Schönheit bewegt die Massen. Ins Hinterhältige gewendet heißt dieser Satz: Die Oberfläche bewegt die Menschen, nicht der Inhalt. Das aber zu behaupten wäre ganz und gar ungerecht, wenn von der chilenischen Studentenführerin Camila Vallejo die Rede ist. Sie nämlich sieht nicht nur aus, wie jeder Revolutionsmaler sich eine Heroine auf den Barrikaden vorstellt, sondern sie spricht wie eine geborene politische Führerin, selbstbewusst, klug, eloquent. »Der Präsident hat heute einen schweren Fehler gemacht!«, sagte sie im Juli, als Chiles Staatschef Sebastián Piñera den seit Wochen demonstrierenden Studenten Vorschläge zur Bildungsreform vorgelegt hatte. Es klang, als hätte die junge Frau einen Bittsteller abgewiesen, nicht den Präsidenten des Landes, der noch dazu einer der reichsten Männer Lateinamerikas ist. Camila Vallejo hat Charisma, daran besteht kein Zweifel. 150.000 Menschen gingen zuletzt auf die Straße , um dem Präsidenten eine Reform des Bildungssystems abzuringen. Im Zentrum des Protestes steht diese 23-jährige Frau, Tochter kommunistischer Eltern, Mitglied einer kommunistischen Studentenorganisation und 2010 mit knapper Mehrheit gewählte Präsidentin des chilenischen Studentenverbandes. So viel Macht für eine junge Kommunistin, das ist erklärungsbedürftig.

Wie jede Macht ist auch die von Camila Vallejo nur geliehen. Ihr wird sie von den Medien geradezu aufgezwungen. Wann immer sie spricht, erhebt sich ein Wald aus Mikrofonen und Kameras. Die Medien inszenieren Camila und können dabei auf einen reichen Fundus im kollektiven Gedächtnis des Volkes zurückgreifen – die Figur der pasionaria (»die Leidenschaftliche«) ist ein fester Bestandteil jeder Revolutionsromantik, egal ob in Lateinamerika oder in Europa. Konterrevolutionäre nennen solche Frauen Flintenweiber, todbringende, rasende Wesen.

Zur Symbolik kommt der Inhalt des Protestes, der das Alltagsleben vieler Menschen berührt. Camila Vallejo und ihre Kommilitonen haben in der Tat eine Sache zu vertreten: Sie wehren sich gegen ein ungerechtes Bildungssystem, das nicht nur den Angehörigen armer Schichten keine Chance bietet, sondern auch der Mittelklasse den Karriereweg versperrt. Nur wer über beträchtliche Summen verfügt, kann in Chile auf eine ordentliche Ausbildung hoffen. Im Schnitt starten Studenten mit 60.000 Dollar Schulden ins Berufsleben – eine ungeheure Belastung.

Klicken Sie auf die Grafik, um sie zu vergrößern.© ZEIT-Grafik Vallejo wird nie müde, darauf hinzuweisen. Als ein Interviewer in einer populären Talkrunde in süffisant-herablassendem Ton fragt: »Was würden Sie denn tun, wären Sie Bildungsministerin?«, da antwortet sie sachlich und kühl: »Ich würde zuerst einmal für Transparenz sorgen. Ich würde eine Gesamtbilanz ziehen!« Alle Karten auf den Tisch!, bedeutet das. Dann – das ist die Botschaft – würde man sehen, welches Spiel hier gespielt wird. Camila Vallejo weiß natürlich, dass es ein böses Spiel ist, das seinen Ursprung in der Diktatur des Generals Augusto Pinochet hat, der sich 1973 an die Macht geputscht hatte und Chile fast zwei Jahrzehnte lang dominierte. Pinochet machte sein Land zum Experimentierfeld neoliberaler Fundamentalisten. Die Chicago Boys, Schüler des neoliberalen Ökonomen Milton Friedman, durften unter dem Schutz des Militärs ihre Ideen an der chilenischen Gesellschaft testen. Über die Folgen dieses Experiments gibt es bis heute eine heftige ideologische Auseinandersetzung – die einen halten die Chicago Boys für Komplizen der Diktatur, für die anderen sind sie die Urheber des relativen Wirtschaftserfolges Chiles. Wie auch immer man darüber denken mag, das Bild des heutigen Chile ist äußerst widersprüchlich. Die Wirtschaft wächst schnell, aber die Einkommensunterschiede sind extrem. Die harten neoliberalen Reformen sind durch mehrere aufeinanderfolgende Mitte-Links-Regierungen abgemildert worden – das Bildungssystem allerdings blieb so, wie es unter Pinochet umgebaut wurde, privatisiert bis zum Exzess. Mächtige Interessen sorgten dafür, dass es so geblieben ist.

Doch gerade weil Chile in den letzten Jahrzehnten zu einem Schwellenland geworden ist, wurde die Bildung ein immer wertvolleres Gut – aus objektiven Gründen, denn in der globalisierten Welt, an der Chile zunehmend teilhat, ist Bildung eine entscheidende Ressource; aber auch aus subjektiven Gründen: In Chile hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Mittelschicht herausgebildet, die Ansprüche und Erwartungen an den Staat hat. Zum Beispiel erwartet sie, dass ihre Kinder an die Universität gehen können, ohne sich tief verschulden zu müssen; sie erwartet Chancen und Möglichkeiten, die ihnen nur ein handlungsfähiger Staat geben kann. Das ist der gesellschaftspolitische Kontext, in dem sich das Charisma von Camila Vallejo entfalten kann.

Stark aber hat sich der Staat gegenüber den Studenten bisher nur auf der Straße gezeigt. Vergangene Woche ging die Polizei in der Hauptstadt Santiago de Chile mit großer Härte gegen die Demonstranten vor. Darauf erhob sich ein Chor der Kritik, aus dem Volke wie aus der Politik. Camila Vallejo erhöhte den politischen Einsatz, indem sie das Gespenst einer hässlichen Vergangenheit weckte: »Das Szenario erinnert sehr an den Ausnahmezustand der Diktatur!« Sie rief die Menschen auf, sich den Studenten anzuschließen. Viele folgten dem Aufruf, indem sie auf Töpfe und Pfannen schlugen. Diese Protestform nennt sich Cacerolada – sie wurde zum letzten Mal zu Zeiten der Diktatur angewandt.