In ihrem kleinen, hellblauen Rucksack trägt Arianna Borrelli alles bei sich, was sie für ihr Experiment braucht: einen Spiralblock, DIN A4, kariert; vier Kugelschreiber, blau; einen Zoom H2 Handy Recorder. In das handliche Diktiergerät wird sie Physiker sprechen lassen, sie wird sie bitten, zu beschreiben, was sie sich von der größten Maschine der Welt erhoffen: dem Teilchenbeschleuniger Large Hadron Collider (LHC) . Borrelli, eine schmale, quirlige Frau mit grauen Locken, will beobachten, wie Erkenntnis gemacht wird, wie Wissen entsteht. Sie will das Making-of eines neuen Weltbildes protokollieren.

Arianna Borrelli ist Philosophin, und sie erkundet die "Epistemologie des LHC". So heißt, etwas sperrig, ein außergewöhnliches Forschungsprojekt an der Bergischen Universität Wuppertal, das Philosophen, Physiker und Historiker zusammenbringt. Epistemologie, Erkenntnistheorie, das ist die Wissenschaft vom Wissenschaffen. Monatelang hat sich Borrelli in die theoretischen Modelle der Teilchenphysiker hineingedacht, ihre Veröffentlichungen studiert, Fragen formuliert. Jetzt startet sie ihren Feldversuch. Eine Woche lang wird sie mit ihrem Diktierdetektor am Kernforschungszentrum Cern bei Genf aufzeichnen, wie die Physiker dort ticken.

Dass Philosophen und Physiker miteinander sprechen, ist nicht selbstverständlich. Zwar gab es jahrtausendelang nur eine Wissenschaft, die Naturphilosophie. Doch spätestens im 19. Jahrhundert zerfiel die Welt der Wissenschaft in Natur und Philosophie. Die Sprachlosigkeit zwischen den Disziplinen brachte der Physiker David Mermin Ende des 20. Jahrhunderts mit seiner lakonischen Interpretation der Quantenmechanik auf den Punkt. Er sagte nur noch: "Shut up and calculate!"

Jetzt will Borrelli reden. Für ihr Experiment hat sie sich das aufwendigste Forschungsprojekt aller Zeiten ausgesucht. 10.000 Physiker in aller Welt sind am LHC beteiligt, etwa 3.000 forschen vor Ort am größten menschengemachten Gerät überhaupt. Die Philosophin will wissen, wie die verschiedenen Physikerspezies mit den Ergebnissen umgehen, die ihre Erkenntnismaschine ausspuckt. Wie reagieren die Theoretiker auf die Daten aus den Experimenten? Jahrzehntelang haben sie an ihren Modellen gebastelt, ohne sie überprüfen zu können. Jetzt wird gemessen, und womöglich schlägt die Stunde der Wahrheit. Und wie sehen die Experimentalphysiker ihre Daten? Wie genau kann das neue Bild der Welt, das sie womöglich daraus fabrizieren, überhaupt werden? Schließlich können die Teilchenphysiker längst nichts mehr direkt beobachten, sondern müssen alles mühsam aus kleinsten Datenschnipseln rekonstruieren.

Der Journalistin geht es ähnlich. Direkt beobachten kann sie den philosophischen Versuch nicht, denn die Philosophin fürchtet, das könnte ihr Experiment stören. Also auch hier: Rekonstruktion.

"Ich blick bei den Geisteswissenschaftlern nicht immer durch", hatte Peter Mättig vorher am Telefon gesagt. Der Teilchenphysiker ist einer der Leiter des Wuppertaler Erkenntnisprojekts. Gemeint hatte er die Vorbehalte der Philosophin gegenüber anderen Beobachtern. Jetzt sitzen Mättig und Borrelli an einem der weißen Plastiktische auf der Terrasse der Cern-Cafeteria in der Sonne. Junge Leute in Kapuzenpullis und T-Shirts trinken Kaffee, in der Ferne leuchtet der schneebedeckte Montblanc, eine Atmosphäre wie vor einer Skihütte. Eigentlich hatte die Philosophin mit dem Physiker ein Schein-Interview führen wollen, um der Journalistin ihre Methode zu demonstrieren. Doch dann steigern sich die beiden Kollegen gut gelaunt in eine echte Diskussion hinein.