Wie lange hält er noch durch? Wie überlebt ein Mann, der seit Monaten sein eigenes Volk beschießen lässt, so lange an der Macht? Was hat Baschar al-Assad, was Ägyptens Herrscher Hosni Mubarak und Tunesiens Zine al-Abidin Ben Ali offenbar nicht hatten?

Das Durchhaltevermögen des syrischen Herrschers ruht jenseits der Armee auf drei Säulen: der Abschottung des Landes, den Resten der syrischen Wirtschaft und den letzten Freunden in der Welt, vor allem Iran.

Wenn der UN-Sicherheitsrat überlegt , wie Baschar al-Assad weiter in die Enge zu treiben sei, muss er wissen: Mit Embargos hat das Land einige Erfahrung, und es fürchtet sie inzwischen weniger, als die Weltgemeinschaft meint. Schon nach dem Mord an dem libanesischen Premier Rafik Hariri 2005 stand das Land international am Pranger. Geschäftsleute in Aleppo und Damaskus bekannten jedoch schon damals freimütig, dass die Sanktionen sie nicht weiter störten. Sie handelten munter um das Embargo herum. Was Syrien half, mit internationaler Ächtung zu leben, war die relative Abschottung. Die postsozialistische Planwirtschaft hatte erst Baschar al-Assad im Jahr 2000 gelockert. Bis vor wenigen Jahren besaß das Land kein eigenes Bankensystem und wickelte internationale Finanzgeschäfte über Beirut ab. Syrien wird weder von Rating-Agenturen bewertet, noch darf es an den Märkten Geld aufnehmen. Auch die Auslandskonten haben nicht den Umfang anderer arabischer Herrscher. Gar nicht so einfach also, Assads Reich zu treffen.

Das Land gefiel sich viele Jahre in seiner Außenseiterrolle, auch wegen der eingespielten Ordnung im Innern. Von seinem Vater Hafis hat Baschar al-Assad ein wertvolles Bündnis geerbt: den Pakt des alawitischen Regimes mit den sunnitischen Geschäftsleuten. Der ist schon beachtlich, weil viele Sunniten die Alawiten nicht als Muslime betrachten, sondern als ketzerische Sekte.

In Aleppo, im Nordwesten Syriens, ist die Harmonie besonders sichtbar. Hier, zwischen den jahrhundertealten Höfen der Stoffhändler und den schmutzig-gelben Wänden der Olivenöl-Seifenfabriken, waren die Sunniten auf Baschar al-Assad stets gut zu sprechen. Ihre Geschäfte liefen gut, seit Assad marktwirtschaftliche Prinzipien gelobte. Sie liefen noch besser, seit Syrien mit der Türkei vor drei Jahren ein Freihandelsabkommen geschlossen hat. Seither lieferten Türken Autos, Medikamente und Elektrogeräte nach Aleppo, gingen syrische Stoffe und Seifen in die Türkei. Touristen pendelten ohne Visum über die Grenze. Seit den Aufständen ist das vorbei. Der syrisch-türkische Handel zwischen Aleppo und dem türkischen Antakya ist um 80 Prozent zurückgegangen. Händler auf beiden Seiten der Grenze gehen bankrott.

Aleppo ist eine der wenigen großen syrischen Städte, die trotz der Misere noch keine nennenswerten Demonstrationen gesehen hat. Die neue Mittelklasse der Händler und Technokraten glaubte lange Zeit an das ruhige, verlässliche Umfeld, das Baschar al-Assad ihnen versprochen hatte. Doch wie lange kann er ihnen noch vorgaukeln, das Land sei stabil? Durch massive Subventionen, lautet eine Antwort von Assad. Den Unternehmern stellt der Diktator Staatsaufträge in Aussicht. Es soll gebaut werden. Seine Beamten will er mit kräftigen Gehaltsspritzen ruhigstellen. Doch ist Syrien kein Golfstaat, der mit einem satten Staatsschatz Politik machen kann. Im Gegenteil.

Der syrische Staat lebt seit Jahren über seine Verhältnisse. Die Löcher werden notdürftig mit den Einnahmen aus Ölverkauf, Tourismus und Landwirtschaft gestopft. Der Erdölverkauf bringt derzeit noch fast ein Drittel der syrischen Staatseinnahmen ein. Einheimische, arabische und chinesische Energiefirmen fördern, ungeachtet der Militäreinsätze, weiter. Petrofirmen schicken gern hartgesottene Leute mit einer Vorliebe für unwirtliches Gelände. Auch wenn die syrischen Ölquellen mittelfristig versiegen werden – sie dürften Assad noch eine Weile über die Zeit retten. Ernster sieht es beim Tourismus aus. Die Türken, die regelmäßig zum Einkaufen nach Aleppo fuhren, bleiben zu Hause. Die Ruinen von Palmyra, die Kreuzritterburg Krak de Chevaliers, die Altstadt von Damaskus – das alles will kaum noch ein Ausländer sehen. Assad brechen so rund sieben Prozent der Staatseinnahmen weg. Bleibt noch die Landwirtschaft, sechs Prozent des Einkommens. Viele Bauern sind nicht gut zu sprechen auf Assad. War er es doch, der die fetten Agrarsubventionen des Vaters strich und meinte, Linsen, Oliven und Rüben seien nicht mehr so wichtig, wenn Syrien erst einmal ins Internetzeitalter abhebt. Jahrelange Dürre verschärfte die Lage. Dörfer sind verfallen, Bauern in die Städte geflüchtet. Zum Beispiel nach Daraa, wo im März die Rebellion gegen das Assad-Regime begann.