Chelsea HotelEnde einer Zuflucht

Künstler und Lebenskünstler fanden im Chelsea eine Bleibe. Jetzt wurde das legendäre New Yorker Hotel geschlossen. von Karin Ceballos Betancur

Mehr als 50 Jahre lang war das Chelsea Hotel ein Zuhause für aufstrebende und etablierte Künstler.

Mehr als 50 Jahre lang war das Chelsea Hotel ein Zuhause für aufstrebende und etablierte Künstler.  |  © Emmanuel Dunand/AFP/Getty Images

Timur weiß nichts von einer Abschiedsparty am letzten Abend. Punkmädchen, die irgendwo im Haus, auf irgendeinem der zwölf Stockwerke, mit Piercings im Gesicht und E-Gitarren im Arm über die Betten springen, gab es im Chelsea immer. Auf dem Dienstplan habe er im Juli gesehen, dass ab August keine Nachtschichten mehr für ihn vorgesehen waren, auch keine Tagesdienste für die Kollegen an der Rezeption. Auf diese Weise, sagt Timur, habe er erfahren, dass das Chelsea, New Yorks Hotellegende und sein Arbeitgeber während der vergangenen 22 Jahre, den Betrieb einstellt. Das Haus soll renoviert werden. Die Zukunft ist ungewiss. Zimmerreservierungen wurden storniert. Die rund hundert Langzeitmieter dürfen vorerst bleiben. Timurs letzter Gehaltsscheck trägt den Namen der neuen Eigentümer.

»Sie nennen sich Chelsea Dynasty«, sagt Timur Cimkentli, der Nachtportier, am Telefon. »I know, bullshit, right?«

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Wir hatten uns im Juni kennengelernt. Ich hatte für eine Woche ein Zimmer im Chelsea Hotel gemietet, untere Kategorie, 173 Dollar pro Nacht plus Steuern – nicht schlecht für ein Studio ohne eigenes Bad. Aber im Chelsea an der West 23rd Street, Manhattan, zahlten Gäste nicht nur für ihr Zimmer, sondern vor allem für seine früheren Bewohner, von denen viele die Miete schuldig geblieben sind. Für eine Nacht mit prominenten Geistern.

1883 wurde das acht Ladenfronten breite Gebäude mit der dunkelroten Fassade und den schwarzen, schmiedeeisernen Balkonen als Wohnhaus für gut situierte Familien im New Yorker Stadtteil Chelsea gebaut. 1905 wurde es zum Hotel umfunktioniert und 1946 von drei Geschäftspartnern ungarischer Herkunft übernommen: David Bard, Joseph Gross und Julius Krauss. Jahrzehntelang blieb das Haus im Besitz ihrer drei Familien, bis vor wenigen Wochen.

»Das Schöne am Chelsea war«, sagt Timur am Telefon, »dass es die Menschen einfach sein ließ, egal, wie schräg sie drauf waren. Solange sie anderen nichts zuleide taten.«

Stanley Bard, der die Leitung 1957 von seinem Vater übernahm, hatte ein großes Herz für Künstler und Gestrandete. Seine Gäste ließ er mit Geld oder Bildern bezahlen oder mit Versprechungen auf ausstehende Honorare. Rechnungen, die offen geblieben sind, hat die Geschichte mit Ruhm beglichen: Die Namen der Gäste, denen Bard über die Jahre Unterschlupf gewährte, füllen heute Bücherregale und Plattenkisten, DVD-Sammlungen und Kunstkataloge.

Arthur Miller lebte nach seiner Trennung von Marilyn Monroe sechs Jahre lang in Zimmer 711, Jack Kerouac soll hier in nur drei Tagen den Roman On The Road geschrieben haben, Arthur C. Clarke das Drehbuch zu 2001 – A Space Odyssey und William Burroughs Naked Lunch. Bob Dylan verfasste den Song Sad Eyed Lady Of The Lowlands in Zimmer 211. Leonard Cohen sang in Chelsea Hotel No.2 über einen Blowjob auf seinem ungemachten Bett.

65 Jahre lang wurde im Chelsea Hotel gemalt, geschrieben und komponiert, gefeiert und geheult, gevögelt, gekokst und gesoffen. Einige bezahlten den Exzess mit ihrem Leben. »Das muss ein Rekord sein«, verkündete der Dichter Dylan Thomas, als er im November 1953 nach 18 Whiskeys in der White Horse Tavern die Rezeption erreichte. Dann brach er zusammen und starb wenige Tage später im Krankenhaus. In Zimmer 100 fand der Nachtportier am Morgen des 12. Oktober 1978 die Leiche von Sid Vicious’ Freundin Nancy Spungen im Badezimmer. Ob der Bassist der Sex Pistols sie selbst im Rausch erstochen hatte, wurde nie geklärt. Er starb kurz darauf an einer Überdosis Heroin. Die schmiedeeisernen Sonnenblumen im schwarzen Geländer des Treppenhauses waren das Letzte, was die ungezählten Selbstmörder sahen, die sich im Hotel zwölf Stockwerke tief in den Tod stürzten.

Leserkommentare
    • 3cpo
    • 19. August 2011 12:11 Uhr

    Ich habe vor 12 Jahren eine Nacht dort verbracht. Es war schon etwas Besonderes. Die Bude ist toll und man hat eben das Feeling, dass hier große Menschen, Großes vollbracht haben. Gedichte, Songs, Bücher, Bilder... Sex, Drugs & Rockn Roll. Es macht mich wirklich traurig, diesen Artikel lesen zu müssen.

    cu

  1. Mehr von dem, was das Chelsea ausgemacht hat und auch dem, was hinter der Veränderung stehen mag, kann man übrigens in dem sehr schönen, die Atmosphäre und Geschichte dieses so einzigartigen Hotels einfangenden "Chelsea adé" (von 207) lesen. Und dort steht:

    "Manche fürchten, man könne die Zukunft des Chelsea im Hotel Chambers nahe der Fifth Avenue und im Mercer in SoHo besichtigen, die auch vom neuen Manager BD Hotels geführt werden: Es sind von Innenarchitekten durchgestylte Luxushotels."

    Wenn es nur das wäre! Aber mit dem Chelsea, wie es war, stirbt eine Legende, eine Kultstätte!

  2. ist die Art, wie jemand wie Stanley Bard dieses Hotel geführt hat, mit Feingefühl und Menschlichkeit (und nicht auf maximale Rendite schielend). Wenn diese Orte, und auch die dazugehörigen Menschen, der Welt verloren gehen, was bleibt dann noch??

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