Matthias Erzberger Patriot in der Gefahr
Matthias Erzberger nahm es auf sich, 1918 den Waffenstillstand zu unterzeichnen, und gehörte zu den Gründungsvätern der ersten deutschen Republik. Dafür verfolgten die alten Eliten den Zentrumspolitiker mit nimmermüdem Hass – am 26. August 1921 wurde er von zwei Marineoffizieren ermordet.
© Hulton Archive/Getty Images

Während einer Konferenz im Jahr 1919 diskutiert Matthias Erzberger (links) mit anderen Teilnehmern.
Als was sollte man die 66. Sitzung der Nationalversammlung am 25. Juli 1919 in Weimar beschreiben? Als eine Art Dies Irae, ein Jüngstes Gericht? Oder als eine erste parlamentarische Sternstunde der jungen Weimarer Republik? Noch den heutigen Leser des Protokolls überkommt ein kalter Schauer angesichts der scharfen Abrechnung, die der Reichsfinanzminister Matthias Erzberger den Parteien der Rechten, dem früheren kaiserlichen Regiment und der Führung der Reichswehr vorhielt. Zum ersten Mal erfuhren die Deutschen an jenem Freitagnachmittag von dem größenwahnsinnigen Versagen der vormaligen Reichsführung.
Alle Illusionen der zweiten Hälfte des Ersten Weltkriegs werden da auf 17 Seiten aufgeblättert – von der Vorstellung, man könne gleichzeitig Belgien und den Frieden bekommen, bis hin zu der Illusion, man könne mit einer unzureichenden U-Boot-Flotte sowohl Großbritannien abschnüren als auch Amerika aus dem Krieg heraushalten. Deutschland, urteilte Erzberger ebenso scharf wie scharfsinnig, hatte gar keine politische Regierung, sondern eine Militärdiktatur. Von ihr sei die Möglichkeit eines Verständigungsfriedens im Jahre 1917 sabotiert worden: »Durch die Verblendung militärischer Machthaber, die für unsere politische Kraft und militärische Macht nicht das richtige Augenmaß hatten, ist ein günstiger Moment für die Herbeiführung des Friedens versäumt und verpaßt worden.«
Welche seelische Stärke, welchen moralischen Mut und welches patriotische Pathos es Matthias Erzberger abverlangte, solche für die damalige Öffentlichkeit noch unerhörten Wahrheiten in die tobende Atmosphäre der Nationalversammlung zu schleudern, gut einen Monat nach der Abstimmung über den Versailler Vertrag, kann man sich kaum noch vorstellen. »Jeder Friedensvertrag«, resümierte Erzberger am Ende seiner Rede, »ist die Schlußrechnung eines Krieges. Wer den Krieg verliert, verliert den Frieden, und wer hat bei uns den Krieg verloren? Ich habe es Ihnen nachgewiesen: diejenigen, welche den handgreiflichen Möglichkeiten eines maßvollen und würdigen Friedens immer wieder einen unvernünftigen, trotzigen und verbrecherischen Eigensinn entgegenstellten[...]. Die moralische Verantwortung dafür, daß schließlich kein besserer Friede mehr möglich war, tragen diejenigen, welche die alte Regierung unterstützt haben und welche den Kampf gegen die Friedenszielresolution des Reichstags in dieser Weise führten, wie ich sie vorhin zeichnen durfte. Dadurch, daß wir Ihren Waffenstillstand und Ihren Frieden unterzeichnen mußten, haben wir für Ihre Schuld gebüßt. Diese Schuld werden Sie niemals los, und wenn Sie hundertmal Ihre Hände durch ein ›Nein‹ in Unschuld waschen wollen. Sie werden diese Schuld nicht los, weder vor uns, noch vor der Geschichte, noch vor Ihrem eigenen Gewissen.« Das Protokoll verzeichnet: »Stürmischer Beifall und Händeklatschen im Zentrum und bei den Sozialdemokraten. – Zischen rechts. – Wiederholter stürmischer Beifall im Zentrum und bei den Sozialdemokraten.«
Als er spricht, steigt allen »das Blut in die Augen«
Zuvor war Erzberger noch auf die letzte kaiserliche Regierung eingegangen, ihr hatte er selber angehört. »Die Regierung des Prinzen Max von Baden«, führte er aus, »hat vielleicht einen einzigen Fehler gemacht, wenn es ein Fehler war. Sie hätte den General Ludendorff [der am 30. September 1918 Knall auf Fall einen Waffenstillstand verlangt hatte] hinschicken und ihm sagen sollen: ›Schließe du den Waffenstillstand ab!‹« Die verheerende »Dolchstoßlegende« wäre dann wohl ins Leere gestoßen.
Einer der Zeugen dieser Gerichtsstunde in der Weimarer Nationalversammlung war – als Besucher – der Weltmann Harry Graf Kessler. Aus den Worten Erzbergers, so schrieb er in sein berühmt gewordenes Tagebuch, sei die »furchtbarste Anklage« emporgewachsen. Seine Sätze »brachten Tatsache auf Tatsache, schlossen sich zu Reihen und Bataillonen zusammen, fielen wie Kolbenschläge auf die Rechte, die ganz blaß und in sich zusammengeduckt und immer kleiner und isolierter in ihrer Ecke saß. Als er das Pacellische Telegramm verlas [in dem der spätere Papst Pius XII. am 30. August 1917 über Friedensfühler der westlichen Kriegsgegner berichtete], da stieg uns allen das Blut in die Augen. Der alte Nuschke, der in meiner Nähe stand, sah aus, als ob er einen Geist sehe. Ein Zentrumsabgeordneter rief mit unterdrückter Stimme, die wie ein Seufzer klang, in die lautlose Stille: ›Und danach ist mein Bub gefallen!‹«
Doch obwohl Kessler den historischen Augenblick anerkannte, konnte er die Vorurteile des mondänen Standesherrn gegenüber dem schlichten Abgeordneten aus dem württembergischen Dörflein Buttenhausen nicht unterdrücken – Vorurteile der ästhetisierenden Arroganz gegenüber der demokratischen Realität, die den politischen Lebensweg Matthias Erzbergers stets begleiteten.
- Datum 24.08.2011 - 11:13 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.8.2011 Nr. 34
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Matthias Erzberger war nicht das erste und nicht das letzte Opfer der politischen Reaktionäre, die hier als die alten Eliten beschrieben werden.
Matthias Erzberger war auch ein Opfer der Reichsgründung durch die Ebert-SPD, welche die alten Eliten nicht nur unangetastet ließ sondern sogar noch wieder gesellschaftsfähig machte.
Erste prominente Opfer der politischen Reaktionäre waren Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.
Auch da stoppte die Ebert-SPD die Mörder nicht, sondern ermunterte sie so gar noch. So nimmt es kein Wunder, dass Matthias Erzberger ermordet werden konnte. Man hatte sich die Mörder herangezogen und gepflegt, bis sie endlich zum Einsatz kamen.
Ein guter Artikel über einen mutigen, zu Unrecht fast vergessenen Demokraten.
Dennoch möchte ich zwei ergänzende Anmerkungen machen.
Zum Einen ist natürlich der Vergleich mit Bismarck überaus gewagt und für Erzberger eine Nummer zu groß. Es gab in den letzten 120 Jahren in Deutschland schlichtweg NIEMAND, der es an Format, politischer Klugheit (trotz der dummen Sozialistengesetze) und Nutzen für unser Land mit Bismarck aufnehmen könnte. Und es ist auch niemand in Sicht.
Zum Zweiten ist die päbstliche Friedensinitiative von 1917 vor allem an der Entente gescheitert, die vor jeglichen Verhandlungen einen Regime Change in Deutschland verlangte und ansonsten, nach dem kriegseintritt der USA, auf Sieg und Maximalforderungen setzte. Schließlich hat das Britische Empire diesen Krieg nicht geführt, um über den Status von Belgien zu verhandeln.
Ansonsten aber Danke und großes Lob für diesen Beitrag, bitte mehr davon.
Leider wird auch dieser überzeugend geschriebene Artikel nicht diejenigen eines Besseren belehren wollen, die auch heutzutage noch Kriegshandlungen als "notwendig" ansehen und von "Feld der Ehre" usw. schwafeln. Gerade der Kontrast Erzberger - Kessler zeigt deutlich, wie sehr bestimmte Kreise einem Dünkel verhaftet waren -und es immer noch sind-, der im Ergebnis unermessliches Leid über die Menschen gebracht hat und noch bringen wird.
Die Angst vor einem Gesichtsverlust bei einem eventuellen Umkehren aus der Sackgasse, in die man sich selbst manövriert hat, die Unfähigkeit, eigene Fehler einzugestehen, oder gar das Unvermögen, überhaupt einen Irrtum auf eigener Seite sehen zu wollen - all das Symptome einer sich selbst überhebenden Kaste von abstrakt "Ehrwilligen", die im Zweifelsfall mehr Mittel zum Durchsetzen ihrer Interessen haben als die Gegenseite. Und sich im Unterliegensfall immer noch nicht zurechtfinden in der Verliererrolle... und die es auch heute noch allzu zahlreich gibt.
Der sachlich fundierte und zugleich einfühlsame Artikel versetzt einen nicht nur in die damalige krisengeschüttelte Zeit, sondern ist auch von beklemmender Aktualität.
Chauvinistische Militärs haben im Namen einer chauvinistischen Öffentlichkeit (auch die sozialdemokratischen Arbeiter zogen mit Hurra-Geschrei in den Krieg) über Deutschlands wirtschaftliche und militärische Verhältnisse hinaus Krieg geführt. Als Deutschland deshalb am Rande des Zusammenbruchs stand, musste Erzberger es ausbaden. Heute befindet sich Deutschland wieder am Rande einer schweren Krise, ja vielleicht am Rande des Zusammenbruchs von Wirtschaft und Sozialsystemen, weil es jahrzehntelang über seine Verhältnisse lebte und Schulden anhäufte. Den Politiker, der es dann ausbaden und gewaltige Sparmaßnahmen nebst Konsumverzicht gleich einer Kapitulation erklären muss, beneide ich nicht. Vielleicht ist auch für ihn schon eine Kugel gegossen.
Sie haben Recht: da Hindenburg und Ludendorff zu feige und zu berechnend waren Verantwortung fuer den Krieg zu uebernehmen, hat das die Politik gemacht.
Es ist beschaemend zu sehen wie viele Hindenburg Strassen und Hindenburg Kasernen es immer noch in Deutschland gibt, dem nach Hitler groessten Geschichtsfaelscher in Deutschland ('Schlacht bei Tannenberg', 'Dolchstoss'). Auf der anderen Seite werden Maenner wie Erzberger nicht im Gedaechtnis der Deutschen bewahrt.
Sie haben Recht: da Hindenburg und Ludendorff zu feige und zu berechnend waren Verantwortung fuer den Krieg zu uebernehmen, hat das die Politik gemacht.
Es ist beschaemend zu sehen wie viele Hindenburg Strassen und Hindenburg Kasernen es immer noch in Deutschland gibt, dem nach Hitler groessten Geschichtsfaelscher in Deutschland ('Schlacht bei Tannenberg', 'Dolchstoss'). Auf der anderen Seite werden Maenner wie Erzberger nicht im Gedaechtnis der Deutschen bewahrt.
Nur lesen ihn wahrscheinlich nur wenige. Leider ist ein Politiker dieses Formats heute nicht in Sicht.
..guter Artikel! Leider teile ich die Meinung von alldasnutzlose, das er wenige Leser finden wird.
Sie haben Recht: da Hindenburg und Ludendorff zu feige und zu berechnend waren Verantwortung fuer den Krieg zu uebernehmen, hat das die Politik gemacht.
Es ist beschaemend zu sehen wie viele Hindenburg Strassen und Hindenburg Kasernen es immer noch in Deutschland gibt, dem nach Hitler groessten Geschichtsfaelscher in Deutschland ('Schlacht bei Tannenberg', 'Dolchstoss'). Auf der anderen Seite werden Maenner wie Erzberger nicht im Gedaechtnis der Deutschen bewahrt.
Wo erkennen Sie bezüglich der Schlacht bei Tannenberg denn "Geschichtsfälschung". Gut, der nächste Ort zum Hauptkampfgebiet war nicht Tannenberg, sondern Hohenstein, aber sonst? Nach der Schlacht bei Tannenberg kam es zu einer zeittypisch völlig normalen Mythologisierung, ähnlich dem französischen "Wunder an der Marne". Nur wer die absolut entmythologisierte Gegenwart der Bundesrepbulik ernsthaft zu einem Wertmaßstab früherer Zeiten erhebt, kann den Mythos Tannenberg mit der Dolchstoßlegende vergleichen.
Hindenburg agierte als Politiker der Republik stets verfassungskonform und brachte Hitler sogar einigen Widerstand entgegen. Er war das einzige Staatsoberhaupt, das die Deutschen selbst direkt wählen konnten. Ich kann mit Hindenburg-Straßen und Hindenburg-Kasernen sehr gut leben. Ich wünsche keine weitere Kappung der Traditionslinien zum Kaiserreich. Die gesinnungsstarken, gedankenlosen Straßenumbenenner, die sich arrogant auf der sicheren Seite Geschichte, ja als Sieger der Geschichte wähnen sollen sich bitte in Demut üben.
Wo erkennen Sie bezüglich der Schlacht bei Tannenberg denn "Geschichtsfälschung". Gut, der nächste Ort zum Hauptkampfgebiet war nicht Tannenberg, sondern Hohenstein, aber sonst? Nach der Schlacht bei Tannenberg kam es zu einer zeittypisch völlig normalen Mythologisierung, ähnlich dem französischen "Wunder an der Marne". Nur wer die absolut entmythologisierte Gegenwart der Bundesrepbulik ernsthaft zu einem Wertmaßstab früherer Zeiten erhebt, kann den Mythos Tannenberg mit der Dolchstoßlegende vergleichen.
Hindenburg agierte als Politiker der Republik stets verfassungskonform und brachte Hitler sogar einigen Widerstand entgegen. Er war das einzige Staatsoberhaupt, das die Deutschen selbst direkt wählen konnten. Ich kann mit Hindenburg-Straßen und Hindenburg-Kasernen sehr gut leben. Ich wünsche keine weitere Kappung der Traditionslinien zum Kaiserreich. Die gesinnungsstarken, gedankenlosen Straßenumbenenner, die sich arrogant auf der sicheren Seite Geschichte, ja als Sieger der Geschichte wähnen sollen sich bitte in Demut üben.
Wo erkennen Sie bezüglich der Schlacht bei Tannenberg denn "Geschichtsfälschung". Gut, der nächste Ort zum Hauptkampfgebiet war nicht Tannenberg, sondern Hohenstein, aber sonst? Nach der Schlacht bei Tannenberg kam es zu einer zeittypisch völlig normalen Mythologisierung, ähnlich dem französischen "Wunder an der Marne". Nur wer die absolut entmythologisierte Gegenwart der Bundesrepbulik ernsthaft zu einem Wertmaßstab früherer Zeiten erhebt, kann den Mythos Tannenberg mit der Dolchstoßlegende vergleichen.
Hindenburg agierte als Politiker der Republik stets verfassungskonform und brachte Hitler sogar einigen Widerstand entgegen. Er war das einzige Staatsoberhaupt, das die Deutschen selbst direkt wählen konnten. Ich kann mit Hindenburg-Straßen und Hindenburg-Kasernen sehr gut leben. Ich wünsche keine weitere Kappung der Traditionslinien zum Kaiserreich. Die gesinnungsstarken, gedankenlosen Straßenumbenenner, die sich arrogant auf der sicheren Seite Geschichte, ja als Sieger der Geschichte wähnen sollen sich bitte in Demut üben.
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