Wenn ich heute die Massen sehe, die sich in Hama, in Daraa, in immer mehr syrischen Städten und Dörfern mit bloßer Brust Maschinengewehren und Panzern des verhassten Regimes entgegenstellen, kann ich kaum glauben, dass wir vor nur fünf Monaten mit einer Handvoll Leuten mit heimlichen Versammlungen in kleinen Hinterzimmern angefangen haben. Bei der ersten Probe-Demonstration, die ich im März in Ain Arab, meinem Heimatdorf in Nordsyrien, organisiert habe, waren wir 50. Wir marschierten anderthalb Kilometer weit, vom Hauptplatz zum Postamt. Wir dachten, der Funke würde auf andere überspringen, aber keiner schloss sich an. Da wusste ich, die Menschen haben immer noch große Angst, auch wenn in Daraa im Süden bereits eine ganze Stadt auf die Barrikaden gegangen war.

Fünf von uns wurden verhaftet und von der Polizei verprügelt. Danach haben wir uns erst mal ein paar Tage lang nicht rausgetraut. Aber mir war klar: Wir müssen weitermachen. Tatsächlich riefen mich immer mehr Leute an, die von unserer Mini-Demo gehört hatten und beim nächsten Mal mitmachen wollten, Freunde, Freunde von Freunden, jeder erzählte es mindestens fünf Leuten weiter, und so fing alles an.

Dann kam der Tag, an dem wir uns wieder auf die Straße wagten. Diesmal waren wir 3000. Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, wir sitzen alle gemeinsam in einem Zug, der sich nicht bremsen lässt, bis er in der Freiheit angekommen ist.

Mein Vater war wenig begeistert von meinem revolutionären Eifer. Dabei ist er selbst Politiker, seit mehr als 40 Jahren führendes Mitglied in einer der kurdischen Oppositionsparteien. Von klein auf habe ich zu Hause die geheimen Treffen miterlebt, wie kann er sich jetzt wundern, dass ich meinen eigenen politischen Weg gehen will? Trotzdem ist es mir sehr schwer gefallen, ihm zu widersprechen, als er mir nahelegte, aufzuhören mit den Demonstrationen. In unserer Kultur ist der Vater wie ein zweiter Gott, er steht über der ganzen Familie, ihm nicht zu gehorchen wäre für mich unter anderen Umständen undenkbar gewesen. Aber jetzt ging es nicht nur um mich. Ich hatte all die anderen inspiriert mitzumachen, da konnte ich nicht einfach aussteigen. Es war hart, ich bekam kein Geld mehr von meinem Vater und musste sehen, wie ich über die Runden kam. Zum Glück halfen mir meine Freunde.

Nach jeder Demonstration wurden wir mehr. Und ich wurde immer bekannter, denn ich habe im Fernsehen von den Protesten berichtet: auf Al-Arabiya und BBC. Das blieb dem Geheimdienst nicht verborgen. Inzwischen schlief ich meistens nicht mehr zu Hause, sondern mal hier, mal dort.

Aber sie kamen zu meinem Vater, immer wieder, und fragten nach mir. Manchmal nahmen sie ihn mit zum Verhör, sie behielten ihn sogar ein paar Tage lang in Gewahrsam. Die wissen genau, wie sie einen unter Druck setzen können, wie sie innerhalb einer Familie die Leute gegeneinander ausspielen können. Aber mein Vater hielt, obwohl er mit meinem Tun nicht einverstanden war, zu mir. Er wisse nichts, sagte er immer wieder, und am Ende ließen sie ihn jedes Mal gehen. Vermutlich hat auch seine Position in der kurdischen Partei ihn geschützt – mit der wollte sich das Regime nun nicht auch noch anlegen.

Aber mein Spielraum wurde enger, ich spürte förmlich, wie sie mir auf den Fersen waren. Eines Tages war ich gerade kurz bei uns zu Hause, als mein Vater anrief: »Wo bist du?« – »Zu Hause«, sagte ich. »Du musst sofort verschwinden«, sagte er. »Sie waren gerade bei mir im Geschäft, sie suchen nach dir, sie können jeden Augenblick bei uns vor der Tür stehen. Pack deine Sachen, und fahr zu deinem Cousin nach Aleppo