London: Im Fernsehen bejubeln zwei Jugendliche die Randale als besten Protest aller Zeiten. Ihre Begründung für das Unentschuldbare: Die da oben bereichern sich, während sie hier unten jede Hoffnung begraben .

Rom: Vor dem Parlament protestieren die Arbeitnehmer gegen soziale Kürzungen. Sollen doch die bezahlen, die den ganzen Mist verursacht haben, erklärt ein Gewerkschafter ganz ruhig, die Politiker, die Banken, die Reichen.

New York: Der superreiche Investor Warren Buffett rechnet vor, dass seine Steuerrate halb so hoch ist wie die seiner Mitarbeiter . Amerika soll endlich aufhören, ihn und seine superreichen Freunde zu verhätscheln, fordert der Milliardär.

Der Klassenkampf ist zurück. Überall im Westen wollen die Menschen wissen, wer für die Krise bezahlt. Mit seinen Rettungsbillionen hat der Staat den Vermögenden ihre Pfründen erhalten. Nun droht vielen Ländern der Staatsbankrott , eine neue Rezession könnte kommen, und es wird deutlich, wie teuer diese Krise ist. Da sollen wir die Wohlhabenden weiter schonen? Nein, rufen die Armen und manche Reiche mit ihnen. Und sie haben ja auch recht: Der Westen kommt nicht mit dem System aus der Krise, mit dem er hineingekracht ist. Er muss es zurechtrücken.

In Wahrheit ist ja alles noch schlimmer. Die Industrieländer stecken nicht bloß in der Schuldenfalle, sie müssen auch die Klimakatastrophe abwehren. Nimmt man beides zusammen, dann steht fest: Noch nie waren die reichen Länder so stark im Soll wie heute. Und die Debatte, wer wie viel beiträgt zur Rettung von Euro und Dollar, zu Schulden- und Energiewende, wird die Hauptstädte beherrschen, bis die Politiker eine Antwort gefunden haben.

Da folgt die Frage »Hat die Linke doch recht?« fast automatisch. Gestellt hat sie ein britischer Konservativer – und seinen Glauben an den Markt widerrufen. Der FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher hat sie jetzt nach Deutschland geholt. Und jeder weiß: Wenn erst die Konservativen zweifeln, geschieht bald etwas. Deswegen ist es wichtig, die Frage nach der Linken zu beantworten. Und zwar mit Nein.

Tatsächlich hat sie nur insoweit recht, wie jeder Mahner vor der Übertreibung recht hat. Es führt natürlich ins Verderben, wenn die Banker alles dürfen und die Bürger nichts davon haben. Und es verdirbt die Demokratie , wenn wie in Amerika die Reichen ihren Anteil am Volkseinkommen mal eben verdoppeln.

Doch vergessen wir nicht, dass Deutschland erst mit der liberalen Agenda 2010 wieder auf die Beine kam und nicht mit linker Umverteilung. Heute konkurrieren die Arbeiter im Westen eben mit einer Milliarde Chinesen, Inder und Brasilianer, die früher nur das Nötigste aus ihrem Feld herausholten und nunmehr als Bauern, Industriearbeiter oder Computerdienstleister am Weltmarkt teilnehmen. Da führt das Beharren auf hohen Löhnen und mehr Wohlfahrtsstaat schnell in die Massenarbeitslosigkeit.

Schaffen einer neuen Balance von Geld und Verantwortung

Wir brauchen die Linke aber auch gar nicht, um zu sehen, dass im Krisenkapitalismus etwas aus den Fugen geraten ist. Der Sinn für das Anständige und der Wunsch nach einer funktionierenden Marktwirtschaft sagen hier dasselbe: Es kann nicht sein, dass die oben zocken und die unten zahlen.

Längst gibt es in Berlin gute Ideen für mehr Fairness. Warum bezahlen Wohlhabende denselben Spitzensteuersatz von 42 Prozent wie Normalverdiener – und warum gibt es nur für die ganz Reichen noch einen Aufschlag? Lassen wir doch den Satz gleichmäßig bis zu dieser Reichensteuer weiter steigen. Ebenfalls kaum zu erklären ist es, dass deutsche Erben im globalen Vergleich so wenig abführen. Die Erbschaftsteuer für große Vermögen sollte steigen. Auch eine Steuer auf alle Geschäfte an den Finanzmärkten ist fällig, belastet sie doch diejenigen, die viel haben und viel handeln. Dann sind auch Mittel da, um den kleinen Mann bei seinen Steuern und Sozialabgaben zu entlasten und die Bildung von armer Leute Kindern zu verbessern.

Die Anpassung kommt. Die Frage ist nur, wer sie vornimmt

Mindestens so wichtig ist es, Verantwortung umzuverteilen. Deutschland trat vor zwei Jahren an, alle Finanzinstitute hart zu regulieren – und ist auf halber Strecke stehen geblieben. Man braucht nicht einmal Geld, um diejenigen, die unseren Wohlstand gefährden, stärker zu regulieren, und diejenigen, die ihn schaffen, von Paragrafen zu befreien. Man braucht nur Willen.

Es gehört zu den politischen Bewegungsgesetzen, dass die Wohlhabenden in der Krise belangt werden. Aber machen wir uns nichts vor: Wenn es heißt, die Reichen würden zur Kasse gebeten, trifft es am Ende auch die Mittelschicht. Das lässt sich überhaupt nur rechtfertigen, wenn der Staat sich selbst auch zur Verantwortung zieht und seine Schuldensucht bekämpft.

Deutschland hat sich immerhin in seiner Verfassung verpflichtet, im nächsten Jahrzehnt so gut wie keine Schulden mehr zu machen. Europa sollte, wie Angela Merkel es diese Woche in Paris forderte, dem Beispiel folgen. Auch die Energiewende ist ein Versuch, mit der Zukunft ins Reine zu kommen.

Aber wer bezahlt? Das Land muss eine neue Balance von Geld und Verantwortung schaffen – am besten bevor die große Umverteilungswelle den Westen heimsucht. Und das wird sie. Die Frage ist, ob wir vorausschauend und wohlstandsfördernd handeln oder uns am Ende mitreißen lassen. Ob ein Schröder die Anpassung vornimmt oder ein Lafontaine.

Oder besser noch Frau Merkel.

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