Buchläden Zum Nachtisch bitte ein Buch!

In Berlin gedeiht eine bunte Szene fliegender Buchhändler und Antiquariate – mit wachsendem Umsatz.

An einem lauen Spätsommerabend ist der Gendarmenmarkt in Berlin-Mitte ein wahres Theater. Gaukler und Künstler zeigen, was sie können, ein Zeitungsverkäufer singt die Themen des kommenden Tages. Und dort, ganz am Rand, erscheint eine Frau, Karla Gilhofer. Sie steuert ein Restaurant an, unter dem Arm trägt sie Bücher, sie bietet sie den Gästen an, die im Freien sitzen.

In Berlin gedeiht eine bunte Szene fliegender Buchhändler, alternativer Bücherläden und Antiquariate. Offenbar sind den Kunden die Art des Verkaufs und das Angebot der großen Ketten zu steril und abwechslungslos. »Kleinere Unternehmen kommen häufig mit interessanten Konzepten auf den Markt«, sagt Johanna Hahn, Geschäftsführerin des Landesverbandes Berlin-Brandenburg des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. »Die Stadt ist, sowohl was die Dichte als auch was die Spezialisierung betrifft, reich gesegnet.«

Anzeige

Die Kleinen der Branche sind allerdings sehr zurückhaltend. Karla Gilhofer etwa heißt nicht Karla Gilhofer, ihren richtigen Namen und ihr Foto will sie nicht in der Zeitung sehen.

Sie scheint die Gäste nicht zu stören, was eigentlich noch erstaunlicher ist als die Idee, Bücher ausgerechnet in Restaurants zu verkaufen. Ein älteres Ehepaar erlebt Gilhofer an diesem Abend zum ersten Mal, beide sind – an ihrem Restauranttisch sitzend – erst einmal zurückhaltend. »Ich bin eigentlich kein Büchernarr«, sagt er, pensionierter Chemiker. Dann unterhält man sich aber doch ein bisschen; wofür sie sich interessieren, was passen könnte. Die Antiquarin holt einen weiteren Stapel aus ihrem Auto, das sie in der Nähe geparkt hat, schaut die Bücher durch, »es ist immer das letzte«, murmelt sie. Endlich findet sie, was sie gesucht hat, und die Frau des Nicht-Büchernarren kauft eine Reihe von Büchern über Kunst ein, eines davon für eine Freundin, mit der sie oft in Ausstellungen geht. Manche Gäste kennen Gilhofer und besuchen das Restaurant extra ihretwegen, etwa ein Verleger aus Süddeutschland. »Ich habe sie schon mindestens drei, vier Mal hier abgefangen«, sagt er. Er hat zum Beispiel Gelber Wind oder Der Aufstand der Boxer von Gerhard Seyfried erstanden: »Der Großvater meiner Frau war beim Boxeraufstand dabei, wir haben noch Möbel, die daher rühren.«

Wer auf diese Art und Weise Bücher verkaufen will, braucht Menschenkenntnis und Erfahrung. Gilhofer ist 60 Jahre alt, war vorher in einer Anwaltskanzlei und ist nun seit über 25 Jahren »fliegende Buchhändlerin«, in unterschiedlichen Vierteln.

Den Gästen des Restaurants gefällt es. »Originell«, sagt der pensionierte Chemiker, und seine Frau fügt hinzu: »Ein schöner Abschluss.« Die Szene wächst nicht nur in Mitte. »Wir als Verband stellen in den letzten Jahren eine Entwicklung fest«, sagt Johanna Hahn. In Neukölln entstünden immer mehr Buchhandlungen, »nicht in Scharen, aber die rutschen von Kreuzberg nach Neukölln«, vor allem kleine Unternehmen mit ein, zwei Leuten.

Die Riesen der Buchbranche dagegen klagen. Nicht zu Unrecht. Zwar wächst der Umsatz in absoluten Zahlen, aber das ist auch fast die einzige gute Nachricht. Die großen Ketten haben Probleme: Borders, das zweitgrößte Buchhandelsunternehmen der USA, ist insolvent; Barnes & Noble suchte schon vor einem Jahr einen Käufer; nun soll Deutschlands größte Hugendubel-Filiale in Berlin verkleinert oder gar geschlossen werden. Auch deshalb, weil Bücher zunehmend über das Internet bestellt werden.

Leser-Kommentare
  1. Bücher - sie erhalten uns unsere Geschichte und bieten alle Möglichkeiten.

    Was wäre die Welt ohne Buchstaben, selbst hier das Internet lebt von den Informationen aus den Büchern und es ist doch auch ein Zeichen der Zeit, das jetzt die großen Buchlädenketten und auch die kleinen spezialisierten Buchhändler hier neue Wege suchen, den Menschen Bücher auch im Zeitalter von Apps, Tablet, Internet und co näher zu bringen. Vielleicht eine einfache Frage aber immer noch gültig: Wann habt ihr zuletzt ein gutes Buch gelesen und wo??

    (PS: in meiner Heimatstadt in Bayern gibt es auch einen Kaffeeladen, der zum Buchlesen einlädt und mann kann genüsslich dieses lesen und dabei ausgefallene Sorten an Kaffee und Kakao trinken).

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service