Ein fast schon geflügeltes Wort lautet, dass sich mit schlechter Ökonomie keine gute Politik machen lässt. Gegen diese Erkenntnis verstoßen die Anhänger der gemeinsamen europäischen Währung seit mehr als einer Dekade. Sie tun es unverdrossen bis heute, mit dem Argument, Europa breche auseinander, sollte die Euro-Zone kleiner werden. Das Gegenteil ist richtig. Das Ausscheiden Griechenlands und womöglich einiger weiterer nicht wettbewerbsfähiger Staaten aus der Euro-Zone würde für weniger Spannungen in Europa sorgen, als es das Festhalten an der Euro-Zone gegenwärtigen Zuschnitts tut. Der Euro erweist sich für Europa nicht als Klammer, sondern als Sprengsatz.

Ökonomen wird vorgeworfen, dass sie viele Krisen nicht vorhergesagt haben, etwa die 2008 ausgebrochene Finanzkrise . Die Euro-Krise haben sie vorhergesagt. Sie haben vor einer gemeinsamen Währung und einer gemeinsamen Geldpolitik für ungleiche Partnerländer gewarnt. Sie haben davor gewarnt, dass hohe Transferzahlungen an die ökonomisch schwächeren Länder die Folge sein werden. Und sie haben davor gewarnt, dass der Euro Europa »Spannungen aussetzen wird, die in absehbarer Zeit zu einer politischen Zerreißprobe führen können und damit das Integrationsziel gefährden«, wie es vor fast 20 Jahren in einem Manifest hieß.

Die Krise , die nun die Währungsunion ereilt hat, sie war lange angekündigt.

Griechenland wäre sogar die hohe Auslandsverschuldung erspart geblieben, wäre die Drachme 2001 nicht gegen den Euro eingetauscht worden. Damit waren die Finanzmärkte nämlich das Wechselkursrisiko los. Ein Länderrisiko mussten sie nicht fürchten, weil die in den EU-Verträgen gemachte Versicherung, jedes Euro-Land sei für die Rückzahlung seiner öffentlichen Schulden selbst verantwortlich, nicht wirklich glaubwürdig war. Dies umso weniger, als es die Politik bis heute versäumt hat, den Finanzmarkt adäquat zu regulieren. Nur deshalb waren mit wenig Eigenkapital ausgestattete Banken in der Lage, ihre mit geliehenem Geld ermöglichte Kapitalanlagen so stark auf Anleihen eines Staates zu konzentrieren, dass dessen Insolvenz die Zahlungsfähigkeit der Bank selbst gefährden konnte. Und nur so wurde die Insolvenz eines kleinen Mitgliedsstaates wie Griechenland zu einem »systemischen« Risiko für Europa.

Es ist fast erstaunlich, wie präzise diese Gefahren antizipiert wurden. Doch wer es seinerzeit wagte, vor der übereilten Währungsunion zu warnen, wurde als Europa-Gegner verunglimpft, als Nationalist und kleinkarierter Provinzler. Es regiere eine »Koalition der Weggucker«, schrieb der Spiegel 1993.

Seitdem hat sich wenig geändert. Wie gehabt, ist das Tabuisieren und Weggucken en vogue. Dabei ist offensichtlich, dass sich der Euro in seiner gegenwärtigen Form, also mit 17 Mitgliedsländern, nur retten ließe, wenn sich Europa zu einer Fiskalunion entwickelte , mit permanenten Transfers. Das bei der Euro-Einführung gemachte Versprechen, jeder sei für seine Schulden selbst verantwortlich, wäre dann endgültig Makulatur.

Im Namen eines größeren Ziels, der Vereinigten Staaten von Europa , wäre der Wortbruch womöglich verschmerzbar. Doch hat das Scheitern des europäischen Verfassungsentwurfs gezeigt, dass der Integrationsprozess auf dieses Ziel gerade nicht zusteuert; die Mitgliedsstaaten bestehen auf ihrer nationalen Souveränität, insbesondere auf ihrer finanziellen Autonomie. In den Köpfen der Menschen, der Gewählten wie der Wähler, funktioniert Politik immer noch territorial.