Schulfächer Vergiss es! Aber was?

Deutsch, Geschichte, Biologie – für alle Fächer gilt: Nicht auf Detailwissen, auf das Verstehen kommt es an. Aber soll man nun Goethe streichen oder Schiller, Cäsar oder Adenauer, Mendel oder Darwin?

Deutsch

Shakespeare, so steht es in meinem alten Abitur-Lesebuch aus der DDR, »war von den dramatischen Genies das größte«. Der Satz stammt von Peter Hacks, einst Deutschlands meistgespielter Dramatiker. »Immer wenn ich anfing, eine Sache erstklassig zu machen, bemerkte ich, dass Shakespeare sie besser gemacht hatte.« Dummerweise war Hacks auch Kommunist, weshalb er heute im Lehrplan fehlt.

Was lernen wir daraus? Jedes Deutschbuch ist ein Abbild seiner Zeit. Doch wenn kein Kanon ewig gilt, muss man auch keine Angst haben, ihn zu definieren. Entscheidungsangst scheint ja das große Problem der Lehrplanmacher zu sein.

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Was aber weglassen? Das lässt sich für die Literatur nur prinzipiell beantworten, denn selbst die bedeutenden Texte der großen alten Autoren betreffen uns immer neu. Früher nannte man sie kulturelles Erbe. Dieser Gedanke geht in Deutschland auf Herder zurück, doch zum Politikum wurde er in den 1920ern, als der sowjetische Kulturkommissar Anatolij Lunatscharskij die klassische Literatur gegen den sozialistischen Realismus starkmachte. Es folgte ein endloses Palaver darüber, welche toten Autoren auch künftig gelten sollten: Goethe – aber auch Kafka? Schiller – aber auch Nietzsche? Leider haben manche Bildungsbeamte bis heute nicht begriffen, dass Kulturkonservatismus wichtig, aber Literaturabsolutismus lächerlich ist. Erst ist Kafka verpönt, dann ist er sakrosankt. Vielleicht kommt irgendwann sogar wieder eine Zeit für Hacks?

Bis dahin sollten Lehrbuchmacher ihre Unentschlossenheit nicht an den Schülern auslassen – vor allem nicht, indem sie den Eindruck erwecken, in der Literatur gebe es etwas unstrittig Richtiges. Lieber Goethe richtig lesen als Goethe und Schiller halb. (Oder lieber Schiller richtig als Schiller und Goethe halb.) Dasselbe gilt für alles Neue. Mut zur Lücke heißt Mut zum Irrtum. Mit den Worten von Peter Hacks: »Wir können uns von Shakespeare unterscheiden, durch Fehler.«

Evelyn Finger

Leser-Kommentare
  1. vielleicht hätten die Autoren mal abgleichen sollen was sie da schreiben. Wie sollen Kinder denn verstehen, was das GIS macht, wenn in Mathe kein Cosinus drankommen sollte. Wie sollen die Kinder verstehen, warum ein Atomkraftwerk gefährlich sein kann, wenn sie nie eine Exponentialfunktion gesehen haben?
    Natürlich kann man darüber streiten, was Kinder unbedingt lernen müssen, die Ernährungsgewohnheiten von Karl dem Großen, sowie gewisse Einzelheiten im Biogrundkurs sind vielleicht fragwürdig.
    Deutsch ist doch sowieso lehrerabhängig. Ich hatte nie Schiller, nie Kafka und nie Mann, weil unser Lehrer auf Stormn, Fontane stand
    und in den niedrigen Klassen "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" gelesen wurde (bayerisches Gymnasium :-) ). So what?
    Dennoch:
    Das Gymnasium zielt auf die "allgemeine" Hochschulreife ab, d.h. es müssen die Kompetenzen vermittelt werden, die dann zum Unistudium befähigen.

    Der Artikel macht mich fast wütend. Weil es hier ur darum geht, das Niveau zu senken. Damit tut man der jüngeren Generation aber keinen Gefallen, denn im Gegensatz zu denen, die die natürlichen Ressourcen verprassen konnten, ist diese Generation auf technische, wirtschaftliche, aber auch soziale Bildung in höchstem Maße angewiesen. Ihnen, zumindest den Fähigen, jetzt auch noch diese vorenthalten zu wollen, ist eigentlich asozial.
    Denn ohne gesichtertes Grundwissen wird das Verständnis von den komplexen Sachverhalten doch erst recht unmöglich gemacht. "Sapere aude!" geht nicht ohne sapientia.

    Eine Leser-Empfehlung
  2. Der moderne Markt braucht funktionierende Fachleute. Die können ideal an einer Einheitsschule mit anschließendem dualen System ausgebildet werden. Alditour für alle!

  3. Dieser Artikel ist einer der schlechtesten, die ich bei der normal so tollen Zeit gelesen habe.

    Gekürzt. Bitte verfassen Sie sachlichere Kritik. Danke, die Redaktion/se

  4. Neben der mathematischen kommt auch die naturwissenschaftliche Grundbildung viel zu kurz:
    Solange es universitär ausgebildete Personalchefs gibt, die Bewerber nach Sternzeichen und Aszendenten beurteilen, sollte die "reife" besser aus der Hochschulreife weglassen...
    Es gibt viele Juristen, Betriebswirte, selbst naturwissenschaftlich teilausgebildete Berufsgruppen wie Ärzte oder Psychologen, die Astrologie, Esoterik und Ähnliches glauben. Wer unbedingt an Bachblüten glauben will, kann dies ja tun, aber es hat mit Wissenschaft oder Medizin Nichts zu tun. Solange selbst das nicht verstanden wird, fehlt es an naturwissenschaftlicher Bildung. Vielleicht werden bei uns irgendwann - wie in den USA - die Kreationisten Fuß fassen. Der Nährboden ist durch geringes naturwissenschaftliches Verständnis dafür gelegt.

    • G.Sk.
    • 16.08.2011 um 11:41 Uhr

    So einfach kann man den Mathe-Unterricht nicht reformieren.
    Die Kurvendiskussion ist kein Selbstzweck, aber sie ist ein wunderbares Mittel, um die Methoden der Analysis und den Umgang mit mathematischen Argumentationen zu üben.
    Wenn Sie die Kurvendiskussionen ablehnen, müssen sie erklären, womit sie dann die Übungen gestalten. Wenn Sie etwas besseres kennen, sagen Sie es bitte!
    Oder wollen Sie die Übungen weglassen und wie an der Hochschule über die Mittelwertsätze zur Taylor-Reihe durchmarschieren? Ich glaube, das würde das Gymnasium überfordern.

  5. Wenn jemand über Bildung berichtet, und über Fachwissen –Physik- schreibt, so sollte der Verfasser (Max Rauner) wenigstens elementares Grundwissen über das jeweilige Fach haben.
    Sie Schreiben unter Physik:
    Warum kam es in Fukushima zu einer Wasserstoffexplosion (Kernphysik)?
    Richtig ist: Natürlich kam es in Fukushima nicht zu einer kernphysikalischen Wasserstoffexplosion (Wasserstoffbombe, bei der Wasserstoff-Isotope zu Helium-Atomen verschmelzen, 2H + 3H → 4He + n). Bei einer Kernfusion wäre dort alles atomisiert.
    Richtig ist, in Fukushima gab es eine Wasserstoffexplosion in dem in einer chemischen Reaktion Wasserstoff mit Sauerstoff sich zu Wasser verband. also das hatte nichts mit Physik zu tun.
    Chemisch: 2H2 + O2 = 2H2O

    Ich will nicht angeben, aber das ist mein Abiturwissen von vor 50 Jahren.

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