Ich habe nie eine bescheidenere Berühmtheit als Jane Goodall kennengelernt. Wir trafen uns in einem Münchner Hotel, die legendäre Verhaltensforscherin hatte eine anstrengende Vortragsreise durch Österreich hinter sich und die Schweizer Premiere eines Films über ihr Leben vor sich. Aber die 77-Jährige redete nicht nur mit höchster Präsenz und einer sehr britischen Selbstironie, sie hörte auch mit einer Aufmerksamkeit zu, wie ich sie selten erlebe.

Dabei soll nach einer amerikanischen Untersuchung nur ein Wissenschaftler mehr Menschen bekannt sein als sie – Albert Einstein. Goodall selbst würde wohl widersprechen, wenn man seinen und ihren Namen in einem Atemzug nennt, denn sie hat nicht einmal studiert. Eine Pioniertat ähnlich der Erschaffung der Relativitätstheorie war es gleichwohl, als sie nach Abschluss einer Sekretärinnenschule 1960 im ostafrikanischen Gombe-Nationalpark in Tansania das Leben der Schimpansen zu erforschen begann. Nie zuvor hatte ein Mensch längere Zeit auf den Spuren wilder Menschenaffen verbracht. Und was Goodall entdeckte, eröffnete nicht nur ein neues Verständnis unserer nächsten Verwandten. Ihre Forschungen waren auch wegweisend für unseren Umgang mit Tieren überhaupt.

Als wir bei unserem zweiten Treffen einen Tag später durch die Isaranlagen spazierten, brachte Goodall plötzlich so täuschend echt Schimpansenlaute hervor, dass Passanten sich umdrehten. Offenbar fürchteten sie, ein entlaufenes Tier treibe sich im Park herum.

ZEITmagazin: Frau Goodall, es heißt, Sie haben Schwierigkeiten, sich Gesichter zu merken.

Jane Goodall: Lange Zeit hielt ich es für geistige Trägheit, wenn ich Menschen nicht wiedererkannte. Dann erklärte mir Oliver Sacks, der Neurologe, dass ich an einer wohl angeborenen Störung leide, Prosopagnosie. Kurioserweise betrifft sie nur die Erinnerung an Gesichtszüge.

ZEITmagazin: Wir könnten uns morgen auf der Straße begegnen, und Sie würden mich nicht erkennen?

Goodall: So schlimm ist es bei mir nicht. Ich scheitere an Durchschnittsgesichtern, an Ihres würde ich mich erinnern.

ZEITmagazin: Ich habe dieselbe Störung wie Sie. Am schlimmsten war es, wenn ich meine eigenen kleinen Kinder in der Kitagruppe nur an ihrer Kleidung erkannte.

Goodall: Prosopagnosie kann wirklich demütigend sein. Wenigstens geht es uns besser als dem armen Oliver Sacks, der auch daran leidet. Dem fehlte jede Ahnung vom Gesicht seiner Sekretärin – obwohl er sie zehn Jahre lang täglich in seinem Vorzimmer sah!

ZEITmagazin: Haben Sie auch mit Schimpansengesichtern Probleme?

Goodall: Dieselben. Ich behalf mich, indem ich mir bestimmte Merkmale ihrer Gesichter gezielt einzuprägen versuchte. Zudem orientierte ich mich an ihrem Körperbau, ihrer Haltung, der Haarfarbe, der Stimme.

ZEITmagazin: Wenn man Ihr Lebenswerk in einem Satz zusammenfassen wollte, könnte man sagen: Sie hat den Schimpansen Gesichter gegeben. Sie haben gezeigt, dass jedes Tier eine eigene Persönlichkeit hat – wie wir.

Goodall: Und einen Verstand und Gefühle.

ZEITmagazin: Einer langen Tradition unseres Denkens zufolge ist das ganz anders. Descartes, der französische Philosoph, erklärte, Tiere seien von ihren Instinkten gesteuerte Maschinen. Woher nahmen Sie als ganz junge Frau den Mut, zu widersprechen?

Goodall: In zwei Dingen hatte ich riesiges Glück. Das eine Glück war die Weisheit meiner Mutter. Sie brachte mir bei, unerschrocken zu sein, wenn andere meine Überzeugung nicht teilen. Das andere war mein Lehrer. Sie haben von ihm gelesen?

ZEITmagazin: Louis Leakey, der Anthropologe. Er hat Sie 1960 zu den Schimpansen in den Urwald geschickt – mit Ihrer Mutter, das war die Bedingung der britischen Kolonialverwaltung. Leakey hoffte, etwas über die Herkunft des Menschen zu erfahren.

Goodall: Nein! Mein Lehrer war Rusty, mein Spaniel. Er hat mich durch meine Kindheit begleitet. Er war unheimlich intelligent – und anders als alle meine späteren Hunde. Dank Rusty kam ich nicht auf die Idee, am Verstand und an der Persönlichkeit der Tiere zu zweifeln.

ZEITmagazin: Er hat Sie gegen die herrschende Vorstellung immunisiert.

Goodall: Ja. Als ich meine Forschung begann, hatte ich allerdings noch gar keine Ahnung davon, wie die Wissenschaftler über Tiere dachten. Ich war ja als Sekretärin nach Afrika gekommen.

ZEITmagazin: Dort lernten Sie Louis Leakey kennen, und er bot Ihnen an, als Verhaltensforscherin zu arbeiten. Dabei muss er doch genau gewusst haben, dass Sie nie eine Universität von innen gesehen haben.

Goodall: Natürlich. Viel später gestand er mir, dass er mich genau darum ausgewählt hatte. Er wollte jemanden, der sich den Tieren ohne Vorurteile nähert. Er war sehr weise.

ZEITmagazin: Sie waren eine der drei jungen Frauen, die Leakey zu den Menschenaffen aussandte: Dian Fossey, die ebenfalls noch keine wissenschaftliche Ausbildung hatte, setzte er auf die Gorillas an, Biruté Galdikas auf die Orang-Utans. Warum nur Frauen?

Goodall: Weil er junge Frauen mochte. Und mitunter ging er zu weit. Für mich war das ein Problem, weil er ja der Einzige war, der meinen Traum wahr machen konnte. Er hatte von einem reichen Amerikaner Geld für sechs Monate meiner Forschung besorgt. Es war nicht viel. Ich hatte ein miserables Fernglas, wir lebten in einem ausgedienten Armeezelt. Wenn man es lüften wollte, musste man die Seitenwände hochbinden; dann krochen die Spinnen, Skorpione und Schlangen hinein. Meine Mutter hat das alles nicht nur mit mir ertragen, sie hielt auch noch meine Moral hoch. Denn ich wusste: Wenn ich in einem halben Jahr keine Ergebnisse habe, ist mein Abenteuer für immer beendet. Und ich kam den Schimpansen nicht näher, obwohl wir Bananen für sie ausgelegt hatten. Es war zum Verzweifeln.