Wird Deutschland eine eugenische Gesellschaft? Ein Land, in dem Menschen weitreichende biologische Verfügungen über die Verfasstheit ihrer Kinder und Enkel treffen wollen und treffen dürfen?

Kaum hat der Bundestag über die Präimplantationsdiagnostik (PID) befunden , über die Untersuchung von im Labor gezeugten Embryonen vor der Einpflanzung in die Gebärmutter, stehen Politik und Gesellschaft vor einer neuen Herausforderung, hervorgerufen abermals durch den Fortschritt der Genomdiagnostik: Mit einer neuen Technik können die Erbinformationen eines Fötus vollständig entschlüsselt werden, ohne jedes Risiko für Mutter und Kind – eine Blutprobe der Schwangeren genügt . Wollten Eltern bisher ein genetisches Risiko ausschließen, blieb nur die Fruchtwasseruntersuchung, mit begrenzter Aussagekraft und verbunden mit dem Risiko einer Fehlgeburt.

Medizinisch gesehen, ist das neue Verfahren ein bedeutsamer Fortschritt. Aber gefährdet es nicht fundamentale Werte unserer Gesellschaft? Oder entlarvt es sie als Illusion?

Mediziner können Krankheiten von Kindern nun schon in der 10. Schwangerschaftswoche gefahrlos nachweisen. Was bedeutet das für behindertes Leben? © Ed Oudenaarden/AFP/Getty Images

Früher und genauer denn je lassen sich künftig Erbschäden aufspüren. Schwangerschaften können abgebrochen werden, bevor die Mutter überhaupt eine Beziehung zum Kind aufgebaut oder die Umwelt die veränderten Umstände registriert hat. Die Konsequenz im Alltag könnte heißen: Erst mal prüfen, ob alles okay ist – eine Schwangerschaft unter Vorbehalt. Müssen wir den Test stoppen? Können wir das überhaupt?

Wollen wir Eugenik? Die Mehrheit hat schon entschieden: Mit Ja

Zunächst: Eine neue Methode wird nicht automatisch gesellschaftliche Normen verschieben. Das Beispiel Downsyndrom lehrt: Mehr als zehn Prozent der Schwangeren entscheiden sich gegen jede vorgeburtliche Untersuchung, sie akzeptieren und begrüßen vielleicht sogar das Schicksalhafte einer Schwangerschaft. Dieses Recht kann und darf ihnen niemand nehmen. Und ohne Zweifel verdienen solche Eltern Respekt und jede nur denkbare Unterstützung, die sich trotz der Diagnose Downsyndrom für ihr Kind entscheiden. In der Mehrheit zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Wird vor der Geburt ein Downsyndrom festgestellt, entscheiden sich in Deutschland neun von zehn Schwangeren für eine Abtreibung.

Es wird Zeit, sich von einer Lebenslüge dieser Gesellschaft zu verabschieden. Auch wenn vor dem Hintergrund unserer Geschichte schon der Gedanke schmerzt: In der Summe der individuellen Entscheidungen Zehntausender Paare pro Jahr findet eugenisches Handeln längst statt. Nicht im Sinne eines – ebenso irrwitzigen wie aussichtslosen – staatlich verordneten Menschenzuchtprogramms. Wohl aber als Eugenik von unten, bei der werdende Eltern allein für sich die Frage beantworten: Soll dieses, ihr gerade erst gezeugtes Kind leben? Oder soll es besser nicht geboren werden, weil es schwer krank oder behindert wäre?

Die Eltern, die betroffenen Familien – sind sie nicht ohnehin die Einzigen, denen das Recht dieser schweren Gewissensentscheidung zusteht? Von der Last, die Eltern behinderter Kinder tragen, wissen die wenigsten in diesem Land, auch nicht von ihrer Angst: Was wird, wenn wir nicht mehr für unser Kind da sein können? Es gibt Menschen, die dieses Schicksal meistern; von den darüber geborstenen Familien, gescheiterten Ehen, zerbrochenen Leben ist selten die Rede. Haben wir als Gemeinwesen, hat die Politik oder die Kirche das Recht, über diese Menschen zu urteilen – juristisch oder moralisch? Wohl kaum.

Wer anders denkt, möge sich jetzt für Verbote aussprechen. Viel Zeit bleibt nicht. Alle anderen zwingt der biotechnische Fortschritt nun dazu, sich zu dem zweifellos heiklen Bekenntnis durchzuringen: Ja, wir sind eine Gesellschaft, die es toleriert, wenn in ihrer Mitte gegen schwer kranke, behinderte Föten entschieden wird.

Mehr noch, der stürmische Vorwärtsdrang in der Genomanalyse nötigt uns immer wieder neue Regeln für den Umgang mit dem neuen Wissen ab. Bis zum Ende dieses Jahres werden weltweit bereits Zehntausende Menschen ihr Erbgut in allen Einzelheiten kennen. Schon bald werden sich zeugungswillige Paare über die genetischen Erkrankungen informieren können, die sie ihren Kindern womöglich vererben werden. Den Gencode eines Ungeborenen können Eltern dann zusammen mit dem ersten Ultraschallbild überreicht bekommen. Sie werden nicht nur erfreuliche Auskünfte erhalten.

Wenn sich nicht viele Menschen der genetischen Prophetie verweigern werden, stehen im Alltag der Familienplanung gewaltige Umbrüche bevor. Dass sie bislang nur in Fachzirkeln wahrgenommen werden, nicht aber in Politik und Öffentlichkeit, ist gefährlich. Zumindest dann, wenn wir noch steuernd eingreifen wollen. Zu diskutieren gäbe es einiges: die Erkenntnis etwa, dass sowohl das erst kürzlich verabschiedete Gendiagnostikgesetz als auch die nagelneue Regelung der PID in weiten Teilen bereits von der Wirklichkeit überholt zu werden drohen.

Vor allem müssen wir uns darüber verständigen, wie weit die Verfügung über unsere Gendaten und die unserer Kinder gehen darf, wie wir sie nutzen – und wo die Grenze verläuft zwischen Erbkrankheiten und bloßen Eigenschaften, zwischen Schicksals- und Geschmacksfragen. Diese Debatte ist ethisch fundamental, sie ist schwierig und macht Angst. Aber wir müssen uns sehr bald entscheiden. Sonst regieren in fünf Jahren in Labor und Alltag längst die dann geschaffenen Realitäten.

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