehr lustig.

ZEITmagazin: Ist es nicht schockierend, wie leicht sich die Öffentlichkeit aufs Glatteis führen lässt?

Roche: Ja, einerseits. Andererseits muss ich die Leute auch in Schutz nehmen. Ich bin beim Lesen ebenfalls besessen von der Vorstellung, dass alles in einem Buch autobiografisch sein muss.

ZEITmagazin: Was fasziniert dich an Elizabeth?

Roche: Für Elizabeth war es ein langer Weg, herauszubekommen, was die eigene Mutter ihr mitgegeben hat. Woher ihre Blockaden stammen. Warum sie so viel weniger cool im Bett ist als die Männer.

ZEITmagazin: Für viele meiner westdeutschen Freundinnen sind ihre Mütter unglaublich wichtig. Mir selbst ist das fremd, und ich staune darüber. Die sexuelle Befreiung war für eure 68er-Mütter ein wichtiger Teil des eigenen Lebensprojektes.

Roche: Das hat doch überhaupt nicht funktioniert! Ich bin ein 68er-Kind. Meine Mutter kommt aus einem Fünfziger-Jahre-Haushalt in London. Alle Frauen dort waren Hausfrauen, sie fühlten sich alleingelassen und hätten sich am liebsten umgebracht. Meine Mutter wollte alles anders machen, aber in ihr waren all diese Traumata. Sie strahlte all das, was sie sein wollte, überhaupt nicht aus. Ihre Freiheiten waren Kopfgeburten, wir, die Kinder, waren eine Art Experiment, sie erzog nach Belieben an uns herum. Zudem war sie unglaublich dominant, eine Übermutter. Sie wollte meine beste Freundin sein und hat Distanz zwischen uns nie ertragen. Noch heute versuche ich mich von ihr zu emanzipieren, auch von ihrem Feminismus, den ich ihr nie abgenommen habe.

ZEITmagazin: Sind den Kindern der 68er von den Freiheiten der Eltern nur die Ängste geblieben?

Roche: Ja, der Feminismus meiner Mutter war immer ganz nah am Katholizismus. Es gab nur Verbote, Strafen. Überall lauerte das Böse, vor allem in den Männern, in deren Sexualität. Der Mann ersetzte den Teufel. Und Elizabeth sucht nun die Liebe. Ihre Mutter hat wie ein Hippie immer nur nach der Libido gesucht. Tauchten Probleme auf, dann war sie weg und suchte sich einen neuen Liebhaber. Und dann passierte wieder genau derselbe Scheiß von vorn. Elizabeth will das alles mit einem Mann durchstehen.

ZEITmagazin: Sex kommt in »Schoßgebete« eigentlich nur am Rande vor.

Roche: Im neuen Buch geht es im Grunde genommen um viel wesentlichere Sachen als Sex. Die eingestreuten Beischlafszenen sollen aber gern auch geil machen.

ZEITmagazin: Immerhin beginnt das Buch mit einer Sexszene. Wolltest du die Leser da abholen, wo »Feuchtgebiete« aufgehört hat?

Roche: Aber dann schlage ich einen Haken, und wenn die Leute noch denken: »Puh, kann die denn nichts anderes?«, bin ich schon woanders und schlage mit der Bratpfanne Gottes zu.

ZEITmagazin: Du meinst damit den Unfall. Drei Brüder von Elizabeth kommen bei einem Autounfall auf der Fahrt zu deren Hochzeit ums Leben. Das ist in deinem Leben wirklich passiert. Im Buch geht es über sehr weite Strecken um den Unfall. Das liest sich wie ein Höllentrip, man schaut einer ziemlich kaputten Frau beim Leben zu. Oder besser: beim Überleben. Elizabeths einzige Antwort auf den Tod heißt Sex.

Roche: Das ist eine Erkenntnis aus der Therapie: Nach so einem Unfall ist man vollkommen traumatisiert. Man hat unfassbar viele Ängste, die auch nicht mehr verschwinden. Angstzustände kommen und Panikattacken, gegen die man dann die ganze Zeit zu kämpfen versucht, um sie zu kontrollieren. Aber das funktioniert nicht, man rennt gegen Windmühlen an und bleibt diesen Ängsten ausgeliefert. Man kämpft dauernd gegen den Tod, obwohl der gar nicht da ist. Es passiert mir immer wieder, ich sitze scheinbar gelassen irgendwo, trinke einen Kaffee und habe innerlich Todesängste und versuche zu verhindern, dass diejenigen, die ich liebe, sterben. Dauernd erlebe ich Stromschläge, Überschwemmungen, ich stelle mir vor, wie das Haus über uns einstürzt. Ich bin in Dauererregung, in ständiger und totaler Anspannung. Irgendwann hat meine Therapeutin gesagt, dass ich meine Ängste mit Sexualität überlagere. So kann man Feuchtgebiete erklären. Die anderen denken, wenn sie die Sexszenen lesen: Wie krass! Aber für mich ist das gar nicht so, denn das, was in meinem Inneren passiert, ist viel, viel krasser.

ZEITmagazin: Also versteht man dich gar nicht, wenn man dich ohne den Unfall denkt?

Roche: Genau. In Schoßgebete gibt es viele Stellen, bei denen man über Feuchtgebiete lachen kann. Man versteht dann, warum ich so viel über Sex reden musste.

ZEITmagazin: Aber wie war es denn dann für dich, mit »Feuchtgebiete« so stark identifiziert zu werden?

Roche: Ich hasse Schriftsteller, die ernst genommen werden wollen. Wenn jemand mein Buch falsch versteht, dann mache ich doppelt und dreifach mit. Wenn mich jemand auf Pornografie reduzieren will, dann sage ich: Gern, und steige voll drauf ein. Alles andere finde ich total peinlich.

ZEITmagazin: Aber da sich das neue Buch doch wie ein Kommentar auf das alte liest, gab es ja offensichtlich das Bedürfnis, die Dinge richtigzustellen.

Roche: Natürlich wollte ich klarstellen, dass Feuchtgebiete doch einen tieferen Sinn hatte! Gerade junge Autorinnen werden ja oft dem Verdacht ausgesetzt, sie wüssten nicht, was sie tun. Als sei der Erfolg, den sie haben, nur Zufall. Bei mir ist alles, was ich tue, massiv geplant. Ich mache mir sehr viele Gedanken über alles, was ich tue. Das war schon damals so, als ich noch moderiert habe. Ich hatte jede Moderation vorher im Kopf und habe dann so getan, als sei es spontan. Meine Lesungen sind der reinste Fake, ich spiele, dass ich authentisch bin. Denn ungebrochene Authentizität ist das Langweiligste, was es gibt. Das ist peinlich und oft nur platt. Der Zuschauer will die perfekte Simulation des Authentischen, nur beim Sex soll alles wirklich sein.

ZEITmagazin: Warum ist Sex die Antwort auf den Tod?

Roche: Ich bin schon immer sehr von Sex angezogen worden, vor allem von verbal sexuellen Leuten. Das war schon vor dem Unfall so. Sex ist so lebensbejahend, weil er ohne den Kopf auskommt, nur der Körper agiert. Wenn ich mit einem Mann schlafe, muss ich an nichts mehr denken, vergesse alle meine Ängste. Wenn ich keinen Sex habe, habe ich Angst.

ZEITmagazin: Elizabeth lebt in einer sehr symbiotischen Beziehung mit ihrem Mann. Dieses Szenario erinnert mich an viele Paare, die ich kenne. Ist dies das heimliche Projekt unserer Generation: lebenslanger Sex mit ein und derselben Person? Auch als eine Antwort auf das Liebeschaos der 68er?

Roche: Ich glaube, dass es keine Generation vor uns gab, die so an ihren Beziehungen und ihrer Sexualität gearbeitet hat wie wir. Die Leute gehen massenhaft zum Paartherapeuten, und viele sind hinterher glücklicher. Auch der Sex wird oft wieder besser, denn dafür müssen Blockaden gelöst werden. Man muss reden, reden, reden. Dann kommt auch der Flow wieder.

ZEITmagazin: Woher aber stammt unser Bedürfnis nach lebenslangen Beziehungen?

Roche: Aus der Angst vor Einsamkeit und auch davor, mit immer wieder neuen Partnern dieselben Fehler zu machen. Ich finde es viel klüger, bei einem zu bleiben, mit dem man alt werden kann.

ZEITmagazin: Das klingt einerseits sehr spießig und trägt andererseits die Illusion in sich, dass man sein Leben lang derselbe bleiben kann. Ändern wir uns nicht, sagen wir, alle zehn Jahre und werden zu einem anderen?

Roche: Das ist total spießig. Ultraspießig. Klar. Aber vielleicht und hoffentlich darf man sich in einer langen Beziehung auch die ganze Zeit verändern. Dann kann man zusammenbleiben, obwohl man sich alle zehn Jahre verändert. Bei mir passiert das übrigens eher jedes Jahr! Mein armer Mann!

ZEITmagazin: Ich habe aber auch das Gefühl, dass viele Leute in unserem Alter kleinkarierte und überschaubare Beziehungen führen. Luftdicht und vakuumverpackt.

Roche: Wir leben unfassbar domestiziert. Und sosehr ich es mir wünsche, dass unsere Beziehungen halten, so groß ist meine Angst, dass uns alles um die Ohren fliegt. Elizabeth sehnt sich sehr nach Affären, sie hat das große Bedürfnis nach einem anderen Körper. Sie möchte, dass ein anderer Mann ihr sagt, wie geil sie aussieht. Aber sie hat Angst, dass sich diese Sehnsucht nicht mit einer stabilen Beziehung vereinbaren lässt. Und in den bürgerlichen Formen, in denen die meisten von uns leben, tut man so, als gäbe es diese Sehnsucht nicht. Dann trifft man jemanden, hat plötzlich wieder Sex, und alles explodiert. Der Mann verlässt Frau und Kinder und fängt von vorn an. Ich selbst habe frühere Beziehungen immer beendet, wenn der Sex schal wurde und wenn ich dann einem anderen begegnet bin und gedacht habe, ich sei neu verliebt.

ZEITmagazin: Ich glaube auch, dass es wenige Menschen gibt, die wissen, dass Sex und Liebe nicht dasselbe sind. Sie glauben, dass sie mit dem Menschen, mit dem sie Sex hatten, auch zusammen sein müssten. Deshalb machen sich viele etwas vor, wenn sie eine Affäre beginnen – in Wahrheit suchen sie nach einem Ausstieg aus ihrer Beziehung. Ich habe noch nie einen Mann getroffen, der nur Sex wollte.

Roche: Dabei glaube ich, dass es hilft, fremdzugehen, um bei der großen Liebe bleiben zu können. Dieser domestizierte Mann, der von sich behauptet, nur auf seine eigene Frau zu stehen, nie fremd- oder in den Puff zu gehen, ist auch ein Ergebnis eines falsch verstandenen Feminismus. Wir verachten den sexuell aktiven Mann so wie die sexuell aktive Frau.

ZEITmagazin: Was bleibt am Ende? Sex als Rettung?

Roche: Absolut. Zuerst verschwindet in den Beziehungen der Sex, und dann geht auch alles andere den Bach runter. Sex ist ein unglaublich fragiles Gebilde. Eines Tages schaut man den Partner an und merkt, wie man langsam begonnen hat, ihn zu verachten. Dann will man sich auch nicht mehr öffnen. Die Körper begegnen sich nicht mehr, und plötzlich denken die beiden darüber nach, ob es nicht auch möglich ist, ohne Sex zusammenzubleiben. In solchen Stadien wird die Verachtung für den Partner offen zur Schau getragen, der andere vor Freunden gedemütigt. Wenn ich so Paare sehe, rufe ich innerlich wie beim Boxkampf: Sieben, acht, neun – K.o.!

 
Leser-Kommentare
  1. ZEITmagazin: Du hast einen ziemlich geilen Arsch, und das weißt du auch. Kannst du nicht gerade deshalb die Freiheit des Körpers fordern, weil du alle Schönheitskriterien erfüllst?

    Man hat Jahrzehnten allen Blondinen furchtbares Unrecht angetan! Mich graust - eine Brille und ein Lektorat für Frau Hensel!

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    Also dazu muss ich anmerken, dass es Aufgabe eines guten Interviewers ist, zum Interviewtem eine gewisse Nähe aufzubauen, damit dieser sich wohlfühlt und öffnet.
    Dazu gehört auch, sich auf ein gemeinsames Sprachniveau zu begeben (ich sage bewusst nicht "hinabbegeben", da es sich um ein heutzutage völlig normales Sprachlevel bei jüngeren Menschen handelt - und das nicht automatisch auf Intelligenz oder Bildungsstand schließen lässt), zumal Begrifflichkeiten wie "geiler Arsch" etc. längst im Sprachgebrauch der jüngeren (U40) gesellschaftlichen Mitte angekommen ist.
    Und zu ihrer m.M.n. etwas vermessenen Ansicht über Frau Roches Attraktivität: Geschmäcker sind verschieden. Sie zählt auch nicht unbedingt zu meinem persönlich präferierten Frauengeschmack, dennoch behaupte ich, dass sie durchaus als Attraktiv gelten kann.
    Doch selbst, wenn man das anders sieht, war ihr Kommentar dazu unnötig und überflüssig, um nicht zu sagen beleidigend.

    wow die Frau ist soo krass....

    Also dazu muss ich anmerken, dass es Aufgabe eines guten Interviewers ist, zum Interviewtem eine gewisse Nähe aufzubauen, damit dieser sich wohlfühlt und öffnet.
    Dazu gehört auch, sich auf ein gemeinsames Sprachniveau zu begeben (ich sage bewusst nicht "hinabbegeben", da es sich um ein heutzutage völlig normales Sprachlevel bei jüngeren Menschen handelt - und das nicht automatisch auf Intelligenz oder Bildungsstand schließen lässt), zumal Begrifflichkeiten wie "geiler Arsch" etc. längst im Sprachgebrauch der jüngeren (U40) gesellschaftlichen Mitte angekommen ist.
    Und zu ihrer m.M.n. etwas vermessenen Ansicht über Frau Roches Attraktivität: Geschmäcker sind verschieden. Sie zählt auch nicht unbedingt zu meinem persönlich präferierten Frauengeschmack, dennoch behaupte ich, dass sie durchaus als Attraktiv gelten kann.
    Doch selbst, wenn man das anders sieht, war ihr Kommentar dazu unnötig und überflüssig, um nicht zu sagen beleidigend.

    wow die Frau ist soo krass....

  2. Entfernt. Bitte diskutieren Sie in angemessenem Tonfall. Danke. Die Redaktion/kh

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    • K.Muck
    • 11.08.2011 um 14:18 Uhr

    2. "Ja, lass uns über Sex reden....
    Entfernt. Bitte diskutieren Sie in angemessenem Tonfall." Danke. Die Redaktion/kh

    Da geht es um sexuelle Tabus im Artikel und Sie machen einen kleinen sex. Witz und werden moderiert;-)
    Aber im Ernst,mehr unsexy wie die Roche geht nicht,ich denke darin besteht allgemeine Einigkeit.

    • K.Muck
    • 11.08.2011 um 14:18 Uhr

    2. "Ja, lass uns über Sex reden....
    Entfernt. Bitte diskutieren Sie in angemessenem Tonfall." Danke. Die Redaktion/kh

    Da geht es um sexuelle Tabus im Artikel und Sie machen einen kleinen sex. Witz und werden moderiert;-)
    Aber im Ernst,mehr unsexy wie die Roche geht nicht,ich denke darin besteht allgemeine Einigkeit.

  3. Aus dem Interview: "nur noch zu denken, das wäre ein Albtraum für mich..."
    Das kann man bei Frau Roche in der Tat nachvollziehen.
    Und so plaudert sie und plaudert und plaudert, um ihr neues Buch zu vermarkten. Beim Spiegel hatte sie bereits alle Segel gesetzt, einschließlich angeblicher Selbstmordgedanken. Ich freute mich, dass Die Zeit auf diese schamlose PR-Kampagne nicht aufspringt. Aber nun...
    Auf jeden Fall ist Paris Hilton ulkiger

    16 Leser-Empfehlungen
  4. Also dazu muss ich anmerken, dass es Aufgabe eines guten Interviewers ist, zum Interviewtem eine gewisse Nähe aufzubauen, damit dieser sich wohlfühlt und öffnet.
    Dazu gehört auch, sich auf ein gemeinsames Sprachniveau zu begeben (ich sage bewusst nicht "hinabbegeben", da es sich um ein heutzutage völlig normales Sprachlevel bei jüngeren Menschen handelt - und das nicht automatisch auf Intelligenz oder Bildungsstand schließen lässt), zumal Begrifflichkeiten wie "geiler Arsch" etc. längst im Sprachgebrauch der jüngeren (U40) gesellschaftlichen Mitte angekommen ist.
    Und zu ihrer m.M.n. etwas vermessenen Ansicht über Frau Roches Attraktivität: Geschmäcker sind verschieden. Sie zählt auch nicht unbedingt zu meinem persönlich präferierten Frauengeschmack, dennoch behaupte ich, dass sie durchaus als Attraktiv gelten kann.
    Doch selbst, wenn man das anders sieht, war ihr Kommentar dazu unnötig und überflüssig, um nicht zu sagen beleidigend.

    Antwort auf "... un siine Fru!"
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    Die Zeit interviewt Frau Roche als seriöse Schriftstellerin. Welche Journalistin traut sich dieses Phänomen wirklich zu 'röntgen' (oder habe ich was verpasst?). Wie ging das Märchen von der 'KaiserIn ohne Kleider' noch mal aus?

    Die Zeit interviewt Frau Roche als seriöse Schriftstellerin. Welche Journalistin traut sich dieses Phänomen wirklich zu 'röntgen' (oder habe ich was verpasst?). Wie ging das Märchen von der 'KaiserIn ohne Kleider' noch mal aus?

  5. faszinierende Frau. Leider schreibt sie, wie ein Metzger und weiß auch, dass sie das tut, wie sie kürzlich im Spiegel zugab. Warum schreibt sie dann? Gesetzt sie könnte nicht Klavier spielen (kann sie es?): würde sie sich dann auch einfach hinsetzen, ein bißchen rumklimpern, es aufnehmen und dann veröffentlichen? Aber die Sprache glaubt jeder vergewaltigen zu dürfen.

    12 Leser-Empfehlungen
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    It´s only Rock´n´Roll but she likes it. Frau Roche schreibt um Geld zu verdienen. Um ihren Seelenmüll nicht nur los zu werden sondern gleichzeitig in den Goldesel zu verwandeln. Das ist legitim und die Basis aller (Pop)Kultur. Und solange sie ihr Ziel erreicht, ihr Publikum ihr dabei Recht gibt, kann ihr jede Kritik, mit welchem literarischen Anspruch die auch immer daher kommen mag völlig schnurz sein. Und von Vergewaltigung hat sie sie sich in dem Interview ausdrücklich distanziert und sich zu freier Willensäußerung bekannt. Das genau macht ja den Unterschied aus zwischen kreativen Prozessen in Sprache, Tönen (Krach) oder bildenden Künsten und solchen Menschen aus, die meinen ihre Obsessionen nur ausleben zu können, indem sie andere dafür missbrauchen.

    • nik--
    • 14.08.2011 um 15:57 Uhr

    Und ist sowieso nie mit sich selbst zufrieden. Niemand wird gezwungen, die Bücher zu kaufen. Und wenn ihr das bei der Bewältigung ihrer persönlichen Probleme hilft, tut das doch niemandem weh. Es schreiben Leute aus viel niederen Gründen Bücher.

    Tolles Interview btw.

    It´s only Rock´n´Roll but she likes it. Frau Roche schreibt um Geld zu verdienen. Um ihren Seelenmüll nicht nur los zu werden sondern gleichzeitig in den Goldesel zu verwandeln. Das ist legitim und die Basis aller (Pop)Kultur. Und solange sie ihr Ziel erreicht, ihr Publikum ihr dabei Recht gibt, kann ihr jede Kritik, mit welchem literarischen Anspruch die auch immer daher kommen mag völlig schnurz sein. Und von Vergewaltigung hat sie sie sich in dem Interview ausdrücklich distanziert und sich zu freier Willensäußerung bekannt. Das genau macht ja den Unterschied aus zwischen kreativen Prozessen in Sprache, Tönen (Krach) oder bildenden Künsten und solchen Menschen aus, die meinen ihre Obsessionen nur ausleben zu können, indem sie andere dafür missbrauchen.

    • nik--
    • 14.08.2011 um 15:57 Uhr

    Und ist sowieso nie mit sich selbst zufrieden. Niemand wird gezwungen, die Bücher zu kaufen. Und wenn ihr das bei der Bewältigung ihrer persönlichen Probleme hilft, tut das doch niemandem weh. Es schreiben Leute aus viel niederen Gründen Bücher.

    Tolles Interview btw.

  6. Die Roche-Bücher lesen halt die, bei denen sich früher auch das Katzeklo auf dem Plattenspieler gedreht hat ...

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    Falsch, dem ist nicht so, denn "Katzeklo" ist ja nur ein Teil des Spektrums des großartigen Helge Schneider. Tut mir leid, auch wenn dieses Lied wohl der "Mainstream"-Song von Helge war, hier kann man wahrlich nicht Äpfel und Birnen vergleichen!

    Und von anderen Kulturgütern auf ein weiteres Gut zu schließen ist leider recht simpel gedacht... Ebenso wie die Bezeichnung "die"... in "Roche-Bücher lesen halt die"

    Wie gesagt, Helge ist zurecht auf einem ganz anderen Niveau als die schöne aber leider etwas festgefahrene Frau Roche...

    Falsch, dem ist nicht so, denn "Katzeklo" ist ja nur ein Teil des Spektrums des großartigen Helge Schneider. Tut mir leid, auch wenn dieses Lied wohl der "Mainstream"-Song von Helge war, hier kann man wahrlich nicht Äpfel und Birnen vergleichen!

    Und von anderen Kulturgütern auf ein weiteres Gut zu schließen ist leider recht simpel gedacht... Ebenso wie die Bezeichnung "die"... in "Roche-Bücher lesen halt die"

    Wie gesagt, Helge ist zurecht auf einem ganz anderen Niveau als die schöne aber leider etwas festgefahrene Frau Roche...

    • Atan
    • 11.08.2011 um 12:47 Uhr

    da lese ich den Martenstein und die Küchentipps. Netterweise wurde gleich auf Seite 1 vorgewarnt, dass man diesmal wieder gleich vom Martenstein aus vorblättern könne.

  7. It´s only Rock´n´Roll but she likes it. Frau Roche schreibt um Geld zu verdienen. Um ihren Seelenmüll nicht nur los zu werden sondern gleichzeitig in den Goldesel zu verwandeln. Das ist legitim und die Basis aller (Pop)Kultur. Und solange sie ihr Ziel erreicht, ihr Publikum ihr dabei Recht gibt, kann ihr jede Kritik, mit welchem literarischen Anspruch die auch immer daher kommen mag völlig schnurz sein. Und von Vergewaltigung hat sie sie sich in dem Interview ausdrücklich distanziert und sich zu freier Willensäußerung bekannt. Das genau macht ja den Unterschied aus zwischen kreativen Prozessen in Sprache, Tönen (Krach) oder bildenden Künsten und solchen Menschen aus, die meinen ihre Obsessionen nur ausleben zu können, indem sie andere dafür missbrauchen.

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