»Wohnst du noch oder lebst du schon?« Der bekannteste Slogan zu der Frage, wie wir wohnen, stammt von einem großen Möbelhersteller, nicht von einer politischen Partei. Ob wir mieten oder kaufen, ob wir viel Platz haben oder wenig, ist Privatsache – zumindest ist nie ein Thema für Anne Will oder für große öffentliche Debatten daraus geworden. Tatsächlich aber nimmt der Staat viel Einfluss auf die Qualität des Wohnens, er finanziert Solaranlagen auf Hausdächern und Wärmedämmung an den Wänden , er zahlt die Mieten von Hartz-IV -Empfängern und hilft Bauherren und denen, die es werden wollen, mit Zuschüssen zum Wohn-Riester , er hilft Besitzern von Eigenheimen im Grünen mit der Pendlerpauschale.

Doch lange hat niemand zusammengedacht, was zusammengehört, und aus diesen Einzelposten ein Programm gezimmert. Selbst die SPD schien vergessen zu haben, dass nicht nur die Verteilung von Arbeit, sondern auch der Zugang zu bezahlbarem Wohnraum in Deutschland einmal eine große soziale Frage war.

Das ändert sich gerade, weil im Berliner Wahlkampf der Streit um niedrige Mieten und strengere Regeln für Investoren eskaliert. Die Preise für Wohnungen steigen in allen Großstädten seit Jahren, aber in einigen Teilen Berlins sind die Sprünge besonders groß . Dass dieser Umstand im Wahlkampf plötzlich wichtig wird, bedeutet eine Chance: Es wäre an der Zeit, sich für einen blinden Fleck der Politik zu interessieren, ein Nichtthema zu entdecken – die Wohnungspolitik. Gemeint ist mehr als ein Förderprogramm für sozialen Wohnungsbau. Eher ein Konzept, wofür der Staat auf seinen verschiedenen föderalen Ebenen Geld ausgeben soll und wofür nicht. Und ein Ideenwettbewerb zur Frage, wie öffentlicher Wohnraum der Zukunft aussehen könnte.

Der Aufwand würde sich lohnen, weil die Wohnungs- und Stadtplanungspolitik direkte Folgen hat für die wichtigsten Politikfelder der Gegenwart. Wohnformen können entscheiden, ob die Integration in armen Vierteln funktioniert, ob wir beim Klimaschutz weiterkommen und ob wir uns gut gegen Altersarmut schützen.

Community building, also der Aufbau von Nachbarschaften oder anderen Netzwerken , ist für innovative Sozialpolitik zu einem Schlüsselbegriff geworden, um Konflikte zu dämpfen. Dahinter steckt zum Beispiel die Idee, dass es billiger ist, wenn pflegebedürftige Menschen nicht sofort ins Heim ziehen müssen, weil die Nachbarn in ähnlicher Situation helfen können. Oder der Ansatz, dass Menschen mit Migrationshintergrund sich bei Behördengängen von gleichsprachigen Nachbarn begleiten lassen.

Es brauche ein Dorf, um ein Kind zu erziehen, sagte Hillary Clinton. Bei den meisten anderen sozialen Problemen hilft Nachbarschaftshilfe auch.