Während einer Konferenz im Jahr 1919 diskutiert Matthias Erzberger (links) mit anderen Teilnehmern. © Hulton Archive/Getty Images

Als was sollte man die 66. Sitzung der Nationalversammlung am 25. Juli 1919 in Weimar beschreiben? Als eine Art Dies Irae, ein Jüngstes Gericht? Oder als eine erste parlamentarische Sternstunde der jungen Weimarer Republik ? Noch den heutigen Leser des Protokolls überkommt ein kalter Schauer angesichts der scharfen Abrechnung, die der Reichsfinanzminister Matthias Erzberger den Parteien der Rechten, dem früheren kaiserlichen Regiment und der Führung der Reichswehr vorhielt. Zum ersten Mal erfuhren die Deutschen an jenem Freitagnachmittag von dem größenwahnsinnigen Versagen der vormaligen Reichsführung.

Alle Illusionen der zweiten Hälfte des Ersten Weltkriegs werden da auf 17 Seiten aufgeblättert – von der Vorstellung, man könne gleichzeitig Belgien und den Frieden bekommen, bis hin zu der Illusion, man könne mit einer unzureichenden U-Boot-Flotte sowohl Großbritannien abschnüren als auch Amerika aus dem Krieg heraushalten. Deutschland, urteilte Erzberger ebenso scharf wie scharfsinnig, hatte gar keine politische Regierung, sondern eine Militärdiktatur. Von ihr sei die Möglichkeit eines Verständigungsfriedens im Jahre 1917 sabotiert worden: "Durch die Verblendung militärischer Machthaber, die für unsere politische Kraft und militärische Macht nicht das richtige Augenmaß hatten, ist ein günstiger Moment für die Herbeiführung des Friedens versäumt und verpaßt worden."

Welche seelische Stärke, welchen moralischen Mut und welches patriotische Pathos es Matthias Erzberger abverlangte, solche für die damalige Öffentlichkeit noch unerhörten Wahrheiten in die tobende Atmosphäre der Nationalversammlung zu schleudern, gut einen Monat nach der Abstimmung über den Versailler Vertrag, kann man sich kaum noch vorstellen. "Jeder Friedensvertrag", resümierte Erzberger am Ende seiner Rede, "ist die Schlußrechnung eines Krieges. Wer den Krieg verliert, verliert den Frieden, und wer hat bei uns den Krieg verloren? Ich habe es Ihnen nachgewiesen: diejenigen, welche den handgreiflichen Möglichkeiten eines maßvollen und würdigen Friedens immer wieder einen unvernünftigen, trotzigen und verbrecherischen Eigensinn entgegenstellten[...]. Die moralische Verantwortung dafür, daß schließlich kein besserer Friede mehr möglich war, tragen diejenigen, welche die alte Regierung unterstützt haben und welche den Kampf gegen die Friedenszielresolution des Reichstags in dieser Weise führten, wie ich sie vorhin zeichnen durfte. Dadurch, daß wir Ihren Waffenstillstand und Ihren Frieden unterzeichnen mußten, haben wir für Ihre Schuld gebüßt. Diese Schuld werden Sie niemals los, und wenn Sie hundertmal Ihre Hände durch ein ›Nein‹ in Unschuld waschen wollen. Sie werden diese Schuld nicht los, weder vor uns, noch vor der Geschichte, noch vor Ihrem eigenen Gewissen." Das Protokoll verzeichnet: "Stürmischer Beifall und Händeklatschen im Zentrum und bei den Sozialdemokraten. – Zischen rechts. – Wiederholter stürmischer Beifall im Zentrum und bei den Sozialdemokraten."

Als er spricht, steigt allen "das Blut in die Augen"

Zuvor war Erzberger noch auf die letzte kaiserliche Regierung eingegangen, ihr hatte er selber angehört. "Die Regierung des Prinzen Max von Baden", führte er aus, "hat vielleicht einen einzigen Fehler gemacht, wenn es ein Fehler war. Sie hätte den General Ludendorff [der am 30. September 1918 Knall auf Fall einen Waffenstillstand verlangt hatte] hinschicken und ihm sagen sollen: ›Schließe du den Waffenstillstand ab!‹" Die verheerende "Dolchstoßlegende" wäre dann wohl ins Leere gestoßen.

Einer der Zeugen dieser Gerichtsstunde in der Weimarer Nationalversammlung war – als Besucher – der Weltmann Harry Graf Kessler . Aus den Worten Erzbergers, so schrieb er in sein berühmt gewordenes Tagebuch, sei die "furchtbarste Anklage" emporgewachsen. Seine Sätze "brachten Tatsache auf Tatsache, schlossen sich zu Reihen und Bataillonen zusammen, fielen wie Kolbenschläge auf die Rechte, die ganz blaß und in sich zusammengeduckt und immer kleiner und isolierter in ihrer Ecke saß. Als er das Pacellische Telegramm verlas [in dem der spätere Papst Pius XII. am 30. August 1917 über Friedensfühler der westlichen Kriegsgegner berichtete], da stieg uns allen das Blut in die Augen. Der alte Nuschke, der in meiner Nähe stand, sah aus, als ob er einen Geist sehe. Ein Zentrumsabgeordneter rief mit unterdrückter Stimme, die wie ein Seufzer klang, in die lautlose Stille: ›Und danach ist mein Bub gefallen!‹"

Doch obwohl Kessler den historischen Augenblick anerkannte, konnte er die Vorurteile des mondänen Standesherrn gegenüber dem schlichten Abgeordneten aus dem württembergischen Dörflein Buttenhausen nicht unterdrücken – Vorurteile der ästhetisierenden Arroganz gegenüber der demokratischen Realität, die den politischen Lebensweg Matthias Erzbergers stets begleiteten.