An dem Tag, der ein Land und Millionen Leben verändern sollte, blieb es still. Keine feierliche Unterzeichnung, kein Händeschütteln, nur ein Papier wurde in Bonn hin- und hergesandt an diesem 30. Oktober 1961, Aktenzeichen 505–83SZV–92.42. Kaum mehr als zwei Seiten, darauf zwölf Punkte, einmal vom Auswärtigen Amt zur türkischen Botschaft und zurück. »Die Türkische Botschaft beehrt sich, dem Auswärtigen Amt mitzuteilen, daß sich die Regierung der Republik Türkei mit den Vorschlägen der Regierung der Bundesrepublik Deutschland einverstanden erklärt«, fügte die Botschaft dem Schreiben hinzu und bestätigte so »die Vermittlung von türkischen Arbeitnehmern nach der Bundesrepublik Deutschland«.

Ein stiller Briefwechsel, der nicht ahnen ließ, dass ihm einmal laute Diskussionen folgen würden um Leitkulturen und Parallelwelten. Er würde neue Begriffe schaffen wie Kopftuchmädchen, Migrationshintergrund und Einbürgerungstest. Eine Menge schwerer Wörter und Debatten, man muss sie mühsam beiseiteschieben, will man den Mann sehen, der ein paar Wochen nach dem Briefwechsel in Istanbul auf den Zug wartet. Der Mann heißt Metin Türköz, er steht am Beginn einer langen Reise – wie auch das Land, in das er fährt. Am Ende dieser Reise wird er ein Deutscher sein und das Land ein anderes.

Am Nachmittag des 9. Januar 1962 stieg Metin Türköz am Bahnhof Istanbul-Sirkeci in den Zug. In der rechten Hand hielt er seinen Koffer, in der linken die Saz, seine türkische Laute. Istanbul–München, er lehnte sich aus dem Fenster, sein Blick suchte seine Frau Necla und seinen kleinen Sohn Ugur, die Sirene ging, er winkte. Der Zug fuhr an.

»Wegfahren Katastrophe«, sagt Metin Türköz, »alles geweint.«

Drei Tage Fahrt, endlos kam ihm die Zeit bis zur Ankunft in Deutschland vor. Doch das Ankommen in diesem fremden Land würde noch viel länger dauern.

Am vierten Tag, der kaum begonnen hatte und dunkel war und kalt, stand Metin Türköz in der Werkshalle A bei Ford in Köln. Acht Stunden lang legte er Kupplungsteile für den Ford Taunus in einen 800 Grad heißen Ofen, die Kleidung klebte an seinem Körper. Nach der Schicht, im Ausländerwohnheim, in einem Zimmer mit zwei Betten, zwei Stühlen, zwei Herdplatten, lag er auf der Strohmatratze und schrieb einen Brief an seine Frau: »Ich habe mir Deutschland anders vorgestellt. Ich will nach Hause.«

»Nach Deutschland gehen, Geld sparen, Auto kaufen, mehr Geld sparen, nach Hause zurückkehren, Haus kaufen«, sagt Metin Türköz, »das war der türkische Traum.«

Er hat gespart und sich ein Haus gekauft – im Kölner Süden

Sein Haar ist weiß geworden, und er hat ein Haus gekauft, doch das steht in Rodenkirchen, im Kölner Süden, wo nur wenige Häuser mehr als zwei Stockwerke haben. Ein Reihenhaus, das so ordentlich zwischen seinen Nachbarn steht wie die Recyclingtonnen vor der Haustür. Metin Türköz und seine Frau Necla sitzen im Wohnzimmer. Sie ist groß und schlank, 71 Jahre, eine schöne Frau mit einem klar geschnittenen Gesicht, er, 74, etwas kleiner als sie und stämmig. An den Wänden Fotos der Familie: Sohn Ugur, Manager bei Ford. Tochter Alpin, Nachname Harrenkamp. Und die drei Enkel, die kaum Türkisch sprechen.

Die ersten türkischen Gastarbeiter, die 1961 nach Deutschland kamen, sind heute nicht mehr leicht zu finden. Viele sind zurückgegangen in die Türkei oder gestorben. Wenn man doch welche findet, in Duisburg oder Mannheim oder Stuttgart, dann diktieren sie ihre Nachnamen nach dem »Anton, Berta, Cäsar«-Prinzip und ihre Telefonnummern in Zehnerblöcken. Viele sind mit Deutschen verheiratet. Sie haben jeden Bundeskanzler erlebt und manch einen auch gewählt. Aber in einer Zeit, in der Beifall für Thilo Sarrazin aufbrandet, sind ihre Geschichten kaum zu vernehmen. So wie die der Familie Türköz.

Als Metin und Necla Türköz nach ihrer Hochzeit Ende der fünfziger Jahre nach Istanbul zogen, war in Deutschland gerade ein Wort erfunden worden: Gastarbeiter. Erst waren die Italiener gekommen, dann Spanier und Griechen. Die Wirtschaft brauchte Arbeiter, das Wunder sollte weiterwachsen. Die einen hatten zu viel Arbeit, die anderen zu viele Menschen. Die Gastarbeiter würden Geld verdienen, wieder gehen, und neue würden kommen. Rotationsprinzip nannte man das. Ein Wort, das klang wie eine Maschine, die niemals aus dem Takt geraten würde.