Matthias Erzberger Patriot in der Gefahr
Matthias Erzberger nahm es auf sich, 1918 den Waffenstillstand zu unterzeichnen, und gehörte zu den Gründungsvätern der ersten deutschen Republik. Dafür verfolgten die alten Eliten den Zentrumspolitiker mit nimmermüdem Hass – am 26. August 1921 wurde er von zwei Marineoffizieren ermordet.
© Hulton Archive/Getty Images

Während einer Konferenz im Jahr 1919 diskutiert Matthias Erzberger (links) mit anderen Teilnehmern.
Als was sollte man die 66. Sitzung der Nationalversammlung am 25. Juli 1919 in Weimar beschreiben? Als eine Art Dies Irae, ein Jüngstes Gericht? Oder als eine erste parlamentarische Sternstunde der jungen Weimarer Republik? Noch den heutigen Leser des Protokolls überkommt ein kalter Schauer angesichts der scharfen Abrechnung, die der Reichsfinanzminister Matthias Erzberger den Parteien der Rechten, dem früheren kaiserlichen Regiment und der Führung der Reichswehr vorhielt. Zum ersten Mal erfuhren die Deutschen an jenem Freitagnachmittag von dem größenwahnsinnigen Versagen der vormaligen Reichsführung.
Alle Illusionen der zweiten Hälfte des Ersten Weltkriegs werden da auf 17 Seiten aufgeblättert – von der Vorstellung, man könne gleichzeitig Belgien und den Frieden bekommen, bis hin zu der Illusion, man könne mit einer unzureichenden U-Boot-Flotte sowohl Großbritannien abschnüren als auch Amerika aus dem Krieg heraushalten. Deutschland, urteilte Erzberger ebenso scharf wie scharfsinnig, hatte gar keine politische Regierung, sondern eine Militärdiktatur. Von ihr sei die Möglichkeit eines Verständigungsfriedens im Jahre 1917 sabotiert worden: »Durch die Verblendung militärischer Machthaber, die für unsere politische Kraft und militärische Macht nicht das richtige Augenmaß hatten, ist ein günstiger Moment für die Herbeiführung des Friedens versäumt und verpaßt worden.«
Welche seelische Stärke, welchen moralischen Mut und welches patriotische Pathos es Matthias Erzberger abverlangte, solche für die damalige Öffentlichkeit noch unerhörten Wahrheiten in die tobende Atmosphäre der Nationalversammlung zu schleudern, gut einen Monat nach der Abstimmung über den Versailler Vertrag, kann man sich kaum noch vorstellen. »Jeder Friedensvertrag«, resümierte Erzberger am Ende seiner Rede, »ist die Schlußrechnung eines Krieges. Wer den Krieg verliert, verliert den Frieden, und wer hat bei uns den Krieg verloren? Ich habe es Ihnen nachgewiesen: diejenigen, welche den handgreiflichen Möglichkeiten eines maßvollen und würdigen Friedens immer wieder einen unvernünftigen, trotzigen und verbrecherischen Eigensinn entgegenstellten[...]. Die moralische Verantwortung dafür, daß schließlich kein besserer Friede mehr möglich war, tragen diejenigen, welche die alte Regierung unterstützt haben und welche den Kampf gegen die Friedenszielresolution des Reichstags in dieser Weise führten, wie ich sie vorhin zeichnen durfte. Dadurch, daß wir Ihren Waffenstillstand und Ihren Frieden unterzeichnen mußten, haben wir für Ihre Schuld gebüßt. Diese Schuld werden Sie niemals los, und wenn Sie hundertmal Ihre Hände durch ein ›Nein‹ in Unschuld waschen wollen. Sie werden diese Schuld nicht los, weder vor uns, noch vor der Geschichte, noch vor Ihrem eigenen Gewissen.« Das Protokoll verzeichnet: »Stürmischer Beifall und Händeklatschen im Zentrum und bei den Sozialdemokraten. – Zischen rechts. – Wiederholter stürmischer Beifall im Zentrum und bei den Sozialdemokraten.«
Als er spricht, steigt allen »das Blut in die Augen«
Zuvor war Erzberger noch auf die letzte kaiserliche Regierung eingegangen, ihr hatte er selber angehört. »Die Regierung des Prinzen Max von Baden«, führte er aus, »hat vielleicht einen einzigen Fehler gemacht, wenn es ein Fehler war. Sie hätte den General Ludendorff [der am 30. September 1918 Knall auf Fall einen Waffenstillstand verlangt hatte] hinschicken und ihm sagen sollen: ›Schließe du den Waffenstillstand ab!‹« Die verheerende »Dolchstoßlegende« wäre dann wohl ins Leere gestoßen.
Einer der Zeugen dieser Gerichtsstunde in der Weimarer Nationalversammlung war – als Besucher – der Weltmann Harry Graf Kessler. Aus den Worten Erzbergers, so schrieb er in sein berühmt gewordenes Tagebuch, sei die »furchtbarste Anklage« emporgewachsen. Seine Sätze »brachten Tatsache auf Tatsache, schlossen sich zu Reihen und Bataillonen zusammen, fielen wie Kolbenschläge auf die Rechte, die ganz blaß und in sich zusammengeduckt und immer kleiner und isolierter in ihrer Ecke saß. Als er das Pacellische Telegramm verlas [in dem der spätere Papst Pius XII. am 30. August 1917 über Friedensfühler der westlichen Kriegsgegner berichtete], da stieg uns allen das Blut in die Augen. Der alte Nuschke, der in meiner Nähe stand, sah aus, als ob er einen Geist sehe. Ein Zentrumsabgeordneter rief mit unterdrückter Stimme, die wie ein Seufzer klang, in die lautlose Stille: ›Und danach ist mein Bub gefallen!‹«
Doch obwohl Kessler den historischen Augenblick anerkannte, konnte er die Vorurteile des mondänen Standesherrn gegenüber dem schlichten Abgeordneten aus dem württembergischen Dörflein Buttenhausen nicht unterdrücken – Vorurteile der ästhetisierenden Arroganz gegenüber der demokratischen Realität, die den politischen Lebensweg Matthias Erzbergers stets begleiteten.
»Erzberger«, so beginnt Kesslers Tagebucheintrag, »mit seiner Spießergestalt, seinem klobigen Dialekt, seinen grammatischen Sprachfehlern fiel zunächst ganz ab [...]. Ich stand unmittelbar hinter ihm an der Rednertribüne, sah seine schlecht gemachten, platten Stiefel, seine drolligen Hosen, die über Korkzieherfalten in einem Vollmondhintern münden, seine breiten, untersetzten Bauernschultern, den ganzen fetten, schwitzenden, unsympathischen kleinstbürgerlichen Kerl in nächster Nähe vor mir: jede ungelenke Bewegung des klobigen Körpers, jeden Farbwechsel in den dicken, fahlen Wangen, jeden Schweißtropfen auf der fettigen Stirn. Aber allmählich wuchs aus dieser drolligen, schlecht sprechenden, ungeschickten Gestalt die furchtbarste Anklage empor...«
In der Tat konnte man sich keinen größeren Gegensatz vorstellen: da die protestantische, teils akademische, teils militärische, teils unternehmerische, zumeist adelige Elite des preußisch dominierten Reiches – hier der württembergische Katholik Matthias Erzberger, ganz kleiner Leute Kind, ohne universitäre Bildung, ohne militärischen Rang, weder Vermögen noch Titel geerbt und alles, was er war, durch hohe Begabung und harten Fleiß erarbeitet. Ausgerechnet dieser Außenseiter und Aufsteiger schickte sich an, in der Politik des noch jungen Nationalstaats und schon in die Katastrophe steuernden Kaiserreiches eine führende Rolle einzunehmen. Allein der dadurch provozierte Hass der Etablierten hätte für ihn lebensgefährlich werden können. Dass er schließlich ermordet wurde, war letztlich die Folge des Umstands, dass Erzberger immer wieder die Verantwortung für schwere Entscheidungen übernommen hatte, die eigentlich die Elite des kaiserlichen Ancien Régime hätte tragen müssen – vor allem für die Unterzeichnung des Waffenstillstands in Compiègne am 11. November 1918.
Erzberger hatte ihnen die Konsequenzen ihres Versagens abgenommen – und genau das haben ihm die alten Eliten nie verziehen. Als er nahe dem Kurort Bad Griesbach im Hochschwarzwald vor 90 Jahren, am 26. August 1921, von zwei rechtsradikalen Fememördern erschossen wurde, war die Freude unter den Feinden der jungen Weimarer Republik kaum noch klammheimlich zu nennen.
Wo kam er her, dieser früh vollendete, früh gemordete Politiker, von dem man pointiert, aber ohne große Übertreibung sagen kann, dass er nach Otto von Bismarck das nächste gestaltungsmächtige politische Individuum war, zuerst des späten Kaiserreichs, dann der frühesten Republik? Wenn man die auf kleinstem Raum eindrucksvolle Gedenkstätte in Buttenhausen besucht, ahnt man, in welcher Enge er aufwuchs. In diesem Häuschen kam Matthias Erzberger zur Welt, am 20. September 1875, als eines von sechs Kindern des Schneiders und Postboten Josef Erzberger und seiner Frau Katherina. Buttenhausen wurde damals zur einen Hälfte von Protestanten, zur anderen von Juden bewohnt – deren Synagoge stand bis 1938 zwei Grundstückle weiter. Als arme Katholiken zählten die Erzbergers also in zweifacher Hinsicht zur Minderheit.
Nach der Volksschule blieb dem auffallend begabten Jungen als einzige, geradezu klassische Aufstiegsmöglichkeit die Ausbildung zum Lehrer. Mit 19 Jahren legte er am katholischen Lehrerseminar in Saulgau die Volksschullehrerprüfung ab. Ein Jahrgangskamerad erlebte an ihm den »unheimlich beglückenden Vorgang der beginnenden Entfaltung eines genialen Menschen [...], das Luftholen und Flügeldehnen eines Adlers vor dem ersehnten Aufstieg ins Unermessene hinaus«.
Zeitlebens begleitete Erzberger das Erstaunen über sein sagenhaftes Gedächtnis und seinen Arbeitseifer. Als er 1903 mit 28 Jahren sensationell früh als jüngster Abgeordneter für die katholische Zentrumspartei in den Reichstag gewählt wurde (das aktive und passive Wahlalter lag damals bei 25 Jahren), studierte er zunächst sämtliche Protokolle aller Reichstagssitzungen und galt bald über Fraktionsgrenzen hinweg als derjenige, den man nach allen möglichen Details fragen konnte.
Er ist ein Mann aus dem Volk und ein Politiker für das Volk
Schon vor Beginn seiner Berliner Karriere, zwei Jahre nach seinem Lehrerexamen, begann er, als Redakteur für das katholische Deutsche Volksblatt in Stuttgart zu arbeiten. In seinem politischen Engagement blieb er nicht nur seinem konfessionellen, sondern auch seinem sozialen Milieu treu, den kleinen Leuten. Was er als Aufbauhelfer in den katholischen Arbeitervereinen, in der Zentrumspartei und bei der Gründung der christlichen Gewerkschaften leistete, die ungezählten Briefe und Eingaben, die er für Bedürftige und Verzagte schrieb, die vielen Zeitungsartikel – all das spricht von einem enormen Engagement. In alldem war er ebenso milieu- wie traditionsverbunden, zugleich aber modern insofern, als er sich bei den Sozialdemokraten die Agitations- und Organisationsmethoden der Parteiarbeit abschaute.
Als er 1903 von der Zentrumspartei für den riesigen Wahlkreis Württemberg 16 aufgestellt wurde, der die Region um Biberach, Leutkirch, Waldsee, Wangen umfasste (alles Orte, an denen noch bis vor Kurzem die Bewerber der CDU mit großen Erststimmenmehrheiten gewählt wurden), profitierte er nicht nur von einem sicheren Wahlkreis. Er war tatsächlich ein bodennaher Volksmann, ein Politiker, dem man vertraute. Bald zog er als einer der ersten Abgeordneten mit Sack, Pack und Familie nach Berlin. In seiner Fraktion war er wohl der einzige »junge Wilde«, der sich nicht scheute, die Altvorderen vor den Kopf zu stoßen; dabei schützte ihn meist seine stupende Sachkenntnis und die Bereitschaft, sich in alles bis ins letzte Aktenstück hineinzuarbeiten.
Seine Laufbahn hätte einen großen Rückschlag erleiden können, als er die Skandale des trüben deutschen Kolonialwesens schonungslos aufdeckte. Der Reichstag lehnte schließlich das Budget für die Fortsetzung des brutalen Krieges gegen die Herero und Nama in Deutsch-Südwest ab, Reichskanzler Bülow ließ Neuwahlen ausschreiben, die berüchtigten »Hottentottenwahlen« von 1907. Obwohl sich das Zentrum im Ergebnis knapp verbesserte, kam es doch zu einer ebenso antikatholischen wie antisozialistischen Blockbildung aus Konservativen, Nationalliberalen und Linksliberalen (!), bei der das Zentrum seine regierungstragende Rolle verlor. Fraktionsfreunde rügten Erzberger und rieten, er möge sich nun erst einmal hinten anstellen.
Noch zu Beginn des Ersten Weltkriegs teilte Erzberger manchen Irrtum seiner Zeit. Er trat für einen »Siegfrieden« ein, befürwortete Annexionen und setzte ganz auf die neue U-Boot-Waffe. Aber viel früher als andere erkannte er seine Irrtümer – und korrigierte sie. »Wer wie ich 16 Jahre im Parlament steht«, bekannte er im Juli 1919 vor dem Reichstag, »dem fällt es gar nicht ein, zu leugnen, daß man als Abgeordneter auch politische Fehler gemacht hat, das sage ich ganz offen. Einer meiner größten politischen Fehler war der, daß ich eine weitgehende Gutmütigkeit gegenüber den früheren Regierungen an den Tag gelegt habe [...]. Kurze Zeit darauf habe ich nicht mehr daran geglaubt, weil ich die Wahrheit erfuhr und weiß, wie es bei Kriegsausbruch zugegangen ist.«
1915 wechselte Erzberger ins Friedenslager, warb zudem für eine Parlamentarisierung des Kaiserreichs, bis in die letzten Kriegsmonate allerdings ohne durchschlagenden Erfolg. Erst als Kaiser Wilhelm II. am 3.Oktober 1918 Prinz Max von Baden zu seinem (letzten) Reichskanzler ernannte, der nur etwas länger als fünf Wochen amtierte, wurden unter dem Druck außenpolitischer Erwartungen – keinen Frieden mit dem alten Regime! – erstmals Mitglieder der die Regierung tragenden Reichstagsfraktionen in das Kabinett aufgenommen. Knapp vier Wochen später wurde die konstitutionelle Monarchie verfassungsrechtlich verankert.
Doch kam dies alles viel zu spät, zumal Deutschlands heimlicher Militärdiktator General Erich Ludendorff, noch bevor Prinz Max überhaupt eine Regierungserklärung abgeben konnte, ultimativ darauf bestanden hatte, dass Deutschland sofort um einen Waffenstillstand nachsucht. Was sollte da noch der Versuch des Prinzen und Reichskanzlers erbringen, zwischen dem Pausieren und dem Niederlegen der Waffen subtil zu unterscheiden, als hätte das Reich den Krieg je wieder aufnehmen können.
So musste also Erzberger als Leiter der Waffenstillstandskommission zum französischen Marschall Ferdinand Foch nach Compiègne bei Paris reisen. Er sollte in der aussichtslosen Lage Erleichterungen erwirken, doch Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg ließ ihn wissen: »Gelingt die Durchsetzung dieser Punkte nicht, so wäre trotzdem abzuschließen.« Dass unter diesen Umständen der Versailler Friede ein Diktatfriede wurde, war auf lange Sicht gewiss fatal, aber in Ermangelung aller Machtmittel im Jahr 1918 weder durch das alte, einstürzende Kaiserreich noch durch die junge Republik zu verhindern: »Wer den Krieg verliert, verliert den Frieden...«
Das Ende des Kaiserreichs war nicht das Ende der Laufbahn Erzbergers. Im Kabinett des SPD-Kanzlers Philipp Scheidemann Minister ohne Ressort, wurde er am 21. Juni 1919 im Kabinett Gustav Bauers (ebenfalls SPD) zum Finanzminister ernannt. In wenigen Monaten setzte er, was einem Paul Kirchhof unter Friedensbedingungen heutzutage nie gelingen würde, eine völlig neue Finanzverfassung für Deutschland durch, vor allem eine einheitliche Finanzverwaltung. Auf diese Weise stellte er das Reich auf eigene fiskalische Beine und schuf ein Steuersystem, das im Grundsatz bis heute Bestand hat und das die materiellen Privilegien der Besitzbürger im Sinne der Leistungsgerechtigkeit stutzte. Allein diese enorme Tat müsste ihm einen Ehrenplatz in der Geschichte unserer Republik sichern.
»Die Kugel, die mich treffen soll, ist schon gegossen«
Indessen trug es ihm neue Schmähungen ein. So griff ihn der vormalige Reichsvizekanzler Karl Helfferich – ein Finanzexperte und führender Politiker der rechtsextremen Deutschnationalen Volkspartei – aus Hass (und wohl auch aus Konkurrenzneid) mit einer Hetzschrift an. Unter dem Titel Fort mit Erzberger! warf er darin dem Finanzminister die Vermischung seiner politischen Tätigkeit mit Geldinteressen vor, ganz zu Unrecht. Die auf dem rechten Auge blinde Justiz verurteilte Helfferich nur zu einer geringen Geldstrafe, Erzberger trat als Finanzminister zurück, um seine politische Rehabilitierung zu betreiben. Seine Partei stellte ihn für die Reichstagswahlen am 6. Juni 1920 neuerlich als sicheren Kandidaten auf, ein Jahr später, wenige Tage vor seinem Tode, wurde Erzberger vollständig entlastet. Nun hätte er seine Laufbahn fortsetzen können.
Doch am 26. August 1921 lauerten zwei ehemalige Marineoffiziere im Auftrag der rechtsextremen »Organisation Consul« dem Urlauber Erzberger auf einem Spaziergang bei Bad Griesbach auf. Schon anderthalb Jahre zuvor hatte ein vormaliger Offiziersanwärter versucht, Erzberger beim Verlassen des Gerichtsgebäudes nach einer Verhandlung im Helfferich-Prozess zu erschießen. Damals war die Kugel an seiner Uhrenkette abgeprallt. Seiner Tochter hatte er noch im Frühjahr 1921 in seinem anrührenden Gottvertrauen gesagt: »Die Kugel, die mich treffen soll, ist schon gegossen.«
Diesmal gab es tatsächlich kein Entkommen. Acht Schüsse streckten ihn nieder. Die Mörder waren bald identifiziert: Heinrich Schulz und Heinrich Tillessen. Sie konnten zunächst ins Ausland entkommen. Nach der Machtübernahme der Nazis profitierten sie von einer am 21. März 1933, zwei Tage vor dem Ermächtigungsgesetz, ergangenen Amnestie des Reichspräsidenten für »politische Verbrechen«. Zu diesem Datum hätte eine solche Amnestie laut Verfassung noch der Zustimmung durch ein Reichsgesetz bedurft, die aber unterblieb.
Dieser Punkt sollte 13 Jahre später eine Rolle spielen. Denn die im November 1946 erhobene Anklage gegen Tillessen wurde von den Richtern in Freiburg unter Berufung auf jene Amnestie niedergeschlagen. Die französische Besatzungsmacht aber ließ das Urteil kassieren und verwies den Fall zur Neuverhandlung nach Konstanz – auch unter Hinweis auf die Nichtigkeit der Amnestie.
So hat eine ungewöhnliche Verbindung aus nachgeholter Weimarer Verfassungstreue und Siegerjustiz wenigstens zu einem späten Minimum an Gerechtigkeit geführt: Tillessen wurde 1947 zu 15 Jahren Zuchthaus verurteilt, sein Mittäter Schulz im Juli 1950 zu zwölf Jahren. Schulz und Tillessen wurden 1952 auf Bewährung entlassen. Tillessen, der über seiner Tat seelisch zerbrochen war und echte Reue empfand, wurde 1958 begnadigt; die Witwe Erzbergers hatte sich schon 1946 dafür eingesetzt.
Das Gedenken an Matthias Erzberger jedoch blieb lange zurück hinter der Erinnerung an Walther Rathenau, der zehn Monate später den Fememördern der »Organisation Consul« zum Opfer fiel – und das, obwohl das Wirken Erzbergers letztlich bedeutsamer war. Hierin wirkte offenbar das Klassenvorurteil nach. Über den Industriellen und großbürgerlichen Intellektuellen Rathenau schrieb Harry Graf Kessler eine Biografie – der kleinbürgerliche Demokrat Erzberger war ihm (und vielen anderen) kein Gedenkblatt wert. Und bis auf den heutigen Tag erinnert im Straßenbild der Reichs- und Bundeshauptstadt Berlin kein einziges öffentliches Zeichen an diesen Opfergänger unserer Demokratie.
Die Erinnerungsstätte Matthias Erzberger in seinem Geburtshaus in Münsingen-Buttenhausen, Mühlsteige 21, ist von April bis Oktober sonn- und feiertags von 13 bis 17 Uhr geöffnet. Tel. 07381/182115; Katalog 12,50 €. Am 26. August erhält, im Rahmen einer Gedenkstunde, der Festsaal des Bundesfinanzministeriums in Berlin offiziell den Namen Matthias-Erzberger-Saal.
- Datum 24.08.2011 - 11:13 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 18.8.2011 Nr. 34
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Matthias Erzberger war nicht das erste und nicht das letzte Opfer der politischen Reaktionäre, die hier als die alten Eliten beschrieben werden.
Matthias Erzberger war auch ein Opfer der Reichsgründung durch die Ebert-SPD, welche die alten Eliten nicht nur unangetastet ließ sondern sogar noch wieder gesellschaftsfähig machte.
Erste prominente Opfer der politischen Reaktionäre waren Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht.
Auch da stoppte die Ebert-SPD die Mörder nicht, sondern ermunterte sie so gar noch. So nimmt es kein Wunder, dass Matthias Erzberger ermordet werden konnte. Man hatte sich die Mörder herangezogen und gepflegt, bis sie endlich zum Einsatz kamen.
Ein guter Artikel über einen mutigen, zu Unrecht fast vergessenen Demokraten.
Dennoch möchte ich zwei ergänzende Anmerkungen machen.
Zum Einen ist natürlich der Vergleich mit Bismarck überaus gewagt und für Erzberger eine Nummer zu groß. Es gab in den letzten 120 Jahren in Deutschland schlichtweg NIEMAND, der es an Format, politischer Klugheit (trotz der dummen Sozialistengesetze) und Nutzen für unser Land mit Bismarck aufnehmen könnte. Und es ist auch niemand in Sicht.
Zum Zweiten ist die päbstliche Friedensinitiative von 1917 vor allem an der Entente gescheitert, die vor jeglichen Verhandlungen einen Regime Change in Deutschland verlangte und ansonsten, nach dem kriegseintritt der USA, auf Sieg und Maximalforderungen setzte. Schließlich hat das Britische Empire diesen Krieg nicht geführt, um über den Status von Belgien zu verhandeln.
Ansonsten aber Danke und großes Lob für diesen Beitrag, bitte mehr davon.
Leider wird auch dieser überzeugend geschriebene Artikel nicht diejenigen eines Besseren belehren wollen, die auch heutzutage noch Kriegshandlungen als "notwendig" ansehen und von "Feld der Ehre" usw. schwafeln. Gerade der Kontrast Erzberger - Kessler zeigt deutlich, wie sehr bestimmte Kreise einem Dünkel verhaftet waren -und es immer noch sind-, der im Ergebnis unermessliches Leid über die Menschen gebracht hat und noch bringen wird.
Die Angst vor einem Gesichtsverlust bei einem eventuellen Umkehren aus der Sackgasse, in die man sich selbst manövriert hat, die Unfähigkeit, eigene Fehler einzugestehen, oder gar das Unvermögen, überhaupt einen Irrtum auf eigener Seite sehen zu wollen - all das Symptome einer sich selbst überhebenden Kaste von abstrakt "Ehrwilligen", die im Zweifelsfall mehr Mittel zum Durchsetzen ihrer Interessen haben als die Gegenseite. Und sich im Unterliegensfall immer noch nicht zurechtfinden in der Verliererrolle... und die es auch heute noch allzu zahlreich gibt.
Der sachlich fundierte und zugleich einfühlsame Artikel versetzt einen nicht nur in die damalige krisengeschüttelte Zeit, sondern ist auch von beklemmender Aktualität.
Chauvinistische Militärs haben im Namen einer chauvinistischen Öffentlichkeit (auch die sozialdemokratischen Arbeiter zogen mit Hurra-Geschrei in den Krieg) über Deutschlands wirtschaftliche und militärische Verhältnisse hinaus Krieg geführt. Als Deutschland deshalb am Rande des Zusammenbruchs stand, musste Erzberger es ausbaden. Heute befindet sich Deutschland wieder am Rande einer schweren Krise, ja vielleicht am Rande des Zusammenbruchs von Wirtschaft und Sozialsystemen, weil es jahrzehntelang über seine Verhältnisse lebte und Schulden anhäufte. Den Politiker, der es dann ausbaden und gewaltige Sparmaßnahmen nebst Konsumverzicht gleich einer Kapitulation erklären muss, beneide ich nicht. Vielleicht ist auch für ihn schon eine Kugel gegossen.
Sie haben Recht: da Hindenburg und Ludendorff zu feige und zu berechnend waren Verantwortung fuer den Krieg zu uebernehmen, hat das die Politik gemacht.
Es ist beschaemend zu sehen wie viele Hindenburg Strassen und Hindenburg Kasernen es immer noch in Deutschland gibt, dem nach Hitler groessten Geschichtsfaelscher in Deutschland ('Schlacht bei Tannenberg', 'Dolchstoss'). Auf der anderen Seite werden Maenner wie Erzberger nicht im Gedaechtnis der Deutschen bewahrt.
Sie haben Recht: da Hindenburg und Ludendorff zu feige und zu berechnend waren Verantwortung fuer den Krieg zu uebernehmen, hat das die Politik gemacht.
Es ist beschaemend zu sehen wie viele Hindenburg Strassen und Hindenburg Kasernen es immer noch in Deutschland gibt, dem nach Hitler groessten Geschichtsfaelscher in Deutschland ('Schlacht bei Tannenberg', 'Dolchstoss'). Auf der anderen Seite werden Maenner wie Erzberger nicht im Gedaechtnis der Deutschen bewahrt.
Nur lesen ihn wahrscheinlich nur wenige. Leider ist ein Politiker dieses Formats heute nicht in Sicht.
..guter Artikel! Leider teile ich die Meinung von alldasnutzlose, das er wenige Leser finden wird.
Sie haben Recht: da Hindenburg und Ludendorff zu feige und zu berechnend waren Verantwortung fuer den Krieg zu uebernehmen, hat das die Politik gemacht.
Es ist beschaemend zu sehen wie viele Hindenburg Strassen und Hindenburg Kasernen es immer noch in Deutschland gibt, dem nach Hitler groessten Geschichtsfaelscher in Deutschland ('Schlacht bei Tannenberg', 'Dolchstoss'). Auf der anderen Seite werden Maenner wie Erzberger nicht im Gedaechtnis der Deutschen bewahrt.
Wo erkennen Sie bezüglich der Schlacht bei Tannenberg denn "Geschichtsfälschung". Gut, der nächste Ort zum Hauptkampfgebiet war nicht Tannenberg, sondern Hohenstein, aber sonst? Nach der Schlacht bei Tannenberg kam es zu einer zeittypisch völlig normalen Mythologisierung, ähnlich dem französischen "Wunder an der Marne". Nur wer die absolut entmythologisierte Gegenwart der Bundesrepbulik ernsthaft zu einem Wertmaßstab früherer Zeiten erhebt, kann den Mythos Tannenberg mit der Dolchstoßlegende vergleichen.
Hindenburg agierte als Politiker der Republik stets verfassungskonform und brachte Hitler sogar einigen Widerstand entgegen. Er war das einzige Staatsoberhaupt, das die Deutschen selbst direkt wählen konnten. Ich kann mit Hindenburg-Straßen und Hindenburg-Kasernen sehr gut leben. Ich wünsche keine weitere Kappung der Traditionslinien zum Kaiserreich. Die gesinnungsstarken, gedankenlosen Straßenumbenenner, die sich arrogant auf der sicheren Seite Geschichte, ja als Sieger der Geschichte wähnen sollen sich bitte in Demut üben.
Wo erkennen Sie bezüglich der Schlacht bei Tannenberg denn "Geschichtsfälschung". Gut, der nächste Ort zum Hauptkampfgebiet war nicht Tannenberg, sondern Hohenstein, aber sonst? Nach der Schlacht bei Tannenberg kam es zu einer zeittypisch völlig normalen Mythologisierung, ähnlich dem französischen "Wunder an der Marne". Nur wer die absolut entmythologisierte Gegenwart der Bundesrepbulik ernsthaft zu einem Wertmaßstab früherer Zeiten erhebt, kann den Mythos Tannenberg mit der Dolchstoßlegende vergleichen.
Hindenburg agierte als Politiker der Republik stets verfassungskonform und brachte Hitler sogar einigen Widerstand entgegen. Er war das einzige Staatsoberhaupt, das die Deutschen selbst direkt wählen konnten. Ich kann mit Hindenburg-Straßen und Hindenburg-Kasernen sehr gut leben. Ich wünsche keine weitere Kappung der Traditionslinien zum Kaiserreich. Die gesinnungsstarken, gedankenlosen Straßenumbenenner, die sich arrogant auf der sicheren Seite Geschichte, ja als Sieger der Geschichte wähnen sollen sich bitte in Demut üben.
Wo erkennen Sie bezüglich der Schlacht bei Tannenberg denn "Geschichtsfälschung". Gut, der nächste Ort zum Hauptkampfgebiet war nicht Tannenberg, sondern Hohenstein, aber sonst? Nach der Schlacht bei Tannenberg kam es zu einer zeittypisch völlig normalen Mythologisierung, ähnlich dem französischen "Wunder an der Marne". Nur wer die absolut entmythologisierte Gegenwart der Bundesrepbulik ernsthaft zu einem Wertmaßstab früherer Zeiten erhebt, kann den Mythos Tannenberg mit der Dolchstoßlegende vergleichen.
Hindenburg agierte als Politiker der Republik stets verfassungskonform und brachte Hitler sogar einigen Widerstand entgegen. Er war das einzige Staatsoberhaupt, das die Deutschen selbst direkt wählen konnten. Ich kann mit Hindenburg-Straßen und Hindenburg-Kasernen sehr gut leben. Ich wünsche keine weitere Kappung der Traditionslinien zum Kaiserreich. Die gesinnungsstarken, gedankenlosen Straßenumbenenner, die sich arrogant auf der sicheren Seite Geschichte, ja als Sieger der Geschichte wähnen sollen sich bitte in Demut üben.
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