FestspieleDas goldene Pflaster von Salzburg

Der Schriftsteller Joachim Lottmann hat hinter dem Prunk der Festspielstadt nach Kultur gesucht. von Joachim Lottmann

"Jedermann"-Schauspieler auf den Salzburger Festspielen 2011

"Jedermann"-Schauspieler auf den Salzburger Festspielen 2011  |  © Michael Herdlein

Jedermann kennt »Jedermann«, den Star der Salzburger Festspiele seit 1920. Die erzkonservative Dichterlegende Hugo von Hofmannsthal hat ihn erfunden, und bisher trotzte er als so ziemlich einzige Bühnenfigur im deutschsprachigen Raum den Verhunzungsbemühungen des modernen Regietheaters. Auch in diesem Jahr glänzte das rührende Mysterienspiel vor historischer Kulisse in mittelalterlicher Tracht und Pracht. Aber nach ungefähr einer Stunde verliert auch hier der Regisseur die Geduld. Er lässt seine Schauspieler ausbrechen. Jedermann, gespielt von Nicholas Ofczarek, stürzt zu Boden, wälzt sich im Todeskampf, stirbt und stirbt und stirbt.

Stundenlang. Er brüllt und stirbt und tut alles, was ungesund ist und den Infarkt beschleunigt. Wie ein moderner Kokser in Berlin-Mitte gibt er sich besinnungslos dem Rausch hin, der never ending party und after party, dem Alkohol, dem Clubleben, der Angeberei, der fragwürdigen Karriere, dem gottlosen Geschwätz. Wie Amy Winehouse steuert er, allen Warnungen der Ärzte zum Trotz, dem frühen Tod entgegen. Ein klarer Fall von Selbstmord also.

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Joachim Lottmann
Joachim Lottmann

Er gilt als exponierter Vertreter der deutschen Popliteraten und war trotzdem lange Jahre ein Geheimtipp: Joachim Lottmann wurde 1956 in Hamburg geboren, studierte Theatergeschichte und Literaturwissenschaft, war Straßenbahnschaffner in Oslo und schrieb für den Spiegel. Sein 1987 erschienener Roman Mai, Juni, Juli wurde 2002 von der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung zu einem der 25 Bücher erklärt, die man gelesen haben muss. Sein neuer Roman, Unter Ärzten, erscheint am 15. September. Unter dem Titel Auf der Borderline nachts um halb eins bloggt er auf taz.de.

Tja! Das war sicher das Letzte, was uns der Dichter sagen wollte. Ihm ging es um die Unvermeidlichkeit und Unvorhersehbarkeit eines – womöglich auch frühen – Todes. Doch nun sehen wir überdeutlich, wie leicht ein Tod dieser Art hätte vermieden werden können. Ganz ohne Gottes Gnade, einfach mit ein bisschen weniger Crack, Hurerei und Networking im Berghain. Das ist der Berliner Club, in dem Jedermann heute seine Facebook-Freunde checken würde.

Aber wir sind ja in Salzburg. In der Red-Bull-Stadt . Alles ist hier Produktwerbung plus höchste Kultur. Der Bahnhof, der seit Ewigkeiten umgebaut wird, und seine Umgebung sehen trotzdem etwas grindig aus.

Durch kilometerlange Holzverschläge gelangt man nach oben – und sieht erst mal wenig von Kultur. Pleitegegangene Schuhgeschäfte, Ein-Euro-Shops, Spielhöllen, chinesische Pizza, türkische Brautmoden, litauische Eisdielen, Billiggoldkettchenläden: Nur die ins Schaufenster gestellten Fotos der Festspiel-Stars, die hier schon einmal vorbeigeschaut haben, und Plakate des Red-Bull-Racing-Teams zeigen an, dass man in Salzburg ist. Ratlose Touristen schieben riesige Rollkoffer hin und her. Wo nur könnte das andere, das Altstadt-Salzburg sein?

Nach einer Viertelstunde dann das erste Hinweisschild: »Zentrum«. Man wandert weiter, an hassenswerten bayerischen Biergärten vorbei, sieht die karierten Tischtücher, die rustikale Ästhetik der Nazizeit, Mosaiksteinböden, von Milben zerfressene Kastanien, Kinder als Serviererinnen. Weiter, weiter. Die Stadt der Fackelzüge, Trachten- und Turnvereine rückt näher, nimmt sozusagen Gestalt an. Auch die Souvenirläden häufen sich. Überall werden deutsche Krippenspiele, Weihnachtsidylle, Nussknacker, Engel, Hirten und einfach alles, was der Ausländer schon immer unter deutscher Romantik missverstanden hat, verkauft. Schließlich die Mozart-Devotionalien-Läden. Hier gibt es keine Finanzkrise mehr, keine Wirtschafts- und Weltkrise, sondern, für alle Zeiten und bis zum Ersticken, Mozartkugeln und die vulgären Briefe des Meisters an seine Cousine, das Bäsle. Und dann, ja dann sieht man es: das Landestheater, den ersten Vorposten der ganz großen Kultur.

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