Schweiz Der Preis des Wohlstands
Wir Schweizer sind so reich, dass wir uns Dinge leisten können, die wir uns im Interesse des Landes lieber ersparen sollten.
Und wieder zitterte das Land. Die Angst äußerte sich in drei Fragen: Wie hoch noch? Wie lange noch? Und was können wir dagegen tun? In den vergangenen drei Wochen hatte die Schweiz ein einziges verbindendes Thema – ihren Franken. Die alte Währung erwies sich wieder einmal als Kraftprotz, als starker Freund, bei dem Menschen in miesen Zeiten aus der ganzen Welt nach etwas Sicherheit suchen. Den Schweizern aber, für die der Franken ein alltägliches Zahlungsmittel ist, war diese Form der Anerkennung gar nicht recht. Industriechefs, Hoteliers, Politiker und auch die Nationalbanker malten von Tag zu Tag schwärzere Bilder an die Wand. Das Land wird zu teuer, so die Befürchtung, und deshalb könnte es seine Konkurrenzfähigkeit verlieren und bald ärmer werden. In London überschrieb die Financial Times einen Artikel dazu mit der Einsicht: Die besten Wochen, die schlechtesten Wochen für die Schweiz.
Gute Zeiten, schlechte Zeiten. Die internationale Schuldenkrise bringt eine unangenehme Wahrheit ans Licht: Der Schweizer Reichtum hat auch seinen Preis. Wer viel hat, dem kann viel genommen werden.
Natürlich kann man einwenden, es seien eigentliche Luxusprobleme, die den Schweizern den Angstschweiß auf die Stirn treiben. So wurde etwa die Debatte um den Raketenflug des Frankens in den vergangenen Tagen mehr und mehr verdrängt durch den Unmut darüber, dass ausländische Anbieter und heimische Importeure ihre Währungsgewinne nicht weitergeben und von den Schweizern übertriebene Preise für Hautcremes, Hundefutter, Langkornreis und deutsche Luxusautomobile fordern. »Eure Sorgen möchten wir haben!« ist denn auch ein Satz, den man oft aus dem Mund von Ausländern hört.
Das hilft den Schweizern aber nicht weiter. Sie haben Ängste, und die sind real. Laut dem jüngsten Sorgenbarometer der SRG und des GfS-Forschungsinstituts, vergangene Woche veröffentlicht, bildet die Zuwanderung für die Bevölkerung das dringlichste Problem, gefolgt von Umweltbedrohungen, wirtschaftlichen Unsicherheiten, Krankenkassenkosten und der Sorge um die Finanzierung des Sozialstaats. Das sind ernst zu nehmende Aufgabenbereiche und Themenfelder – Plagen sind es gleichwohl nicht. Gerade der politisch so umkämpfte Bereich der Migration ist von außen betrachtet ein Wohlstandsproblem. Die Attraktivität der Schweiz ergibt sich aus der überaus niedrigen Arbeitslosigkeit, den hohen Löhnen, einer unerschütterlichen Wirtschaft und aus Berufschancen, von denen man bereits in den Nachbarländern kaum zu träumen wagt. Dass die Zuwanderung von deutschen Bauhandwerkern, britischen Forschern oder portugiesischen Hotelangestellten zum Politthema Nummer eins aufsteigen kann, verweist wohl am besten aufs hohe Lebenshaltungsniveau, auf dem in der Schweiz geklagt werden darf.
Wir wollen von allem immer mehr: Mehr Platz, mehr Mobilität
Zu den Verlustängsten, die anderen irreal vorkommen mögen, kommt der tatsächliche Preis des Reichtums. Über diesen wird selten gesprochen, aber er ist real. Das sind die wahren Luxusprobleme. Wir können uns Dinge leisten, die wir uns im Interesse des Landes lieber ersparen würden. Inzwischen wohnt der Schweizer im Durchschnitt auf 45 Quadratmetern, im Jahr 1980 waren es noch 34 gewesen; zugleich sank die Anzahl Personen pro Haushalt, in 1,3 Millionen der 3,4 Millionen Schweizer Wohnungen lebt lediglich ein Mensch. Deshalb fährt man von St. Margrethen bis Genf durch einen einzigen Siedlungsbrei, entstanden ist im Laufe der zügellosen Jahre eine Art Los Angeles ohne Gangs und Megastaus, dafür mit viel mehr Regen.
Aber auch wenn die Schweizer viel mehr Platz haben, sie sind oft trotzdem nicht zufrieden mit dem, was sie haben. Die Hälfte der Schweizer lebt nicht in ihrer Wunschwohnung, wie Befragungen der ETH Zürich ergaben. Denn die Immobilienbranche muss sich nur beschränkt um die Bedürfnisse der Bewohner scheren: Im engen, aber wohlhabenden Land ist schnell einfaches Geld verdient, indem man Häuser und Wohnungen nach kostengünstigem Schema F baut. Die Nachfrage nach neu gebautem Wohnraum ist derart hoch, dass der Kunde nicht mehr König sein muss.
Hohe Preise plus schlechter Service: Die Kombination ist jedem geläufig in der Schweiz, auch aus vielen anderen Bereichen – der Niederschlag eines Wohlstands, in dem manch ein Dienstleistungsbetrieb selbst mit dürftigem Einsatz überleben kann. Es sind eben nicht nur die Währungsgewinnler aus dem Euro-Land, die hier ein leichtes Spiel haben: Vom Mobilfunk-Abo über die Kopfschmerztablette bis zum Laptop, für das meiste kann man in der Schweiz ein bisschen mehr verlangen, ohne mehr zu bieten. In ihrem Wohlstand sind die hiesigen Kunden »wenig preissensitiv«, wie es im Marketing-Jargon heißt. Kurz: Sie lassen sich allerhand bieten.
Auch können wir uns einen wahren Mobilitätswahn leisten. Niemand legt mehr Kilometer auf den Schienen zurück als die Schweizer. 2.258 Kilometer weit fuhr 2010 jeder Einzelne von ihnen – und das in einem der kleinsten Länder der Welt. Auch unser Aktionsradius wird immer größer: Mitte der achtziger Jahre betrug er nur knapp 30 Kilometer, heute sind es fast 40. Zudem sind wir jeden Tag immer länger unterwegs: Damals eine gute Stunde, heute pendeln wir über anderthalb Stunden lang.
Wer nun denkt, die Schweizer arbeiteten immer härter und müssten deshalb mehr reisen, der irrt. Nur gut 20 Prozent des Verkehrs dient dem Beruf – gleich viel wie vor 25 Jahren. 80 Prozent des Verkehrs entsteht in unserer Freizeit. Man gönnt sich ja sonst nichts.
- Datum 22.08.2011 - 11:59 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.8.2011 Nr. 34
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sollte doch lauten, welche Ziele haben wir als Gesellschaft und welche Versicherung / Vorsorge ist für unsere Gesellschaft notwendig.
Wir versichern unsere Häuser, Autos und Yachten - investieren aber keinen Cent in die wirkliche Vorsorge: Katastrophenschutz, Schutz vor Meteoriten, Klimaveränderungen, Hungersnöte oder Energieimporte.
Auch die Schweiz hat kein langfristiges Energiekonzept - anstatt neue, bessere Kraftwerke zu bauen oder zu erforschen, betreibt man lieber die alten Kernkraftwerke bis sie auseinanderfallen.
Sicherlich sollten wir uns auch bei den Immobilien fragen, wieso wird soviel Schrott gebaut. Aber vielmehr sollte sich die Gesellschaft einmal die notwendige Frage erlauben: wohin wollen wir uns als menschiche Schicksalsgemeinschaft bewegen? sehen wir unsere Zukunft in der "Finanzbranche" - und wie bringt uns diese "Branche" neuen Wohlstand, Essen auf den Tisch und umweltfreundlichen Sprit in den Tank?
Nicht die größe des Wohnraums, oder die Mobilität ist das Problem - sondern wie wir diesen Wohlstand organisieren.
[...] Eigentlich wollte ich detailliert auf den Bericht eingehen, aber das würde die Kommentarfunktion sprengen. Deshalb nur ein paar Hinweise: der Wohlstand in der Schweiz kommt auch daher, weil mehr gearbeitet wird als in Deutschland. Die Wochenarbeitszeit beträgt je nach Beruf 40 bis 50 Stunden. Beim Urlaub ist man mit 20 bis 25 Tagen im Jahr zufrieden. Urlaubsgeld kennt man nicht. Die Lohnnebenkosten sind zudem niedriger. Undsoweiter.
Aber interessanter scheinen mir die tendenziösen Thesen: warum man nicht mehr Taxi fahren kann, wenn man ein Kind hat – komplette Phantasie. Dass man für den Führerschein Wiederholungskurse machen muss – völlig falsch (ich fahre seit 1971 Auto und habe noch nie einen Wiederholungskurs absolviert, bzw. absolvieren müssen). Dass es 140.000 verschiedene Bauvorschriften geben sollen – Blödsinn. Dass eine Bewilligung notwendig ist, um in der Öffentlichkeit zu singen – frei erfunden. Eine solche brauchen nur die Straßenmusikanten, die aber kaum ihrer Lebensfreude Ausdruck verleihen wollen, sondern Geld verdienen. Undsoweiter (schon wieder). Aber lassen wir's. Es wird Herrn Teuwsend kaum dazu bewegen, einen Hauch Objektivität in seine Schreibe einzubringen. Nun, was kratzt es die Eiche...
Gekürzt. Wir würden uns über sachlich formulierte Kritik von Ihnen freuen. Danke. Die Redaktion/er
...über sachlich formulierte Berichte freuen. Nebenbei: wer austeilt, sollte auch einstecken können. Danke.
...über sachlich formulierte Berichte freuen. Nebenbei: wer austeilt, sollte auch einstecken können. Danke.
"6.000 Franken bezahlt durchschnittlich jeder Schweizer jährlich an Versicherungsprämien." Ich wette da ist die Krankenversicherung mit reingerechnet, die dort privat organisiert ist. Ich bezahl als selbstständiger ca 8000€ GKV
...über sachlich formulierte Berichte freuen. Nebenbei: wer austeilt, sollte auch einstecken können. Danke.
... ich empfinde den Artikel ebenfalls als sehr polemisch und wenig sachlich. Ich lebe als Deutsche in der Schweiz und kann Ihren Blick nicht teilen. Ja, die Schweiz ist ein reiches Land. Aber es besteht nicht nur aus lauter Millionären. Ich verstehe ausserdem nicht, warum ein "ordinary Life" kritikwürdig sein soll. Was haben Sie denn erwartet? Ausserdem, wenn immerhin die Hälfte der in der Schweiz lebenden Frauen arbeitet - das ist doch sehr gut! Die Kinderbetreuung ist allerdings ein nicht zu unterschätzendes Thema: In den Kindergarten können die Kinder frühestens mit 4 Jahren. Elternzeit mit Rückkehrrecht auf den Arbeitsplatz kennt man hier nicht. Betreuungsangebote müssen - wenn sie denn vorhanden sind- selbst finanziert werden und das wird teuer. Nicht jede Famile kann sich das leisten. Sie stellen es so da, als ob die Arbeit der Frauen eine Art Luxusbeschäftigung ist - eine Frechheit!
Und ja: das Teilzeitangebot und flexible Arbeitszeit gibt es in der Schweiz - und hier ist die Schweiz weiter: Auch Männer arbeiten reduziert, z.T. damit Frauen ebenfalls beruftätig sein können.
Ich erlebe hier überhaupt keine Panikstimmung, wie Ihr Artikel das suggeriert. Die Schweizer gehen mit der Wirtschaftskrise weit pragmatischer um.
Ich frage mich, ob Sie Ihren Artikel auch so in einem schweizer Medium veröffentlichen würden. Kritik würde es bei so viel undiffernzierter Betrachtungsweise sicher hageln. Und auch die müssten Sie dann einstecken.
Ich lebe als Deutscher seit sieben Monaten in der Schweiz, seit 6 Wochen mit meiner Familie. Die Wirtschaft ist stabil und damit auch mein Arbeitsplatz. Die Schulen sind gut und die Lehrer freundlich. Die Natur ist schön. Die Steuern sind niedrig. Die vielen Regeln sind wirklich sehr gewöhnungsbedürftig, aber dafür klappt auch alles: Die Bahnen sind pünktlich, die Bürokratie funktioniert.
Die hohen Versicherungsprämien erklären sich vor allem auch daher, dass man seine Krankenversicherung hier (sehr teuer) privat abschliessen muss. Und die Preise sind nicht so schlimm, wenn man ein Schweizer Gehalt hat (etwa 30 % über einem deutschen Gehalt)
Insgesamt ist es hier sehr gut auszuhalten und meine Kinder sehen das auch so. Man fragt sich ein bisschen, was der Artikel soll.
Tolles Titelbild, aber leider bring der Artikel dies nicht rüber. Ein solcher Rundumschlag ohne Tiefgang ist der ZEIT nicht würdig, sondern eher einem einfachen Sonntagsblatt, oder anders gesagt, es kommt dem Stil der Weltwoche nahe. Nach einigen Artikeln von Peer Teuwsen muss ich mir ernsthaft überlegen, wie ich in der Schweiz an die deutsche Ausgabe der ZEIT komme ...
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