WeltwirtschaftRetten, retten, retten

Die Weltwirtschaft steht wieder mal am Abgrund. Das ist aber kein Grund zur Panik – sondern einer zur entschlossenen Reaktion. von , , und

Ein junger Bettler in Athen

Ein junger Bettler in Athen  |  © Filippo Monteforte/AFP/Getty Images

Die Krise ist so groß, dass die Deutschen jetzt Gold in kleinen Stücken kaufen . Das lässt sich leichter von der Bank nach Hause tragen. Es lässt sich einfacher unters Kopfkissen schieben oder zwischen die Nachtwäsche im Kleiderschrank. Gold in kleinen Stücken zu haben vermittelt ein glänzendes Gefühl der Sicherheit, wenn draußen der Sturm tobt.

Und der tobt gewaltig.

Anzeige

Rund um den Globus brechen zum Wochenbeginn mit atemberaubender Geschwindigkeit die Aktienmärkte ein . Der Dax verliert am Montag 5 Prozent, der Dow fällt um 5,6 Prozent, in Brasilien fallen die Kurse sogar um mehr als acht Prozent. Die Banken horten wieder Geld, statt es an Unternehmen und Verbraucher zu verleihen. Ein Land nach dem anderen gerät ins Visier der Finanzmärkte, selbst die Vereinigten Staaten von Amerika sind nicht mehr über alle Zweifel erhaben , und Frankreich ist regelrecht ins Gerede gekommen . Am Dienstagabend fangen sich die Börsen wieder – vorerst.

Für Jean-Claude Trichet, Präsident der Europäischen Zentralbank (EZB) , spielt sich gerade die "schlimmste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg" ab. Wenn dann auch noch in London , in der Finanzmetropole Europas, die Häuser brennen , wirkt das bisweilen wie ein Weltuntergang – auch wenn die Krawalle auf den Straßen auf den ersten Blick nicht viel mit den Turbulenzen an den Finanzmärkten zu tun haben. Wie lange kann der Staat die öffentliche Ordnung garantieren? Wie lange kann sich der Westen seine sozialen und kulturellen Errungenschaften noch leisten? Was passiert, wenn die Rettung nicht funktioniert und "alles zusammenbricht", wie es die Schwarzseher prophezeien?

Rezessionsangst

Die Aktienmärkte sind nervös, ganz besonders in den USA. Sie fürchten, Amerika könne erneut in eine Rezession rutschen. Viele Anzeichen deuten darauf hin: Das Wirtschaftswachstum ist schwach, das Vertrauen der Bürger in die Erholungskraft der Wirtschaft schwindet. Sie konsumieren besonders wenig – und das bremst die Konjunktur noch mehr, denn der Konsum ist traditionell die stärkste Triebkraft der amerikanischen Wirtschaft. Hinzu kommt die hohe Arbeitslosigkeit. Zwar geht es vielen Unternehmen gut. Doch das kann die Anleger im Moment nicht beruhigen. Im Gegenteil: Sie fürchten, dass Amerika die ganze Welt in eine Wirtschaftskrise reißen könnte.

US-Schuldendebatte

Das politische Gezerre um die Verschuldung der USA hat die Unruhe an den Märkten verstärkt. Erst kurz vor knapp einigten sich Demokraten und Republikaner auf einen Kompromiss. Er sieht vor, dass die Staatsverschuldung künftig steigen darf. Zugleich muss Washington sparen. Die heikle Haushaltslage, aber noch mehr die politische Gemengelage in Washington, veranlasste die Rating-Agentur Standard & Poor's, den USA ihre Bestnote zu entziehen. "Die politischen Prozesse scheinen weniger als früher geeignet, die Staatsverschuldung in den Griff zu bekommen", begründet Moritz Krämer, Leiter des Länderbereichs Europa von S&P, die Herabstufung im Interview. Zwar sind die beiden anderen große Agenturen Moody's und Fitch anderer Ansicht und geben den USA auch weiterhin die bestmögliche Note. Dennoch fielen die Aktienkurse nach der Herabstufung weiter, und zwar stärker als zuvor. Die Börsen stecken in einer Vertrauenskrise und auf kurze Sicht ist kein Politiker in Sicht, der ihnen ihr Vertrauen in die Zukunft wieder zurückgeben könnte.

Europas Krise

Auch Europa steckt in der Krise: Griechenland muss seine öffentlichen Haushalte sanieren und spart hart, gleiches gilt für Portugal. Irlands Banken haben große Probleme. Alle drei kommen nur mit Hilfe der wohlhabenden EU-Mitglieder über die Runden. Das Problem: Die Hilfskredite haben die Lage bisher immer nur vorübergehend beruhigt. Früher oder später tauchten neue Zweifel an der Zahlungsfähigkeit der Krisenländer auf. Zuletzt geriet Italien in den Fokus der Anleger – ein Land mit so hohen Schulden, dass es Europa zerrisse, wenn auch Italien finanzielle Hilfe bräuchte. Weil die europäische Politik nicht in der Lage gewesen wäre, Italien schnell genug zu helfen, sprang die Europäische Zentralbank ein. Das half vorübergehend, doch auf lange Sicht bleiben die Märkte nervös. Denn Europas Politiker können sich nicht auf einen gemeinsamen Weg aus der Krise einigen. Das mindert die Chancen, dass die Sache gut ausgeht. Die Börsen nehmen das schlechte Ende vorweg, die Kurse fallen.

Es sind solche Fragen, die die Menschen – und die Märkte – im Krisensommer 2011 bewegen.

Die Antwort der Politik? Sie wirkt entschlossen. Die G-7-Industrienationen erklären schon am Wochenende, man werde tun, was immer auch nötig sei, um eine Ausbreitung der Krise zu verhindern. Die EZB kauft im großen Stil Staatsanleihen der gefährdeten Länder im Süden Europas auf. Die amerikanische Zentralbank Federal Reserve garantiert Niedrigzinsen bis zum Jahr 2013.

Wer dauerhafte Problemlösungen sucht, bleibt aber enttäuscht. In den USA haben wochenlang Demokraten und Republikaner über ein neues Sparpaket gestritten – um am Ende eine Lösung zu präsentieren, die die Konjunktur maximal schädigt und dem Haushalt nur minimal hilft. Die Europäer finden seit Monaten keine Lösung für den Umgang mit den hochverschuldeten Ländern an der Peripherie. "Wir haben uns selbst in diese Lage hineinmanövriert", sagt ein deutscher Regierungsbeamter. Die aufsteigende Weltmacht China fühlt sich auch nicht zuständig. "China ist über die eigene Wirtschaftsentwicklung besorgt", erläutert Wang Fuzhong, ein Pekinger Ökonom und Finanzmarktexperte, "und es schiebt die Schuld auf Amerika , um von eigenen Fehlern abzulenken."

Das ist das größte Problem in dieser Krise: Den Politikern geht es zu häufig um Prinzipien – und zu selten um praktische Problemlösung. Damit verschärfen sie die Misere. Das bedeutet im Umkehrschluss: Politiker haben es auch in der Hand, sie zu bewältigen.

Das beginnt mit der richtigen Diagnose ihrer Ursachen. Als im September 2008 das Investmenthaus Lehman Brothers zusammenbrach, kollabierte mehr als nur eine Bank. Der Crash markierte das Ende einer der längsten Wachstumsphasen der Weltwirtschaft – die größtenteils auf Pump finanziert wurde.

Etwa sieben Jahre, so argumentiert die Washingtoner Ökonomin Carmen Reinhart, dauert es, bis eine solche Überschuldung abgebaut ist. Reinhart ist derzeit die weltweit führende Krisenexpertin. Akribisch hat sie Daten zu vergangenen Finanzkrisen zusammengetragen. Ergebnis: Im Schnitt liegt das Wirtschaftswachstum im Jahrzehnt nach einem Finanzbeben ein bis eineinhalb Prozentpunkte unter den ursprünglichen Werten, die Arbeitslosigkeit dagegen um fünf Prozent höher. Privathaushalte müssen sparen, die Staatsetats werden getrimmt.

Leserkommentare
    • Gerry10
    • 12. August 2011 18:02 Uhr

    ...zugestimmt? ZUGESTIMMT? DIE DEUTSCHEN?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Auch wenn ich schwarz-gelb nicht gewaehlt habe, bin ich froh, dass sie am Ende zustimmten. Worueber ich nicht froh bin, ist, dass es so lange gedauert hat.

    Wir wurden natuerlich nicht direkt gefragt, aber wollen sie eine Volksabstimmung? Nicht ohne Grund haben wir eine repraesentative Demokratie.
    1992 wurden in Maastricht so einige Fehler begangen, dafuer traegt die Politik mit die Verantwortung. Aber jetzt werden diese korrigiert und dass man das Ergebnis nicht einfach auf "Deutschland zahlt!" reduzieren kann, ist jedem klar, der ueber den nationalen Tellerrand blickt.

    Ich hoffe, das bald auch die Europaeische Finanzregierung oder Wirtschaftsregierung kommt - um supranationale Probleme supranational zu loesen. Anscheinend geht es ja tatsaechlich in die Richtung. Wenn dann noch demokratische Reformen der EU in Reichweite ruecken, kann man die Krise vll sogar als die erfolgreiche Lernphase Europas betrachten, in der wir verstanden, wie nah und real verbunden wir uns sind.

    ... wenn man "Die" Deutschen gefragt hätte, gäbe es in diesem Land keine Eisenbahn, keinen elektrischen Strom, kein Telefon, kein Radio, kein Fernsehen, selbstredend auch kein Internet. Es gäbe auch kein Auto, das heute schon zur Grundausstattung eines zumutbaren Daseins auf dieser Welt zählt.

    Die Mehrheit trifft fast nie gute Entscheidungen - verhindert aber nicht selten sinnvolle Entscheidungen. Deutschland (wie auch die westliche Welt insgesamt) ist nicht deshalb wohlhabender als der Rest der Welt, weil "Das" Volk immer gefragt wurden, ob es ihm gefällt.

    Wenn jede Entscheidung von der Allgemeinheit getragen würde, wäre es ein ewiges auf Halbwissen aufgebautes Entscheiden nach Gutdünken. Direkte Demokratie ist ein Wunschschloß ohne tatsächliche Bedeutung. Die Menschen können gerne über regionale Projekte abstimmen, aber wer hat denn schon die Fachkenntnis, über Dinge wie die Griechenlandhilfe ernsthaft kompetent abzustimmen? Alles andere wäre unfrei. Sie können nur dann mitbestimmen, wenn sie auch eine ungefähre Ahnung von dem haben, über das sie abstimmen. Wenn ich Ihnen sage, dass in ihrem Mineralwasser "Chemie" drin ist und das noch etwas glaubhaft verkaufe, sind sehr viele Menschen sehr schnell gegen Mineralwasser. Die Leute sind nicht dumm, um Gottes Willen. Aber man kann nicht in jedem Gebiet so gebildet sein, um beispielsweise qualifiziert über eine Griechenlandhilfe jenseits der Polemik zu urteilen. Ich kann das jedenfalls nicht. Aber ich habe Menschen gewählt, die das können sollten.
    Aber jetzt schreien sie ruhig weiter nach mehr Volksabstimmungen und so weiter. Aber gerade in der Finanzkrise wären diese, zurückhaltend formuliert, riskant, weil niemand abschätzen kann, wie sich ein Fall Spanien entwickelt, was passiert, wenn Spanien bankrott ginge.
    Vielleicht werden Fehler gemacht, die Situation ist eine so noch nie da gewesene. Ich hätte dem zugestimmt, aber aus dem Bauch raus, nicht weil ich die griechischen Haushalte kenne oder wüsste, was passierte, wenn wir nicht hülften. Sie hätten nicht zugestimmt. So what?

    • ribera
    • 12. August 2011 22:53 Uhr

    "Die Deutschen haben einem Rettungspaket für Griechenland zugestimmt, wie es noch vor Jahresfrist unmöglich schien. Sie haben den Weg für einen Europäischen Währungsfonds frei gemacht, wie ihn die Kanzlerin und vor allem die FDP vehement ablehnten."
    Das Thema Griechenland ist laengst noch nicht abgeschlossen und schon wird In ZO die Geschichte gefaelscht.

    abgesehen davon das diese Rettungspkete Vertragswiedrig sind werden die ganzen Klugschwaetzer schon sehen was passiert wenn Deutschland unter der Südeuropaeischen Schuldenlast in die Knie geht!
    Wer glaubt denn ernsthaft das Griechenland das Geld je zurückzahlt nachdem Deutschland so schön bürgt?
    Wer bürgt der zahlt!
    Das sind ja alles 'einmalige' und 'alternativlose' Massnahmen!
    Aber das werden unsere netten Politiker wieder irgendwie verpacken und der Deutsche Michl wird es nicht merken!
    Er wird sich nur wundern warum die Strassen immer schlechter werden wo doch die Abgeben staendig steigen!
    Und weiterhin diese Volksverraeter waehlen!

    • joG
    • 13. August 2011 9:28 Uhr

    ...durch demokratischen Prozess, wie im GG verfasst, die Entscheidung delegiert an ihre Regierenden. Das ist so gut, als hätte man selbst unterschrieben. Finden Sie nicht auch?

  1. >Wie lange kann der Staat die öffentliche Ordnung garantieren? Wie lange kann sich der Westen seine sozialen und kulturellen Errungenschaften noch leisten? Was passiert, wenn die Rettung nicht funktioniert und »alles zusammenbricht«, wie es die Schwarzseher prophezeien?
    >[..]
    >Es sind solche Fragen, die die Menschen – und die Märkte – im Krisensommer 2011 bewegen.

    Was mich bewegt: Schmeckt das gerade gekaufte Körnerbrot besser oder schlechter als das Mehrkornbrot von gestern? Und wird das Wetter am Sonntag gut genug zum Radfahren?

    Über konstruktive Kritik würden wir uns freuen. Danke, die Redaktion/mk

    • genius1
    • 12. August 2011 18:11 Uhr

    Im Link, ab Minute 35 wird es Interessant.

    http://ichmachpolitik.at/...

    Auch auf die Ansichten von Stephan Schulmeister achten. Dann Begreift man auch warum es Schiefläuft.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Askay
    • 13. August 2011 3:13 Uhr

    Der hat doch eine methodisch völlig unsaubere Gefälligkeitsstudie zur Transaktionssteuer produziert.

    Reiner Attac Zweckissenschaftler - peinlich wie Flaßbeck.

    Getrost vergessen

  2. Träumen Sie weiter...

    Wenn es nicht gerecht zugeht, die Obere Schicht sich auch zurück nimmt und Abstriche in Kauf nimmt (Gehaltseinbußen)...die Eliten sich ihre Diäten kürzen, könnte der Traum von der Rettung ev. wahr werden. Nur den Stuerzahler schröpfen und Armut ohne Ende schaffen, die Mittelschicht aushölen, wird niemals gut gehen! Dann gibt es Revolution, wenn nicht vorher schon alles zusammen bricht. Anleger können nämlich auch denken!

    Also sollte die Politik Vorbild sein!! Tut sie aber nicht, im Gegenteil...man hat sich erst wieder die Diäten erhöht.

    Sie können schreiben was Sie wollen...es wird nichts helfen. Dafür sorgt schon alleine die Realität!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    (wo fängt sie an? 50.000 jahreseinkommen, 150.000?) sind auch steuerzahler und sie zahlen recht viel, weil nicht jeder von ihnen sein geld steueroptimiert anlegen oder gar ins ausland verschieben kann.

    Die Berichterstattung der letzten Tage gleicht einem Manisch-Depressiven: wenns runter geht, Untergangsstimmung, wenns rauf geht, alles halb so schlimm und beherrschbar... lachhaft.

    Jetzt will meine Tochter auch noch tippen:
    75ysdeghzöuwesdrtzewsrrtzgffuopkljkjnmnbvcyxü+öölk867523456789

    etwas gegen die Armut zu tun. Sie haben etwas getan. Die Diäten der Abgeordneten wurden erhöht. Das soll wohl genügen.

  3. Entfernt. Über konstruktive Kritik würden wir uns freuen. Danke, die Redaktion/mk

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Bitte äußern Sie artikelbezogene Kritik anhand sachlicher Argumente. Danke. Die Redaktion/wg

  4. "Die Krise zwingt Europa zu mehr Koordinierung und mehr gegenseitiger Rücksichtnahme, als man es in Verträgen je hätte festschreiben können."

    Hätte man sich doch einfach an bestehende Verträge gehalten...

  5. und schon ist schluss mit Randale in Tottingen, Reutlingen und Hintertupfingen

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Bei den Zockern sollte man den Cut etwas tiefer ansetzen!
    OK, liebe Zeit-Redaktion, das bot sich einfach an, war nicht ernst gemeint.
    Wie Wolfgang Biermann mal in seinen guten Tagen dichtete:
    "Noch lachen wir,
    noch machen wir
    nur Witze"

  6. ...wie gut dass die Wallstreet kein produzierendes Gewerbe ist, dann hat die Bewegung da keinen Einfluss auf die Weltwirtschaft. Vorgestern ging es also 5% runter? Die schlimmste Krise seit dem 2. Weltkrieg? Vor einem halben Jahr ging es doch auch 5% rauf, macht in der Summe doch Null Änderung?

    Mein lokaler Gemüsemarkt ist übrigens auch bewegt, und zwar wegen des schlechten Sommers. Und die stellen sogar reale Produkte her.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service