Sie leiden unter den spätfolgen des Pflanzengifts "Agent Orange": Behinderte KInder in Vietnam © Paula Bronstein /Getty Images

Thi Thanh Ho sitzt auf dem Boden der ärmlichen Behausung und wiegt ihre weinende Tochter. Die 16-jährige Tuyen fürchtet den Fremden. »Lach’ den Herrn doch an«, redet die 40-jährige Mutter ihr zu. Tuyen versteht und langsam tritt in ihre schönen Augen ein Strahlen, das nicht von dieser Welt scheint. Wie auch Tuyen selbst weit weg lebt von der hedonistischen Welt ihrer gleichaltrigen Saigoner Teenies. Sie trägt Windeln, kann sich mit ihren verkrümmten Ärmchen und Beinchen nicht aufrichten, den Kopf nicht allein heben und aus dem weit geöffneten Rachen nur ein »Ahh...« hervorstoßen, wenn sie sich freut. Wenn sie zum Beispiel Lieder im Kinderfernsehen hört, dessen Bilder sie aber nicht versteht. So ist Tuyen fast glücklich zu nennen und ihre Mutter auch. Gemessen an den Tausenden Müttern, die in Vietnam zwei, drei, vier oder mehr missgebildete Kinder zur Welt brachten und bringen. Die ärmsten von ihnen monströser verunstaltet als selbst die Geschöpfe im Trash-TV.

Das Schicksal von Tuyen und 150.000 behinderten Kindern entschied sich viele Jahre vor ihrer Geburt. Genau am 11. August vor 50 Jahren. Von diesem Tag an begannen die USA im Vietnamkrieg das Pflanzengift Agent Orange aus Flugzeugen zu versprühen, um die Dschungelpfade ihrer Gegner zu entlauben. Das darin enthaltene Dioxin von der Sorte TCDD ist so todbringend, dass 80 Gramm davon im Trinkwasser von New York die Stadtbevölkerung hinraffen würden. Für den über Vietnam versprühten Wirkstoff wurden nach Angaben des Pentagon zwischen 1961 und 1971 etwa 170 Kilogramm Dioxin TCDD verwendet. Bis zu 4,8 Millionen Vietnamesen traf die Besprühung mehr oder weniger direkt, am schlimmsten in der Provinz Dong Nai. Dort starteten die US-Piloten von einem Stützpunkt nahe der Stadt Bien Hoa. Aus Bien Hoa kam Tuyens Vater, Reisbauer wie seine Frau. Nach der Geburt der kranken Tochter setzte er sich ab.

Die Mutter verkauft heute Lotterielose in Saigon. An guten Tagen verdient sie umgerechnet drei Euro, zumeist nur die Hälfte. Tuyen muss mit. Nicht nur, um die Herzen der Passanten zu öffnen. Das Mädchen lässt sich nur von der Mutter füttern. Für ein Schüsselchen braucht sie eine Stunde. Sie mag Fleisch, Fisch, Schokolade. Nur muss alles als Brei zubereitet sein. Die meisten Opfer der zweiten Generation wachsen auf wie Tuyen. Zu Hause, ohne fachgerechte Betreuung, mit den Zuwendungen der Mütter als oft einziger Arznei. Der immer noch arme Staat stellt jährlich etwa 44 Millionen Dollar bereit. Thanh bekam lange umgerechnet 10 Euro Unterstützung pro Monat. Jetzt sind es knapp 20. Aber Tuyen darf, seit sie 16 ist, nicht mehr ins kostenlose Kinderkrankenhaus; im Hospital zahlen Eltern die Hälfte jeder Behandlung selbst.

Doch Thi Thanh Ho hat nie geklagt. Sie wusste nicht einmal von der Klage, die Vietnams Opferverband und einige Eltern 2004 gegen Dow Chemical, Monsanto und 32 weitere Chemiefirmen anstrengten. Alle US-Instanzen begründeten ihre Ablehnung so, wie es die Chemiekonzerne schon seit Jahren argumentiert hatten: Agent Orange sei einzig zur Entlaubung eingesetzt worden.

Dabei waren die tödlichen Gefahren für die Menschen den Herstellern bekannt gewesen. Nach schweren Arbeitsunfällen bei Dow und Monsanto schon vor dem Vietnamkrieg hatten die Firmen sich gegenseitig gewarnt.

Nach Tuyens Lebenserwartung mochte ich nicht fragen. Aber eine andere Erwartung ist sicher: Über ihr Leben hinaus, so lange es auch währen mag, wird Agent Orange immer noch Krüppel schaffen. Das Dioxin mit seiner Halbwertzeit von 100 Jahren wird aus den vergifteten Böden und Gewässern Vietnams über Muttermilch und Nahrungsmittel seine Opfer unter den bald 100 Millionen Vietnamesen finden, wer weiß wie viele. Und manchen wird das Schicksal noch weniger gnädig sein als der kleinen Tuyen.