DIE ZEIT: Herr Binswanger, laut Ihren Forschungen macht Reichtum nicht glücklich. Steht der Schweiz, die angesichts der Frankenstärke um ihr Wirtschaftswachstum fürchtet, nun das große Glück bevor?

Mathias Binswanger: Wenn dem so wäre, müssten in der Schweiz schon lange alle glücklich und zufrieden sein, denn wir fürchten ja ständig um unseren Wohlstand – wenn auch immer wieder aus anderen Gründen. Wir sind eines der reichsten Länder der Welt. Aber alle Untersuchungen zeigen, dass in reichen Ländern die Menschen mit steigendem Wohlstand im Durchschnitt nicht zufriedener werden.

ZEIT: Und wenn das Einkommen des Einzelnen sinkt, ist er dann zufriedener?

Binswanger: Im Gegenteil. Sinkt das Einkommen des Einzelnen, empfindet er dies als Statusverlust und wird kurzfristig unzufriedener. Längerfristig ist das Glück aber nur sehr beschränkt vom Einkommen abhängig. Glücklich ist tendenziell, wer ein erfülltes Sozialleben hat, gern zur Arbeit geht und nicht zu viel Stress hat.

ZEIT: Zahlt die Schweiz jetzt den Preis für ihren Wohlstand?

Binswanger: Den bezahlen wir schon seit Längerem. Mit dem hohen Wohlstand gerät das Sozialleben immer mehr unter die Räder. Wir vereinsamen häufiger, was viele Menschen vor allem im Alter schmerzlich erfahren müssen.

ZEIT: Sind wir also zu reich?

Binswanger: Ja und nein. Wir können uns etwa ein sehr aufwändiges Gesundheitssystem leisten, das trägt zur Lebensqualität bei. Wir können uns aber auch einen Perfektionsgrad leisten, eine Regelungs- und Gesetzesdichte, die unseren Alltag zunehmend unattraktiv macht.

ZEIT: Macht uns der Reichtum unfrei?

Binswanger: Er macht uns jedenfalls nicht dynamischer. Der Schweizer ist heute vor allem damit beschäftigt, seinen materiellen Wohlstand zu bewahren. Es geht nicht mehr darum, etwas Großes zu erreichen. Man hat kein ideelles Ziel mehr. Die Angst, es könnte irgendwann abwärts gehen, ist stärker geworden.

ZEIT: Führt das auch zu einer Risikoscheu?

Binswanger: Ja. Die Schweiz gebärdet sich, was Investitionen anbelangt, wie ein Entwicklungsland. Wir sind dankbar, dass ein reicher Ägypter in Andermatt Geld investiert . Und die Gemeinden zeigen sich untertänigst ergeben, wenn ein reicher ausländischer Steuerzahler kommt. Wir haben zwar Geld, scheuen aber das Risiko, es im eigenen Land zu investieren. Das sollen bitteschön Ausländer tun. Auf der anderen Seite war aber bei den Großbanken massenhaft Geld für Investitionen in verbriefte Hypothekarkredite aus den USA vorhanden, welche sich nachher als Schrott herausstellten. Kaum winken hohe Renditen auf den Finanzmärkten, gerät die Risikoscheu plötzlich in Vergessenheit.

ZEIT: Die Schweizer sind also eher ängstlich und zurückhaltend?

Binswanger: Ja, das hat aber auch gute Seiten. Deshalb haben wir ein paar Dummheiten nicht begangen, etwa im Bildungs- oder Gesundheitswesen, wo man im Ausland teilweise unsinnige Reformen durchgeführt hat. Das sehen wir etwa bei den Fallpauschalen im Gesundheitswesen, die nächstes Jahr bei uns ebenfalls eingeführt werden. Allerdings besteht hier eine merkwürdige Schizophrenie. Einerseits sind wir stolz, manchmal fast schon überheblich, wir denken, wir machen alles besser als das Ausland. Andererseits aber haben wir Angst, uns nicht rechtzeitig anzupassen, und geben dabei genau die Dinge auf, auf die wir eigentlich stolz sind. Generell haben wir in der Schweiz aber einen sehr guten Branchenmix in der Wirtschaft. Wir haben einerseits Firmen, die sich erfolgreich am Weltmarkt orientieren. Diese sorgen fürs Wachstum. Und wir haben andererseits eine stark binnenorientierte Wirtschaft, wozu auch vom Staat angebotene Dienstleistungen vor allem im Gesundheits- und Bildungswesen gehören. Diese schafft viele Stellen und sorgt für die Vollbeschäftigung. Aber viele Ökonomen haben die Tendenz, die »produktive« Exportindustrie zum alleinigen Maßstab zu machen und die »wenig produktive« Binnenwirtschaft als Auslaufmodell zu betrachten. Ein fataler Irrtum.

ZEIT: Ich merke, Sie finden diese Diskussion um die Frankenstärke ein wenig absurd.

Binswanger: Allerdings. Wir produzieren immer weniger und importieren immer mehr Halbfabrikate. Deshalb profitieren wir bei der Frankenstärkte auch zunehmend von den billigen Einkaufspreisen. Das beste Beispiel ist Nespresso. Man kauft das fertige Produkt, den Kaffee, im Ausland ein und füllt ihn hier nur noch in Kapseln ab. Das wird dann als qualitativ hochstehendes Schweizer Produkt exportiert. Hier wirkt sich der hohe Franken viel weniger negativ aus als bei einem vollständig in der Schweiz produzierten Gut.