Die neue Freiheit Ägyptens ist erst wenige Wochen alt , da kommen sie, um ihn gefangen zu nehmen. Um fünf Uhr nachmittags klopfen Soldaten an Maikel Nabil Sanads Wohnungstür in Kairo. Er ist nicht überrascht, er hat sie erwartet. Schon zweimal ist der Blogger und Kriegsdienstverweigerer vom Militär verhaftet worden, aber diesmal ist etwas anders. Die vier Soldaten nehmen ihn nicht einfach mit, in Hausschuhen, wie beim letzten Mal. Der 25-Jährige, den alle nur Maikel nennen, darf sich noch umziehen und ein paar Sachen packen. So bald wird er seine Wohnung nicht wiedersehen, denkt er sich. Dann nehmen sie ihm sein Handy ab, aber seinen Computer, der ihm die Verhaftung eingebracht hat, rühren sie nicht an. Auch seinen Blog werden sie nicht abschalten, sein letzter Eintrag ist vom 25. März, drei Tage vor seiner Verhaftung.

Maikels Laptop steht noch immer auf dem Schreibtisch seiner Wohnung. Sein sieben Jahre jüngerer Bruder Mark übernachtet jetzt manchmal hier, wenn er in der Stadt zu tun hat. Ansonsten lebt er in einem Studentenwohnheim etwas außerhalb. Er ist nach Kairo gekommen, um dem großen Bruder nahe zu sein, die Eltern wohnen 400 Kilometer nilabwärts in Assiut. Maikel sei oft allein zu Hause gewesen, sagt sein Bruder. Er habe die Zeit lesend und bloggend verbracht. Früher hätten die Eltern geglaubt, Maikel werde Mönch werden, weil ihr Kind sich stundenlang mit der Bibel in sein Zimmer zurückgezogen habe. Maikel Nabils Eltern sind koptische Christen. Er selbst bezeichnet sich heute als Atheist.

Auch Maikels Vater ist für zwei Tage zu Besuch in Kairo, die Wohnung wirkt in Maikels Abwesenheit ziemlich belebt. Der Vater und sein jüngerer Sohn schlafen inmitten von Maikels vielen Büchern. Nietzsches Antichrist , Werke von Sigmund Freud. Es sind keine Bücher, die der Vater lesen würde. Der 55-Jährige trägt einen beigen Anzug und Krawatte. Bis vor Kurzem war er Filialleiter bei der Banque Misr in Assiut, der staatlichen ägyptischen Bank. Nachdem sein Sohn im Februar bei den Anti-Mubarak-Protesten vorübergehend verhaftet wurde, hat man ihn zum Schalterbeamten degradiert. Aber dieser Abstieg, die Scham darüber, sagt der Vater, sei nichts gegen das, was die Familie jetzt durchmache.

Ägypten in den Wochen vor Maikels Verhaftung, das war ein Land im Freiheitstaumel . Wovon in den ersten Tagen der Proteste niemand zu träumen gewagt hatte, wurde wahr: Präsident Hosni Mubarak wurde gestürzt ! Maikel Nabil hat jeden Tag demonstriert. "Der Tahrir-Platz war unser Wohnzimmer", sagt seine beste Freundin Sahar El-Issawi, die oft mit ihm unterwegs war. Es gibt ein Foto von Maikel, wie er Ende Januar, kurz nach Beginn der Massenproteste, vor einem Panzer steht. Ein schmaler 25-Jähriger in Trainingsjacke und Jeans, der ein Plakat hochhält. "Wir lassen uns die Revolution nicht von der Armee stehlen", steht darauf. Als habe er die Zukunft vorhergesehen.

Am 12. Februar endet das Mubarak-Regime, Maikel Nabil feiert mit seinen Freunden auf den Straßen Kairos. Aber in seine Freude mischt sich Skepsis, weil die Macht nun tatsächlich in den Händen des Militärs liegt. Nachdem bekannt gegeben wird, dass der 75 Jahre alte General Mohammed Hussein Tantawi, der 20 Jahre lang Mubaraks Verteidigungsminister war, bis zu den Wahlen im Herbst der erste Mann im Staat sein wird, schreibt Maikel am 14. Februar in seinem Blog: "Ich bin ein toter Mann."

Klicken Sie auf die Grafik, um sie zu vergrößern. © ZEIT-Grafik

Maikel Nabil lebt noch. Er sitzt seit viereinhalb Monaten im El-Marg-Gefängnis am Stadtrand von Kairo, nur drei Metrostationen von seiner Wohnung entfernt. Ein Militärgericht hat ihn zu drei Jahren Haft verurteilt wegen Beleidigung des Militärs und der Verbreitung von Falschinformationen. Der Vorwurf bezieht sich unter anderem auf einen Artikel, den Maikel am 8. März auf seinem Blog veröffentlicht hat. Darin beschreibt er das Verhalten des Militärs während der Proteste und nach dem Rücktritt Mubaraks. Anders, als es die Militärführung darstellte, hätten Soldaten sehr wohl versucht, die Proteste gewaltsam zu stoppen. Indem sie Demonstranten verhafteten und zum Teil mit Schlägen und Elektroschocks folterten, indem sie Journalisten einschüchterten und in die Büros von Menschenrechtsorganisationen einbrachen. Maikel Nabil nennt Dutzende Beispiele und zitiert verschiedenste Quellen.

Er war selbst am 4. Februar von Armeeoffizieren festgenommen worden, auf dem Weg zu einer Demonstration. In seinem Blog beschreibt er, wie er mit verbundenen Augen zur Geheimdienstzentrale gebracht worden sei, dort habe man ihn geschlagen und mit Folter und Vergewaltigung bedroht. Als ihm nach zwei Tagen, in denen er kaum geschlafen hat, erneut die Augen verbunden werden und er in den Hof gebracht wird, glaubt Maikel, man werde ihn erschießen. Stattdessen setzt man ihn in ein Taxi mit dem Hinweis, er dürfe nach fünf Minuten die Augenbinde abnehmen. In seinem Artikel schreibt Maikel: "Die Revolution hat den Diktator davongejagt, aber die Diktatur ist nicht beseitigt."

Drei Jahre hinter Gitter für ein paar Kommentare auf einem Blog, für einen 25-Jährigen, der mit Worten gegen den riesigen Militärapparat aufbegehrt, welcher das Land seit dem Sturz des Königs vor fast 60 Jahren fest im Griff hat. Der Fall Maikel Nabil ist ein absurd harter Angriff auf die Meinungsfreiheit – zu einer Zeit, in der das Militär verspricht, die Demokratie einzuführen.

Es ist nicht einfach, Maikel Nabil im Gefängnis zu besuchen. Er darf einmal die Woche Familienangehörige und Freunde empfangen, Ausländer bekommen keine Besuchserlaubnis, schon gar nicht, wenn sie Journalisten sind. Wir machen uns trotzdem auf den Weg, zusammen mit Maikels kleinem Bruder Mark und seiner Freundin Sahar. Die beiden besuchen ihn jede Woche.